Aus den Häusern 15. Februar 2015

27 Jahre danach: Neuer „Volksfeind“. Anderer Feind? Anderes Volk?

Premiere im Rückblick: Carsten Knödler hinterfragt Ibsen in Pegida-Zeiten

Mutig, Carsten Knödler! 27 Jahre nach der legendären Inszenierung des „Volksfeinds“ durch Frank Castorf im Karl-Marx-Städter Schauspielhaus stellt sich der heutige Direktor der Chemnitzer Bühne der Herausforderung. Und punktet. Ibsens Drama, vor 133 Jahren entstanden, ließ ein nachdenkliches Publikum zurück. Es hat bei der Premiere am Samstag Theater erlebt, das an der Wirklichkeit von Abendspaziergängen oder Brückenstraßendemos näher dran war, als noch so viele Talkshows zum unbunten Thema Pegida und deren bunter Gegenwehr. Herzlicher (betroffener?) Beifall für Knödlers Inszenierungsteam und die Schauspieler.

Man kommt in Chemnitz nicht daran vorbei. Frank Castorf war (aus Anklam) geschasster Geheimtipp von Theaterfreaks, aber noch kein „Großer“, als er in Karl-Marx-Stadt den „Volksfeind“ inszenierte. Das Gastspiel der Karl-Marx-Städter im April 1990 in Berlin aber war eine Art Eintrittskarte (ein „i-Tüpfelchen“, Hartwig Albiro) in die „Volksbühne“, als deren Intendant Castorf er seither Furore machte.

Die Castorf-Inszenierung „gehörte zu den wichtigsten Theatererlebnissen meiner Jugend“, erinnert sich Carsten Knödler. Nicht nur, weil sein Vater Gerd Preusche als Stockmann auf der Bühne stand. „Ich möchte untersuchen, was mit den Gedanken, die Ibsen vor über 130 Jahren formulierte und die so trefflich in die Wendezeit passten, 25 Jahre nach dem Mauerfall passiert“, sagte er in einem 371-Interview.

Bemerkenswert, wie Knödler das macht. Konzentration statt Provokation. Am Anfang beherrscht ein großes Ibsen-Porträt die Bühne (ein treppiger bühnenvergrößernder, „marmorner“ Bade-Show-Room. Bühne: Frank Heublin). Als ob er dem Stückezertrümmerer Castorf genau das Gegenteil entgegensetzen wollte, lässt er Ibsen sprechen. Wort für Wort. Die Schauspieler nehmen sich am Anfang zurück, sind eher Schausprecher. „‘Der Volksfeind‘ braucht keine Aktualisierung, denn er wirkt wie für unsere Zeit geschrieben. Entweder haben sich die Menschen und ihre Handlungsmuster seit über hundert Jahren nicht geändert oder Ibsen ist genial. Oder beides. Das ist spannend, unterhaltsam und aufwühlend“, so Knödler im selben Interview.

Stimmt. Und stimmt doch nicht ganz. Clever und fast unmerklich verändert Knödler (zusammen mit Dramaturgin Kathrin Brune) ein paar einzelne Wörter. Und schafft ohne Faust im Auge Aktualität, die ganz unterschiedliche Bilder in die Köpfe der Zuschauer brennt.

Der Badearzt Dr. Thomas Stockmann war bei Ibsen, ehe er zurückkehrte, ganz oben im Norden, am kalten A… der norwegischen Welt. Bei Knödler kommt er aus einem „Kaff im Westen“. Mit einem Wort ist das Geschehen auf Ostdeutschland verortet, mit einem Wort flirren gebürtigen Ost- und Westdeutschen unterschiedliche Erfahrungsschnipsel durch den Kopf.

Knödler weiß ganz genau, hat er ja selbst erlebt, welchen Unterton der DDR-Zuschauer aus Ibsen-Castorf herausgehört hat. Wenn von Obrigkeit die Rede ist, von persönlicher Freiheit und Kadavergehorsam. Oder vom Wehren: ja, solange es „nicht den Mächtigen weh tut“ (Aslaksen, der – welcher Sarkasmus! Chef der „kleinen Leute“ ist, des Hausbesitzer-Vereins, und gleichzeitig Chef des Mäßigungs-Vereins). Alles weg heute. Westdeutsche Alt-68er Pseudo-Revoluzzer haben anderes erlebt, aber sie ducken sich heute, so noch im Job, vor den Vorgesetzten. Würden sich fürchten vor fristloser Kündigung wegen Vertrauensbruchs, wie ihn Stockmann, der angestellte Badearzt, begeht. Lieber Kuschen, als auf die Straße gehen (waren sie damals je dabei?). Was juckt die Stammtischgröße West Pegida im Tal der Ahnungslosen. Und im Osten? Keine zwei Prozent der Dresdner bei der Anti-Pegida-Demo?

„Faschistisch, das ist faschistisch“, brüllt Billing (Dominik Förtsch, einer der vier Schauspielstudenten – alle vier waren dabei!) in die Rede Stockmanns auf der Bürgerversammlung hinein. Das steht nicht bei Ibsen. Aber heute in allen Medien, wenn sie über Pegida berichten. Eine irre starke Theaterszene übrigens, diese Bürgerversammlung, deretwegen allein sich jeder Besuch der Inszenierung lohnt. Wenn Stockmann zum Goebbelsverschnitt wird, live-video-vergrößert (wie einst Goebbels im Film der Sportpalastrede) außer sich brüllt „Es ist nichts daran gelegen, wenn eine lügenhafte Gesellschaft zugrunde geht! Vom Erdboden muss sie wegrasiert werden, sag' ich!... Und kommt es so weit, dann sage ich aus voller, innerster Überzeugung: möge das ganze Land zugrunde gehen; möge das ganze Volk hier ausgerottet werden!“ 50 Jahre nach Ibsen begannen die Nazis, alles Nichtarische „ausradieren“…

Die Zuspitzung im fanatischen Pochen darauf, dass Recht hat, wer stärker ist, auf immer gemeinschaftsfernere, egozentrischere Übertreibungen und Ideologie-stinkende Gedankenballen gipfelt in dem missbrauchten „Wir sind das Volk“ – Ausgrenzung statt Gemeinsamkeit. Das stehe so bei Ibsen, schreibt Kathrin Brune im Programmheft. Stimmt…fast. Dort ist es als Frage formuliert: „Hoho! Wir sind nicht das Volk? Nur die Vornehmen sollen regieren?“ Die Mini-Veränderung im Text schafft, was sie soll. Die Erinnerung an 1989, und was mit den Gedanken von damals „25 Jahre nach dem Mauerfall passiert.“ In ost- und westdeutschen Gehirnen.

Die größte Änderung nimmt Knödler am Schluss vor. Bei Ibsen zieht Stockmann ins Haus des Kapitäns und macht mit seiner Lehrerinnen-Tochter eine Schule auf. Kann Hoffnung bedeuten, oder Gipfel eines fast autistischen Irrsinns. Hier erscheint Hedda Gabler („ich bin aus einem anderen Stück“) bringt Stockmann eine Pistole: „Aber mach es in Schönheit“, sagt sie, wie einst zu ihrem Lover Løvborg. Der machte es nicht schön, schoss sich in den Unterleib. Stockmann macht – gar nichts. Sitzt am Ende betröppelt da, die Pistole auf dem Schoß. Das Streben nach Macht und das Erleben der Ohnmacht – die Menschen ändern sich nicht.  Machen sich nur was vor. Lebenslügner allesamt. Mit dem „Volksfeind“ rundet Knödler seine „Lebenslügen“-Trilogie ab, die er in Chemnitz mit „Virginia Woolf“ (Edward Albee) begann und mit „Hedda Gabler“ fortsetzte.

Ein starkes Stück. Und ein starker Carsten Knödler. 1988 musste man zwischen den Zeilen hören. Heute auf jedes Wort. Diebische Freude damals, weil denen da oben eins ausgewischt wurde. Betroffenheit heute, wenn man erkennt, dass Ibsen einem selbst eins auswischt. Und dass Cicero vielleicht doch nicht recht hat. Weil sich Zeiten zwar ändern, aber wir Menschen nicht unbedingt mit ihnen.

Unbedingt sehenswert.

*

Philipp von Schön-Angerer entwickelt sich von dem Möchtegern-Großen Badearzt Stockmann über den irren Hetzer zum verzweifelnden Häufchen Elend. Philipp Otto ist der machtbesessene Bruder („Freunde kann man sich aussuchen“), zynisch, erpresserisch, notfalls über Leichen gehend. Ulrich Lenk macht den Hovstad in jeder Phase präsent zum Prototypen einer bestechlichen Lügenpresse, Marko Ballack gibt einen Aslaksen, der verlogen bis zum geht nicht mehr, Kontrolle ausübt, ein IM-Apparatschik, dabei nur auf seinen Vorteil bedacht. Der junge Dominik Förtsch brüllt und schreibt als Billing, was von ihm verlangt wird, ein krawallgebürsteter Typ, der sich abduckt und zum Wodka greift, wenn’s gefährlich wird. Mutter und Tochter Stockmann (Maria Schubert und Lysann Schläfke) kommen leise daher, keine Hedda Gablers, Familienmenschen, vielleicht die klügsten, weil sie Herz haben und erkennen, wie sich ihr „Gebieter“ verrennt und ins Unglück stürzt. Morten Kill, ruhiger und gelassener, absolut gewissenloser Verbrecher mit weißem Kragen ist Wolfgang Adam. Interessant der Außenseiter, der Kapitän (Christian Ruth). In sich ruhend, weil (auf dem Schiff) wirklich mächtig, im Gegensatz zu den Irren auf dem Festland und ihren spinnerten Vorstellungen.

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