Aus den Häusern 25. Oktober 2015

Ja, „es ist wieder Zeit für Müller“



Premiere im Rückblick: Silke Johanna Fischer bringt eine bemerkenswerte Version von Heiner Müllers „Leben Gundlings Friedrich von Preußen Lessings Schlaf Traum Schrei“ auf die Chemnitzer Bühne.

Großes Theater gestern, Samstag, bei der Premiere von Heiner Müllers „Gundling“ Im Chemnitzer Schauspielhaus! Riesenapplaus für Regisseurin Johanna Silke Fischer und das ganze Team. Wie im Schlaf sicher bewegten sich die Akteure durch Müllers und Lessings Traumschrei nach Aufklärung, nach Enlightment, wie die Engländer das Jahrhundert nannten.  Der Erleuchtung aber geht das Licht aus.

Müllers Titel bezeichnend: Ohne Punkt und Komma. Panta rhei, sagten die Griechen, alles fließt. Auch die Geschichte. Und wir lassen uns mitschwemmen. Und die Mächtigen meinen, sie seien mächtig, und sind Opfer. Und wir Ohnmächtigen träumen von Bildung und Menschenrechten, lassen uns das Maul stopfen wie Schiller oder als gutmütige Bärchen mit Tütü durch die Geschichtsmanege führen. Die intellektuelle Bestie hat keine Zähne mehr. Die französische Marianne wirft die Trikolore in die Ecke. Und die Revolution frisst ihre Kinder. Wir Aufklärer haben Gott abgeschafft und die Religion und dafür den Markt erschaffen, weil wir da mehr verdienen als im Nachlaufen vager Paradiesversprechungen. Rüben aus Brandenburg, Industriebrache in Amerika – aus allem lässt sich Gott Geld erschaffen.

Heiner Müllers Stück ist Collage und Kaleidoskop. Virtuos klaut der Intellektuelle und Hochgebildete aus der Geschichte und der Rezeptionsgeschichte, was ihm passt. Kein Verweis liegt ihm zu fern (und wir haben mit Sicherheit nicht alle mitgekriegt), kein Wort ist ihm zu banal. „Hunde wollt Ihr ewig leben“ schmettert der Soldatenkönig auf der Bühne ins Volk wie weiland der echte, als seine Soldaten bei Colin die Hosen vollhatten und vor den Österreichern die Flucht ergriffen. Der Ohnmacht der Peitsche folgt die Ohnmacht der Worte. Schiller wird das Maul gestopft, und Lessing erstarrt. Sohnemann Friedrich der Große wird sich stumm abwenden („was ist sächsische Ehre?“), wenn er für die „preußische Ehre“ (alias die Staatsraison) den sächsischen Offizier hinrichten lässt. Er, der Humane. Dem nichts Menschliches fremd ist, dem „Großen“ der Geschichte. Höchstens der Sex mit der künftigen sächsischen Witwe, der die sächsische oder preußische Ehre eine Handbreit am dargebotenen Unterleib vorbeigeht, die aber erfolglos bleibt, weil die Flöte des Herrschers da nicht anspringt. Er ist schwul.

Original NVA-Kasernenhof

Spielen auf der Flöte konnte der König.  Dem begabteren Musikus Johann Sebastian (neidneid!) gab er eine Melodie vor, mit deren Ausarbeitung Bach ihm „ein musikalisches Opfer“ darbrachte. Müller erwähnt das „Opfer“ im Stück. Dort lassen es Silke Johanna Fischer (und Kathrin Brune, die Dramaturgin) weg. Dafür steht die Melodie am Anfang. Eröffnet den Abend, ehe sie vom Kasernenhof-Drill getötet wird. Starke Szene, gleich zu Beginn. Die Exerzier-Befehle (sagte, mein Nachbar, aus eigener Erfahrung) im original NVA-Spieß-Ton. Und (Befehl ist Befehl) aufgeklärter Soldat Mensch macht jeden Mist widerspruchlos mit, auch das rhythmische Nasenbohren.

Müllers Stück, 1975/6 geschrieben, wurde in der DDR zunächst unterdrückt (Uraufführung 1979 in Frankfurt am Main). Zwar mochten Honeckers die Preußens nicht (offizielle Lesart: von da habe eine direkte Linie zum Faschismus geführt), aber  für Glanz und Gloria des Arbeiter- und Bauernstaates (Mist, dass ausgerechnet der Preußenfriedrich die Kartoffel eingeführt hat) musste Gehorsam her. (Preußisch sturer). Ohne Wenn und Aber. Auch an der Mauer. Und wenn dort geschossen wurde, drehte man sich weg. Wie weiland Friedrich der Preuße. Panta rhei. Geschichte wiederholt sich.

Die Enlightment-Lampe erlischt

Silke Johanna Fischer macht kein modernistisches Aktualisierungs-Heckmeck, auch wenn da ein paar Puppen an der Seite liegen, die Flüchtlinge sein könnten. Sie formuliert Müller nach im Spiel. Jede Kleinigkeit sitzt. Blut fließt, wenn der Bauer seiner müden Hände Arbeit verkosten soll und in die harte Rübe beißen muss, oder ist es eine Preußenkartoffel, die brandenburgische Sand-Apfelsine? Deutlich, aber höchst zurückhaltend, lässt sie die Offiziere das Feuer in Gundling auspinkeln und den stehschwanzkranken Irren masturbieren. Ganz groß die Szene, da das Licht der Aufklärung über die Bühne gleitet und erlischt. Keine Tür bleibt im Schauspielhaus verschlossen, der Beleuchtungssteg wird ebenso Bühne wie die Rampe ins Publikum hinein, die den Schweiß der Akteure förmlich riechen lässt. Alles schafft unmittelbare Nähe – Müller schreibt nicht für die Kritiker oder der Stasi ins Stammbuch. Wir sind gemeint. Ej, Ihr alle, Ihr Pseudo-Aufklärungsleuchten des 20. Und 21. Jahrhunderts! Dieser Müller ist Silke Johanna Fischers erste große Arbeit in Chemnitz. Vorher hat sie schon im Ostflügel als Dramaturgie-Assistentin Regie geführt (unter anderem beim Preisträgerstück von Martin Bauch „Die Erben des Galilei“). Sie ist selbst auch Schauspielerin, Sängerin, versteht was von Videos (ein Hingucker die Kleisteinspielung vom vogtländischen Reiterhof). Ein großer Wurf, der der jungen Regisseurin da gelungen ist.

Sie braucht dazu starke Mitmacher, die keine Brecht’schen Ja-Sager sind. Stefan Morgenstern hat eine aufwändige, aber höchst eindrucksvolle Bühne gebaut – mit zarten Gazevorhängen für den Brutaldisziplinierer Friedrich Wilhelm, mit (ja, es muss nicht der Müllersche Autofriedhof in Dakota sein.  Wir wissen auch so, dass der Westen den Gott Kapitalismus besonders verehrt) der düsteren Industrie-Abfall-Ruine, aus der es raucht und zischt, wenn Schlachtenmorden gezeigt wird, MPs rattern, und Klein Friedrichgroß vorne im Sandkasten Krieg spielt. Stets auf den Punkt auch Licht (Dietmar Lange) und Ton (Sebastian Mansch). Und Kompliment an die ganze Technik.

Großartige Schauspieler

Trotzdem: Das wäre alles nichts, spielten sich Klasse-Schauspieler nicht die Seele aus dem Leib. Allen voran Dominik Förtsch. Er kann’s zwar wahrscheinlich nicht mehr hören, und wir versprechen, künftig nicht mehr davon zu reden – aber dieser junge Mann war noch vor einem Jahr Student im Studio! Was er am Samstag abgeliefert hat, war reif, als stünde er schon Jahrzehnte auf der Bühne. Als Friedrich der geprügelte Dummjung, der seiner Wilhelmineschwester inzestuös nachjagt und dann der Kulturwoller, der regieren muss, obwohl er der Glücklichste wäre, würde ein anderer preußprotzen. Förtsch geht so in seiner Rolle auf, dass sich scheinbar schon in den Fingerspitzen andeutet, wenn er gleich losbrüllen oder innerlich vor dem gefühlt hochüberlegenen Obersarkasten Voltaire Kniebeugen machen muss. Am Schluss die Kleist’sche Verdenkmalisierung. Der junge Mann bannt das Publikum, bis er als Gestern-Müll hinausgeschafft wird.

Den Voltaire spielt Marko Bullak neben anderen Rollen (Müller sah ursprünglich fünf Frauen- und 22 Männer-Rollen vor, in Osnabrück kam man mal mit dreien aus) – der ironisch-französische Oberästhet liegt ihm genauso wie Gundling, jener preußische Halbintelektuelle, der sich am Hof zum Narren machen lässt, was nur im Suff zu ertragen ist.

Philipp von Schön-Angerer muss als Zebahl leiden wie ein Hund. Nur im Lendenschurz gleitet er die Leiter von der Beleuchtungsbrücke herunter, deklamiert Großes in Blöße, fast nack’sch in Zentimeterabstand zu Frauenaugen. Lässt sich als Katte erschießen und beißt sich als Schiller (Kunst lässt Müller-Welt nur zu, wenn sie die Politik nicht belästigt) fast die Zähne an der Apfelsinenkartoffelrübe aus, die er statt des Rübensacks über die Birne von Silke Johanna Fischer zum Deklamieren verpasst bekommen hat.

Den Soldatenkönig gibt mit aller Härte Andreas Manz-Kosár, ebenso gekonnt wie den schüchternen Bauern, der so gar nichts mit dem aufmüpfigen Sanssouci-Müller zu tun hat. Noch besser vielleicht kommt er als Professor in der Irrenhaus-Szene rüber – wie er da den Irrsinn zur Normalität heinermüllert, klasse!

Last but not least die doppelte Emilia (sie trägt auch ein Stück Nathan in sich, ist nicht nur die verzweifelte gebrochene Rose Lessings), Maria Schubert und Magda Decker: mindesten so schneidig als Offiziere wie die Männer, herrlich albernd verführerisch als Wilhelmine und Verkörperung der (symbolfranzösisch bis heute) Bastille-Eroberin Marianne (Magda Decker), supersexy als sächsisches Witwenopferlamm und schneidig bis in die Zehenspitzen als Soldat (Maria Schubert).

Die Präsidenten Gundling und Müller

Heiner Müller kam 1929 um die Chemnitzer Ecke in Eppendorf zur Welt, lebte später auch in Frankenberg und war freier Mitarbeiter der „Chemnitzer Volksstimme“, der Vorläuferin der „Freien Presse“. Der Gundling, bekannte er einmal, sei ein sehr persönliches Stück. Müller, 1990 zum letzten Präsidenten der Akademie der Künste der DDR gewählt, hat in Gundling, dem verarschten Präsidenten der Akademie der Wissenschaften (übrigens als Leibniz-Nachfolger) vielleicht einen bemitleidenswerten Seelenverwandten gefunden („Wenn ich aus dem Gundling zitiere werde ich traurig…, merke ich, dass es mich mehr angeht als viele andere Texte“). Wer weiß, was alles aus der sächsischen Vorerzgebirgszeit noch in den Gundling eingeflossen ist.

Müller ist 1995 gestorben. Zum 20. Todestag fand das Chemnitzer Schauspiel: „Es ist wieder Zeit für Müller“. Gerade in Chemnitz. Auf der Karl-Marx-Städter Bühne gab es Müller-Aufführungen, die weit über die Stadt hinaus, und nicht nur in der DDR, beachtet wurden: 1981 „Der Auftrag“ Regie: Axel Richter) und – legendär – 1986 „Der Bau“ in der Regie von Frank Castorf. Der „Gundling“ von 2015 in der Regie von Silke Johanna Fischer gehört in diese Reihe. Chapeau! Ja, es war wieder Zeit für Müller in Chemnitz.

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