Aus den Häusern 29. März 2015

Die gerupfte Lerche


Premiere im Rückblick: Bogdan Kocas Sicht auf die (Un-)Freiheit des (Christen-)Menschen – Anouilhs „Jeanne oder die Lerche“ als Kammerspiel im Schauspielhaus.

Samstag. Wieder Premierenabend im Schauspielhaus. Es ist der Abend von Maria Schubert. Die zierliche Schauspielerin mit großer Kraft und faszinierender Ausstrahlung entspricht so genau den Vorstellungen des Publikums von dem Bauernmädchen Jeanne d’Arc, das an der Spitze eines Heeres zum Idol Frankreichs werden sollte, dass es mitfiebert, mitbangt, mitleidet und am Ende die Schauspielerin mit Beifall überschüttet. Die Botschaft der Lerche (oder die Anouilhs, oder die von Koca) verschwindet fast hinter der unglaublichen Bühnen-Präsenz dieser Maria Schubert. Aber nur fast.

In einer Schlüsselszene singen rührend Jeanne und La Hire, ihr Freund aus Jugendtagen (forsch und zart: Dominik Förtsch), das Lied von der Lerche: „Alouette, gentille Alouette…“ („Lerche, zierliche Lerche“). Das im französischen (und englischen) Sprachraum beliebte Kinderlied hat zu einer engelhaften Melodie einen garstigen Text. Die Lerche, dieser kleine Vogel, der sich sonst fröhlich zwitschernd ganz hoch ins Firmament schwingt, wird gerupft, soll in den Kochtopf. (Nicht nur Märchen, auch Kinderlieder sind mitunter ganz schön grausam). „Alouette“ (so der Originaltitel), Anouilhs Lerche Jeanne, ahnt, dass es vorbei ist mit ihren Höhenflügen. Ihr Freund ist nicht mehr der nette Junge von nebenan. Waffenstarrend, Handgranaten an den Schultern, lädt er seine Pistole, mit der er die Richter umbringt, die seine Lerche rupfen wollen. Doch alles ist nur ein Traum in Jeannes Kopf. Sie wird auf dem Scheiterhaufen verbrennen…

Das ist das Dilemma in Anouilhs „Komödie“: Der Mensch, der Ja sagt, ist nicht mehr frei. („Niemand hat das Recht zu gehorchen“, dieses Hannah Arendt-Zitat ist das Motto des Chemnitzer Schauspiels in dieser Spielzeit). Wer Ja sagt, unterwirft sich dem Willen anderer - dem Vater, der auch der Henker wird (vielschichtig: Philipp von Schön-Angerer), dem Inquisitor (satanisch als menschenverachtender Luzifer eines falschen Himmels: Ulrich Blöcher), und dem Gericht mit dem Grafen Warwick (dem englischen, Don Giovanni verwandten Verführer „…komm auf mein Schloss mit mir“, charmanter Feind, der sich ein Liebes-Abenteuer retten will: Grégoire Gros), dem fiesen, unnachgiebigen Ankläger (Stefan Migge), dem Erzbischof, der das Wissen um die Wahrheit gepachtet hat (Ulrich Lenk), der Verwandten (Ulrike Euen spielt die besorgt helfende Mutter, in deren Figur hier auch die Rolle des Bruders eingeflossen ist), und dem Richter Cauchon, der helfen will, der – „es ist doch so einfach, sag einfach Ja“ – aber dann wie Pilatus die Hände in Unschuld wäscht (eindringlich: Christian Ruth).

Denn Jeanne darf nicht Ja sagen – nicht zu anderen. Wenn sie zu sich Ja sagt, und zu den Stimmen der Heiligen in ihrem Inneren, dann gehört den anderen ein klares Nein. Allen. Bis zum Scheiterhaufen. Nur dann ist sie frei, kann Orléans entsetzen, die demoralisierten Truppen kampfentschlossen machen und den Dauphin nach Reims zur Krönung geleiten, wo das ehemals kleine Bauernmädchen glanzvoll prächtig in der ersten Reihe der Großen steht, bewundert („das ist die Lerche hoch im Himmel“, heißt es im Text, „das ist Jeanne zu Reims, in ihrem Glanz und Ruhm“).

Anouilh sehnte sich, als er das Stück kurz nach dem Krieg (1953) schrieb, nach der Grande nation in Glanz und Ruhm, die so gebeutelt worden war. Marschall Pétain hatte sich sogar mit Hitler eingelassen (um Schlimmeres zu verhüten, wie er dem Volk klarzumachen versuchte). Und Anouilh hatte sich von Pétain verführen lassen, Ja zu dem Mann gesagt, der den schmählichen Waffenstillstand mit den Deutschen unterzeichnete – im Wald von Compiègne, dort, wo auch Jeanne verraten worden und in die Gefangenschaft der feindlichen Burgunder und der Engländer gekommen war…

Auch der „kleine“ Autor Anouilh steht vor dem Gericht, vor das er jetzt das kleine Mädchen stellt. Wer unschuldig ist, werfe den ersten Stein… Packend, wie der Autor vor dem ständig anwesenden Gericht (Gewissen?) die Szenen von Aufstieg und Fall der Jeanne, vom Hochschwingen der Lerche bis zum gerupften Ende im Kochtopf komponiert hat. Koca rückt die Bühne auf der Bühne ganz nach vorn. Verfremdend, wie von Anouilh gewollt, werden die Richter zu Schauspielern, die das Leben nachspielen, das Publikum wird zum Gericht. Erlebt unmittelbar mitfühlend (und urteilend, wenn es will) die wesentlichen Szenen eines außergewöhnlichen Lebens – wie die gewitzte Jeanne den („so viel Denken macht müde“) dümmlichen Stadtkommandanten (großartig Ulrich Lenk) „überzeugt“, wie sie den spielenden Dauphin zur Macht „verführt“. In dieser Szene macht Koca (zusammen mit Ricarda Knödler, Kostüme) großes Theater. Die lasziv komödiantische Agnès (Magda Decker) zettelt den Kampf um eine Haube an, sehnsüchtig beäugt von der „kleinen Königin“, die ihre Röcke noch so lange heben und sich anbieten kann – Lysann Schläfke gibt die sehnsüchtige Hübsche, die von Erotik keine Ahnung hat (haben darf), weil die machtbesessene Mutter (Susanne Stein – großartige Yolande, richardinisch…) es ihr nicht erlaubt („Liebe ist nicht unser Geschäft“. Dafür gibt’s Maitressen. Wir haben für die Macht zu sorgen). Vor den neuen Hauben werden die Engländer vor Neid erblassen. Und der Dauphin wird die Krone kriegen. Aber noch liegt sie vorn an der Rampe als Requisite. Jeanne muss sie erst erobern…

Bei allen Fragen um Glauben (welcher ist richtig? Ist Jeanne eine Heilige, obwohl die Macht sie antörnt? Johanna von Orléans wurde 1920 heilig gesprochen), Gott (ist er Franzose in Frankreich, Engländer in England?), Selbstbestimmung (wohin gehört, wer Stimmen hört?), Freiheit des Einzelmenschen (Gehorsam nur gegenüber Gott?) und all den anderen Themen, die er anreißt, hat Anouilh ein lockeres Stück – und „Komödie“ drüber - geschrieben. Das ist kein pathetischer Schiller, kein satireernster Shaw, kein antikapitalistischer Schlachthof-Brecht. Koca bringt die Lockerheit (aber auch den Ernst) über die Rampe – dank der großartigen Leistung eines toll aufgelegten Ensemble-Heeres mit einer faszinierenden Maria Jeanne Schubert an der Spitze. Viel Beifall.

Noch zwei Anmerkungen:

Das Haus war ausverkauft – aber nicht voll. Ein Vorhang trennte den Zuschauerraum (wie schon bei „Sechs Tanzstunden in sechs Wochen“). Schauspieldirektor Carsten Knödler will bewusst den Kammerspielcharakter, der auch ganz leise Stellen bis in die letzte Reihe eindringlich hörbar macht. „In jeder Spielzeit bringen wir ein, zwei solcher Kammerspiele. Sie müssen im Programm eines modernen Theaters stehen. Wir brauchen die Stücke mit intensiver Nähe“, sagt Knödler. Dem Chemnitzer Schauspiel fehlt ein solcher Raum mit etwa 200 Plätzen. Er kommt hoffentlich in absehbarer Zukunft. Neben dem Opernhaus, Richtung Brühl, ist Platz genug.

Bogdan Koca, der Regisseur, ist Pole. Er hat lange in Australien gelebt und gearbeitet. Er versteht viel Deutsch, spricht wenig. Mit den Chemnitzer Schauspielern studiert er ein französisches Stück, ins Deutsche übersetzt, englisch sprechend  ein. Auch den Hamlet hat er schon gemacht. Nächstes Jahr übernimmt Carsten Knödler eine Inszenierung in Polen. Internationalität, auch im Schauspiel. Schön. Gerade in Pegida-Zeiten.

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