Aus den Häusern 20. September 2015

Der helle Wahnsinn

Premiere im Rückblick: Die Chemnitzer Oper startet mit schönen Stimmen in „Lucia di Lammermoor“ in die neue Spielzeit.

Die Callas, die Netrebko – alle sind sie dem Wahn verfallen. Keine Sopranistin von Rang, die nicht Lucia sein wollte, nicht den hineinkomponierten Beifall für die Wahnsinnsarie absahnen wollte. In Chemnitz genoss ihn bei der Premiere von Donizettis „Lucia di Lammermoor“ am Samstag zu Recht die Rumänin Valentina Farcas. Diese paar Minuten Musik (ohne einen einzigen Huster im nicht ganz ausverkauften Haus) lohnen allein den Besuch der ersten großen Oper der neuen Spielzeit. Schöne Stimmen, schöne Musik, eine ungemein präzispräsente Robert-Schumann-Philharmonie unter dem gleich agilen und sensiblen Felix Bender (neuerdings mit Bart) im Graben – da ist leicht zu verschmerzen, dass sich Helen Malkowsky für die Regie mit dem undankbaren vierten Platz zufrieden geben muss.

Das Chemnitzer Publikum liebt seine Guibee Yang. Sie singt alternierend (erstmals am 4. Oktober) mit Valentina Farcas die Lucia. Sie wird begeistern, da sind wir sicher. Aber Valentina Farcas hat gewaltig vorgelegt. In Höhen und Tiefen gleichermaßen sicher, in Koloraturen genauso berührend wie in schlicht sentimentalem Belcanto, schauspielerisch eine Augenweide, ob im Hochzeitsaufbauschkleid aus vielen Metern Stoff oder im kurzen weißen Totenhemdchen – klasse Leistung, der (sopran-)helle Wahnsinn. 

Die Chemnitzer, nicht nur im Großen um Authentizität bemüht (zu Recht gab’s den Klassik-Echo für „Vasco de Gama“), ließen die Irrsinns-Arie begleiten durch eine Glasharmonika (heutzutage Verrophon genannt, mit angefeuchteten Fingern wunderbar gestreichelt von Philipp Alexander Marguerre), so wie es Donizetti vorgesehen hatte – diese sphärischen Klänge schaffen Gänsehaut-Feeling ganz anders als die Flöte, die heute sonst meist eingesetzt wird. „Der Ton ist für jeden, der nur das mindeste musikalische Gefühl hat, beim schwächsten Piano so durchdringend sanft, und reißt im allmählichen Wachsen bis zum Fortissimo das Gefühl so mit sich fort, dass sich niemand wird erinnern können, einen ähnlichen, und so angenehmen Ton jemals gehört zu haben“, heißt es schon  1782 in den „Prager interessanten Nachrichten“. Da ist was dran.

Dem Bruder Lucias, Enrico, gibt in Chemnitz der Usbeke Alik Abdukayumov seinen dunkelbösen Bariton – aus fundamentaler Tiefe hervorstechend, auch in der Zurückhaltung in Ensembles unüberhörbar. Der Tenor Artjom Korotkov stammt aus Wologda, 500 km nordöstlich von Moskau. Wir haben ihn in Chemnitz schon bei einem Opernball gehört. Jetzt singt er Lucias Geliebten Edgardo – mit großer Stimme, strahlend und dann wieder anrührend sanft mit (bisweilen zu) viel Vibrato in den Stimmbändern. Auch der Sänger des Erziehers Raimondo kommt aus Russland: Pavel Kudinov. Große Stimme, auch er. Gegen die Osteuropäer fällt Christian Baumgärtel als Lucias Zwangsehemann deutlich ab – zu zart seine Stimme, wenig durchsetzungskräftig. Gut, auch stimmlich, wie immer als durchtriebene Alisia, der Lucia vertraut, obwohl sie eher auf Enricos Seite steht, Cordelia Katharina Weil und Edward Randall als Mitintrigant Normanno.

Hinzugefügt hat Helen Malkowsky die stumme Rolle eines Kindes (wunderbar, die kleine Ksenia Buhl) – das innere alter ego Lucias, ihre unschuldige Kindheit, ihr Herz gewissermaßen, das so ganz anders empfindet, einen so ganz anderen Takt schlägt als die grausame Wirklichkeit, wie sie der Verstand wahrnimmt, ehe er abhandenkommt. Helen Malkowsky liebt die Darstellung von Traumwelten, vom Einbrechen des Übersinnlichen in die Realität. Manchmal opfert sie dafür theaterpralle Möglichkeiten (wie die Prozession in Korngolds „Die tote Stadt“). Hier wird sie keine Sekunde müde, die Unheilschwängerung des unerbittlichen Schicksalslaufs zu illustrieren. Da bröckelt von Anfang an selbst das Firmament, das den Bühnenraum – akustisch eine große Hilfe für die Sänger - brüchig überspannt (Bühnenbild: Kathrin-Susan Brose), die Möbel sind längst zu Bruch gegangen, schon im Vorspann liegen die später Liebestoten rum, Lucia mit dem roten Herzdolchstoßfleck auf der falschen, rechten Seite. Da singt der Hochzeitschor vom „Jubel“, den Lucia  bringe, und kommt daher wie Angst machende Gruftis, die sich vom Friedhof als Hochzeitsgesellschaft verirrt haben (Kostüme: Alexandra Tivig). Spürt ihr Leut und lasst Euch sagen: Lucia hat Angst vor dieser Hochzeit, winkt Malkowsky mit dem Zaunpfahl. Da müssen Hexen herhalten, die als Parzen nicht den Schicksalsfaden spinnen, sondern ein Totenhemd, das dann auch noch malerisch aufgehängt wird. Da muss ein Waschbecken die Quelle symbolisieren, in der sich Blut aus Wasser mischt. Das ist alles ein bisschen viel des Guten. Dabei ist die Figurenführung meist perfekt, die Choreografie des Chores passt, der angedeutete Brauttanz zeigt, dass Zurückhaltung mitunter besser symbolisiert als die schiere Demonstration. Was gar nicht geht, sind Flüchtigkeitsfehler. „Am Grabe…schwor ich ewige Rache“, singt grimmig verzweifelt Edgardo und sitzt gemütlich im Stuhl. Oder: Enrico fuchtelt vor dem angeketteten Edgardo wie wildsinnig mit der  Pistole in der Gegend rum, während er den Gegner zum Duell herausfordert, zu dem es dann – gegen das Libretto – gar nicht kommt, weil hier Lucia die Drecksarbeit macht. Schade. Der Ansatz, aus der sich spaltenden und letztlich gespaltenen Persönlichkeit Lucias die ganz Oper zu erzählen, hat was. Aber manchmal ist weniger mehr.

Donizetti hat das gewusst. Beispiel Wahnsinnsarie. Da braucht er das Orchester erst ganz zum Schluss. Effekt. Aus. Beifall. Oder die paar düsteren Paukenschläge zu Beginn, die klar machen, in was für ein Unglück das ganze münden wird. Die Harfe (Heike Scheibe), die nur am Anfang gebraucht wird, als das Ganze noch hätte gut ausgehen können. Sie darf irdisch präzise „formulieren“, während später die sphärischen Klänge der Glasharfe schon das Jenseits ahnend herunterzwängen, wie dann später das Firmament sich hinuntersenkt, als fast alle umgebracht sind.

Kompliment noch einmal an Felix Bender und die Robert-Schumann-Philharmonie. Man hätte meinen können, der Grabenboden wäre angehoben worden, so präsent war sie, so expressiv malend, wenn’s böse wurde, so sentimental rührend, wenn oben Liebessehnsucht waberte, so explosiv, wenn Entscheidungen dräuten. Und dabei alles nicht nur musikalisch perfekt (Bender scheut sich auch nicht vor langsamen Tempi, auch wenn er, wo nötig, mächtig Gas gibt), sondern auch technisch perfekt, kein verschwimmendes Gehudele in den schnellen Läufen, keine gnädige Blechsoße über offen liegenden Schwerstellen der Streicher. Schlicht und einfach gekonnt.

Dramma tragico, steht über dem Stück. Ja, ja. Welche schöne Oper ist nicht tragisch? Und welches Libretto wäre heute nicht Lore-Roman-verdächtig (allerdings ohne happy end)? Donizetti hat wunderbare Musik geschrieben. Und die Chemnitzer Oper hat mit den eigenen und den Gastsängern wieder eine sehens- und vor allem hörenswerte Produktion abgeliefert. Auch wenn es sich diesmal nicht um eine Wieder- oder Neuentdeckung handelt, sondern um eines der weltweit meistgespielten Stücke des Repertoires. Diese Aufführung kann sich auch international sehen lassen.

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Harald Fellenberg
Ein bisschen Information kann nie schaden, die Glasharmonika wird heutzutage immer noch so genannt. Verrophon, Glasharmonika und Glasharfe sind, wenn auch bei gleicher Klangerzeugung, baulich sehr verschiedene Instrumente.
Vor 9 Monaten | darauf antworten
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