Aus den Häusern 12. November 2015

Die Geigerin und die Meermaid

3. Sinfoniekonzert (Mittwoch) im Rückblick: Zwei Wiener Zuckerl begeistern das Publikum

Wieder Zemlinsky. Nach der märchenhaften „Zwerg“-Premiere am Samstag im Opernhaus nun die Märchenfantasie „Die Seejungfrau“ im 3. Sinfoniekonzert der Robert-Schumann-Philharmonie in der gut besetzten Stadthalle. Beermann hatte wieder ein glückliches Händchen. Er kombinierte das Märchen (nicht etwa - wie bei der Uraufführung geschehen - mit dem „Pelléas“ des Zemlinsky-Schülers Schönberg, sondern) mit dem Violinkonzert von Johannes Brahms. Beides passte wunderbar zusammen – aber nicht, weil Brahms ein Lehrer von Zemlinsky war.

Mal für einen Moment angenommen: Ein Konzertbesucher erfährt erst kurz vor Beginn, dass am Abend zwei Stücke gespielt werden. Beide aus der Romantik. Hinter einem davon steckt das Märchen von einer bezaubernden Seejungfrau, die sich unsterblich in einen Prinzen verliebt. Doch der gibt schließlich einem Menschenkind den Vorzug…

Im Konzert kommt vor dem Dirigenten eine zarte junge Frau in einem leichten langen Kleid in Blautönen hereingeschwebt – das muss die Meermaid sein. Das Orchester beginnt ruhig – die See ist glatt. Dann erwacht die Seejungfrau, setzt die Geige an. Sie erkennt den Menschen, ist aufgeregt (Doppelgriffe, schnelle Läufe auf der Geige), verliebt sich und träumt (wunderschönes Adagio) von einer glücklichen Zukunft. Wird dann jäh (Doppelgriffe zu Beginn des dritten Satzes) aus ihren Träumen gerissen – alle Volten, alle Verführungskünste helfen nichts: die irdische Schönheit siegt mit herrlichen Finalklängen.

Nach der Pause das zweite Stück. Das Orchester riesig besetzt (mehr als 90 Musiker), gewaltiger Klang. Dazwischen sentimentale Dämpfer-Stimmungen, selbst die Tuba kriegt den Pfropfen drauf, und reizende Solo-Duelle (-Duette) zwischen Einzelmusikern und Stimmgruppen. Eine fantastische spätromantische sinfonische Dichtung. Eine Sinfonie vielleicht, die sich zu jener Zeit nicht mehr an die Sonatenform hielt, denkt unser fiktiver Zuhörer…

Falsch gedacht. Und doch…

Veronika Eberle mit ihrer Stradivari „Dragonetti“ (um 1700 gebaut, die Nippon Music Foundation hat sie der weltberühmten Solistin geliehen – was Stradivaris wert sein können, erfahren Sie hier) spielt das Brahms-Konzert so leicht, so ungezwungen, so wenig gewalttätig in den wahnsinnigen Doppelgriff-Partien, so angenehm schlüpfend in den ruhigen Gewässern und so perlend voller Leben in den schnellen Passagen, in denen die rechte, die Bogenhand gleichsam gleiten muss, sich keinen Sidestep erlauben darf, um den makellos eiligen Fingern rechtzeitig Ton zu geben.

Alle großen Geiger haben das Brahms-Konzert gespielt. Viele haben sich hineingelegt in das Tonsofa dieser genüsslichen Romantik. Andere hauen die Doppelgriffe zu Beginn des dritten Satzes so hinein, dass es kratzt, als ginge es um Leben und Tod. Nicht so Veronika Eberle, die junge (am 26. Dezember wird sie 27) Solistin aus Donauwörth, die schon alle Konzertsäle der Welt gesehen und deren Publikum zu Jubelstürmen hingerissen hat.

So leicht zu spielen ist – auch für ein Orchester wie die Robert-Schumann-Philharmonie – eine Herausforderung. Und Beermann geht nicht auf kleine Besetzung. Oh nein. Er will vollen Klang. Und kriegt ihn. Noch ist die Balance zwischen der zarten Solistin und dem großen Apparat am Mittwoch bisweilen nicht ganz ausgeglichen, noch nimmt die Solistin das „giocoso“ zu Beginn des dritten Satzes etwas wörtlicher = schneller als Beermann. Aber sie finden sich ganz schnell. Und wenn nach einem brillanten Sololauf das volle Orchester die Solistin auffängt, klappt das so genau, als hätten Geigerin und Orchester schon tausendmal zusammengespielt. Und Beermann und die Solistin lächeln sich anerkennend zu. (Und am Rande. Kompliment an Benedikt Euler für die Passage im 2. Satz!)

Großer Applaus. Konzertmeister Hartmut Schill holt selbst den obligatorischen Blumenstrauß, drückt die prominente Kollegin an seinen (hoffentlich nicht zu stacheligen) Bart. Das ganze Orchester signalisiert höchste Anerkennung für eine herausragende Solistenleistung. Und das Publikum fordert stürmisch eine Zugabe…  Die gibt es nicht. Bleibt die Rückerinnerung an die Kadenz aus dem ersten Satz – jenes ebenso sentimentale wie bravouröse Stück, das Joseph Joachim geschrieben und vielfach gespielt hat. Er war der berühmteste Geiger der Brahms-Zeit und dessen Freund. Brahms hatte das Konzert für Joachim geschrieben.

Nach der Pause waren die Kameras abgebaut. (Das Brahms-Konzert wurde aufgezeichnet. Immer mehr Konzertveranstalter wollen auch sehen, was sie engagieren… Und die Robert-Schumann-Philharmonie gehört mittlerweile, nicht zuletzt wegen der ausgezeichneten und Klassik-Echo gekrönten Aufzeichnungen zu den begehrten Orchestern in Deutschland). Eigentlich schade. Denn volle Pulle mit großer Besetzung, darunter zwei Harfen – der Zemlinsky ist ein toller Maßstab für das, was die Philharmoniker können.

Farbenprächtig die romantische Palette, dieser Zemlinsky konnte komponieren und wirklich gut instrumentieren. Und das schon 20 Jahre vor dem „Zwerg“. Nicht erst da. Und er verlangt was. Besonders von den Bläsern. Vom Blech sowieso. Und wenn dann mal die Trompete oder die Hörner… Das stört den Gesamteindruck überhaupt nicht….

Der wird entscheidend geprägt von den vielen solistischen Einzeln – Flöte, Harfen, Oboe, Englisch Horn, die Schlagzeuger, Klarinette (!!, Regine Müller), und die Streicher querdurch, vor allem Hartmut Schill. Nur einen ließ Beermann – aus Versehen, nehmen wir an - nicht gesondert hochleben: den Bassklarinettisten Uwe Fritzsching. Deswegen sei er besonders erwähnt. Dieses sonore Instrument, schwer ortbar der Klang, noch schwerer die Stimmungslage, die dadurch erzeugt wird: das war einfach schön.

Zemlinsky – neben den anderen Wiederentdeckungen (Korngold, Schreker, Nicolai) eine (teilweise) neue Erfahrung für Chemnitz. Und eine, die ausstrahlt. Auch in die überregionalen Feuilletons (Der „Zwerg“ wurde auch in der Neuen Musikzeitung und der FAZ gelobt…). Gut gemacht, Frank Beermann!

*

Am Rande:

Eine dreiviertel Stunde vor dem Konzert führte Beermann in das Konzert ein. Diesmal lag dem engagierten Dirigenten noch etwas anderes am Herzen: auf die Helfer hinzuweisen, die sich mit einem Engagement bis zur Erschöpfung für die Flüchtlinge einsetzen. Die Philharmoniker und er, Beermann, unterstützten deshalb Steffi Wagner, die Seele des „Netzwerks für Integration und  Zukunft e.V.“, die zu Recht am selben Tag „als ‚Macher der Woche‘ im Amtsblatt der Stadt gekürt worden“ sei. Sie versuchte, weitere Helfer an diesem Abend zu gewinnen. Und die Philharmoniker halfen ihr dabei. Hut ab!

Und ein zweites: Im Konzert spielten die Akademisten mit. Die jungen Musiker, fast fertig und  kurz vor dem Examen, sind schon so weit, so einen Zemlinsky zu stemmen, obwohl sie die ganze Spielzeit über Praxis im großen Orchester lernen. Finanziert werden sie vom Theaterförderverein. Im Programmheft wird – gut so – darauf hingewiesen, dass sie sich dem Publikum gern vorstellen in einer Matinee am 22. November, 10.30 Uhr, im Foyer des Opernhauses. Hingehen! Wird bestimmt interessant (und im Frage- und Antwortspiel mit Hartmut Schill) amüsant! Eintritt frei.

Heute Abend wird das Konzert in der Stadthalle wiederholt. Beginn 20 Uhr. Schnell entschließen. Es lohnt sich!

Nachträglich die Ergänzung von Henning Franke auf Facebook (danke!): "Die Kameras waren nach der Pause nicht abgebaut, sondern hatten nur die Position geändert. Und waren daher von manchen Plätzen nicht mehr, von anderen erst dann zu sehen."

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