Aus den Häusern 08. November 2015

Wie hässlich muss ein hässlicher Zwerg sein?



Premiere im Rückblick: Zemlinskys Kurz-Oper „Der Zwerg“ kommt bei der Erstaufführung in Chemnitz super an. -

Das war nicht von vornherein zu erwarten: Kaum endenwollender Beifall für Zemlinskys Oper „Der Zwerg“ bei der Premiere am Samstag im Chemnitzer Opernhaus. Wer kennt schon Zemlinsky? Wer seinen „Zwerg“? Mehrmals senkte sich der schwarze Vorhang. Doch das Premierenpublikum hörte nicht auf zu klatschen. Woher dieser Erfolg? Eine Spurensuche.

Worüber alle hinterher als erstes sprachen: Bühnenbild und Kostüme. Timo Dentler und Okarina Peter hatten auf die Drehbühne in sich drehbare riesige Geschenke gezaubert (in Geschenkpapier u.a. von Louis Vitton, Versace, Swarowski, Princess tam-tam), die jeweils zur kleinen Bühne wurden. Großartige Idee - die Geschenke zum 18. Geburtstag der Infantin sind ja Anlass für die Geschichte um den geschenkten Zwerg, der der Infantin letztlich geschenkt bleiben konnte, und der darob „kaputt“ ging.

Die Oper handelt oberflächlich von Schönheit und Missgestalt – also von Ästhetik. Was ist schön, was nicht? Also ran an die Palette: Farbenfrohe Kostüme – Wolken an die Wohnzimmerwand – bonbonfarbene Lichtfluten – der Anti-Zwergbild-Beau aus der Hochzeitstorte. Wann ist wieviel Kitsch noch schön?

Die Damen des Opernchores in einheitlichen Outfits: nicht jede Figur passt zu jedem und in jedes Kostüm. Kennt jede(r), wenn das Zalando- (oder Amazon- oder usw.-)-Päckchen kommt. Anprobe. Und nichts sieht aus wie an dem Model der Werbung… Märchen. Nicht jedes Mittelalter fühlt sich auch wohl im kurzen Röckchen als määhmeckermeckernde Jungzicke um die Infantin…  Geschmacksverirrungen? Draußen auf der Straße. Jeden Tag. Zu Dutzenden. Und alle finden sich schön.

Auch der Zwerg findet sich schön, die Missgestalt. Da wird es ernster. In Chemnitz kommt er gar nicht so unschön daher. Ohne Buckel. Kein Glöckner von Notre Dame. Die Beulen-Wucherungen am Kopf sehen vom Balkon her im ersten Moment aus wie eine Mozart-Perücke.

Zemlinsky, 1,59 Meter klein, war Jahre vor der Komposition Alma Schindlers (spätere Mahler, Werfel, Gropius) Zwerg. Überall, auch im Programmheft, wird ihre Beschreibung von Zemlinsky zitiert. Er sei „eine Carricatur – kinnlos, klein, mit herausquellenden Augen“. Doch das Zitat geht weiter (auch wenn das meist verschwiegen wird): „… und doch gefiel er mir ausnehmend“. „Alma“, heißt es in einer Alma-Mahler-Biografie, „ließ sich von ihm küssen, streicheln, erlaubte ihm jede Intimität bis auf die letzte – und raubte ihm damit fast den Verstand.“

Der Zwerg darf exotisch, aber nicht abgrundtief hässlich sein – jedes Wort zu ihm, und schon gar ein Tänzchen mit ihm hätte sonst zu einem Skandal geführt, im Wien der Alma Mahler wie ein paar Jahrhunderte eher am Hof des spanischen Königs und der Infantin.

Regisseur Walter Sutcliffe (hat in Chemnitz schon Ligetis „Le grand macabre“ gemacht) malt zunächst mit seinem Team nicht schwarz-weiße Kontraste, sondern farbige Zwischentöne: traute der Zuschauer einem echt potthässlichen Gnom ein großes Herz zu, herrlichen Gesang, lyrische Höhenflüge? Könnte eine schlimme Mensch-Karikatur das Herz Ghitas rühren, die dem Zwerg den Spiegel vorenthält, damit er sich nicht selbst erkennen muss? Gnóti seautón, steht am Apollo-Tempel von Orakel-Delphi: Erkenne Dich selbst! Dann bestimmst Du das Schicksal, dann gibt es Hoffnung.

Bei Sutcliffe stirbt der Zwerg nicht wie im Buch Knall auf Fall, als er sich zum ersten Mal sieht. Das Schlussbild zeigt ihn und Ghita in sehnsüchtigem Zueinanderstreben. Das Bild bleibt hängen. Hoffnung. Ein großer Scheinwerfer erhellt den Zuschauer-Raum, lässt die Zuschauer sich im Riesenspiegel sehen: Erkennt Euch selbst…

Georg C. Klaren, der Librettist, wird im Programmheft zitiert mit der Bemerkung „…daß erst ein Weib, das uns liebt, uns [uns er-]kennen lässt.“ Im Spiegel sieht der Zwerg nicht nur sich, sondern auch, Mensch geworden, dass Liebe verschmäht werden kann (Infantin), aber andere, echte Liebe winkt (Ghita).

Da ist der Zwerg längst im Wortsinn aus dem Bild herausgetreten… Hinter dem (oder im) Spiegel die Fantasmagorien der Damen – technisch toll gemacht. Die Farben sind weg, das bunte Wams hat der Zwerg ausgezogen, Hell und Dunkel dominieren, Realität, nicht Bonbon-Kitsch. Und das Publikum empfindet mit dem Zwerg. Sutcliffe und sein Team haben aus der Spieluhr-Erzählung nach Oscar Wilde (von ihm stammt die Märchen-Vorlage für das Libretto) ein Menschen-Drama gemacht -  wie sehen wir die anderen, wie sehen sie uns? Sind wir besser, schöner, edler?

Schlussakkord. Fortissimo aus gar nicht so heiterem (Piano-)Himmel: Alles ist gut. Da sind wir bei der Philharmonie und Frank Beermann. Herrliche Musik aus dem Graben. 95 Minuten vertrackte Klänge, Soli in Geigen, Harfe, Englisch-Horn, Kontrabass (!), Flöten. (Wo eigentlich nicht?). Bedrohliche Blech-Stakkati nachunten. Motive, die an Wagner erinnern, an Strauss. Ziemlich laut meistens. Da ist es gut, dass die kleinen Geschenkbühnen akustisch wirksame Deckel haben. Beermann, mit Zemlinsky erneut auf Wiederentdeckertour (nächste Woche auch im Sinfoniekonzert, mit Zemlinskys „Die Seejungfrau“, Fantasie für Orchester – wieder nach einem Märchen, diesmal von Andersen), holt die Feinheiten heraus, verzichtet auf Effekthascherei, macht nie die Sänger tot – legt bisweilen schnelle Tempi vor (kaum mitzulesen in den Obertiteln von Dramaturgin Christiane Dost  – danke für diesen Super-Service!) – und erzeugt Stimmungen, die zum Licht (Lichtgestaltung Holger Reinke) passen und zum Seele spiegeln, des freudigen und sentimental traurigen Zwergs, der hochschnutig teenischen Infantin.

Maraike Schröter singt diese Infantin – reif, nicht wie eine 18-jährige. Volle Stimme – über und mit dem Chor, drängend vor das Orchester. Warm, nicht so kalt, wie die Rolle angelegt ist, man kann verstehen, dass der Zwerg schon in ihre Stimme verliebt ist. Und dass sie, bei aller Hochnäsigkeit, Sutcliffe und Alma folgend, nicht ganz unabhängig ist vom exotischen Eros dieses liebeskranken Gnoms. Kouta Räsänen singt und spielt den Haushofmeister – den dazu erfundenen stummen Hochzeitstorten-Halbstripteaser mal ausgenommen einzigen Mann neben dem Zwerg. Eine schwere Rolle: er ist bei Sutcliffe die eigentliche Witzfigur, toller Kontrast der Bass im komponierten Weibergekreisch. Ghita (großartig und berührend Franziska Krötenheerdt) und die gleich kostümierten drei Zofen (Lisa Fornhammar, Jana Büchner – mit ungewohnt schwarzem Haar, Tiina Penttinen) – eine stimmliche Einheit bei aller Verschiedenheit. Der Frauenchor, ständig in Bewegung, hautnahquetsch, und trotzdem singen, was nicht automatisch in der Kehlkopferinnerung steckt: gute Arbeit, die die Damen da leisten, und die sie mit Nikolaus Müller und Stefan Bilz einstudiert haben. Bilz ist, wie beiläufig dem Programmheft zu entnehmen, seit einer Woche der neue Chordirektor am Theater. Guter Einstand!

Großartig aber vor allem der kleine Kerl mit der großen Stimme: Dan Karlström. Er ist in Åland geboren – einer Insel zwischen Finnland und Schweden, wo schwedisch gesprochen, aber finnisch regiert wird, seit der Völkerbund 1921 die Verwaltung der paar tausend Quadratmeter im Meer Finnland übertragen hat. So dazwischen wie seine Heimatinseln agiert Karlström als Zwerg – zwischen Mensch und Ausstellungsgeschenkstück, zwischen Liebe und Verachtetwerden, zwischen äußerer Hässlichkeit und Herzensschönheit. Extrem schwierige Partie (aber er hat in Chemnitz ja auch schon Piet vom Fass in „Le grand macabre“ gesungen und Strawinsky), mit Intervallsprüngen, die man kaum nachvollziehen, schon gar nicht beim ersten Mal nachsingen kann, mit Höhen, bis es kratzt, vertrackten Einsätzen und kantilenartigen Passagen, die (auf Deutsch!)  gestaltet sein wollen. So kompliziert die Rolle ist, so komplex die Figur – so ohne jede Irritation ist Karlström sicher, in dem was er singt und tut.

Ein ganz großer Zwerg. Ein anrührender Gesell auf dem Weg, durch Selbsterkenntnis Mensch zu sein oder zu werden. Keine Schaubudenfigur vergangener Zirkusjahrhunderte, kein Glöckner von Notre Dame. Mit strahlend großem Herzen. Hässlich nur von außen. Und auch das nur ein bisschen. Zu Recht.

Großer Abend mit einer kurzen Oper. Gut, dass Chemnitz nicht – wie sonst oft – nach einer Pause noch einen zweiten Einakter angefügt hat.   

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