Aus den Häusern 12. Februar 2016

Triumph für Felix Bender und die Robert-Schumann-Philharmonie

6. Sinfoniekonzert (Donnerstag) im Rückblick: Mit Volldampf musikalisch um die Welt – Und Richard Hartmann spielt auch eine Rolle… -

Er sei einer der „vielversprechendsten“ jungen Dirigenten, steht im Programmheft. Vielleicht müsste es sprachlich korrekter „meistversprechenden“ heißen. Aber absolut keinen Zweifel gibt es daran, dass Felix Bender ein Ausnahmetalent am Pult ist. Er war der Star des 6. Sinfoniekonzerts am (Mittwoch und) Donnerstag in der Stadthalle. Und mit ihm – was ist ein Dirigent ohne Orchester? – die Robert-Schumann-Philharmonie. Das Publikum jubelte den Musikern am Schluss stehend zu.

Wenn der Generalintendant selbst die Conférence übernimmt, wird nicht die kleine Nachtmusik gespielt. Das haben wir bei den vergangenen Februar-Konzerten gelernt. Da wird aus dem Vollen gegriffen. Da kommen ganze Schlagzeugbatterien zum Einsatz, von der Empore dröhnt das Fern-Blech, Wagner-Tuben ersetzen Waldhörner (wie vorgeschrieben von Herrn Wagner), Vogelgezwitscher wird eingespielt, Synthesizer, Glockenspiel, Flügel, Orgel – boah, da wackeln die Wände der Stadthalle, da erzeugen die Posaunen von Jericho ein leises Windchen dagegen.

Und doch wäre das alles nichts, würden die Musiker nicht so traumhaft spielen. Jeder komponierte Quietschton sitzt, jeder noch so vertrackte Taktwechsel wummert, jedes Piano gelingt zum Träumen schön. Dittrich hatte Recht: Um so ein Piano zu spielen, da braucht man ein solches Spitzenorchester, wie es die Robert-Schumann-Philharmonie ist.

Und man braucht hellwache Musiker, die zuhause geübt haben wie selten – zum Teil teuflisch schwere Stellen, die auch noch ganz krumm liegen. Einer der Musiker habe ihm gestanden, sagt Felix Bender bei der Einführung eine dreiviertel Stunde vor Konzertbeginn, zu der nicht umsonst mittlerweile mehrere hundert Zuhörer kommen, dieser John Adams sei eines der schwierigsten Stücke, die das Orchester je gespielt habe. Gemeint ist „Short ride in a Fast Machine“ – vier Minuten Umstieg vom Trabi in einen Formel I-Boliden. Minimal music ist das. Blöder Fachbegriff für Musik, die minimale Abweichungen von einem Kernthema zelebriert (Schalten musst Du auch beim Formel I-Renner). Hier sind es Holzschläge, fast Nerv tötend, die das Thema vorgeben – und das Orchester in Dezibel-Explosionen ausbrechen lassen. Es gibt so‘ne und solche Tutti…

De Musiker der Robert-Schumann-Philharmonie sind Profis. Konzerte zu geben, ist ihr Job. Ob’s Spaß macht, ist nicht im Lohn einbegriffen. Aber wenn’s den Musikern Spaß macht, spürt das das Publikum. Wenn sie befreit lächelnd zum Beifall aufstehen und ihn sichtlich goutieren und nicht nur huldvoll annehmen. Wenn sie sich umarmen, weil da was Großartiges gelungen ist. Und wenn sich die Solistin des Abends nicht zu schade ist, sich in diesen wunderbaren Klangkörper einzureihen und als kleiner, dienstbarer Geist zum Schlusston den großen Gong zu schlagen…

Solistin des Abends war Babette Haag. Eine Schlagzeugerin! Gar nicht so selten, dass Frauen auf die Felle hauen. Auch bei der Uraufführung von Christopher Rouses „Der gerettete Alberich“ (1998) spielte eine Frau das halsbrecherische Solo auf drei Schlagzeug-Gruppen. Was heißt da „spielen“… Das ist zirkusreife Virtuosität, die der Komponist da abverlangt – ob mit den Händen auf den Tom-Toms, mit den vier Schlegeln auf dem Marimbaphon oder den Metallstäben auf den Membranen der Steel-Drum. Was hat diese Frau für ein Rhythmus-Gefühl! Traumhaft der „Machtkampf“ mit dem Orchesterpauker Carsten Neppl! Junge, das geht in die Beine und wummt im Bauch. Das Stück selbst ist das Auftragswerk von vier weltberühmten (und damals reichen) Orchestern. Das hört man. Da gibt’s an Pracht nichts, was es nicht gibt. Aber so eigentlich ist ein purer Wagner (wie im Rheingold – hier die „Schmiede in Nibelheim“) intelligenter und ehrlicher und konsequenter und überraschender als Rouses amerikanischer Aufguss.

Ganz und gar kein Aufguss ist Respighis Sinfonische Dichtung „Pini die Roma“, ein Lieblingswerk von Felix Bender. Er hat es so drauf, blättert die Partitur weiter, ohne hineinzusehen. Und hat doch jeden Einsatz parat. Jedes Subito-Pianissimo. Was für ein Flirren in dem Touristen- und Kinderlärmerfüllten Park der Villa Borghese zu der schaurig leisen Katakomben-Pinie, zum windverrauschten Gianiculo, von wo wir durch ein Schlüsselloch alle schon zum Petersdom hinübergeschaut haben, bis hin zur Via Appia – jener Straße, die heute noch Sinnbild dafür ist, wie die Römer mit ihrem Straßenbau einst die ganze Welt beherrscht haben, als (hinter dem Limes) unsere Vorfahren noch auf Lehmpfaden durch Wälder schlichen. Bender zwingt das Orchester in einen Bann, der in jedem Satz eine andere Atmosphäre schafft, der wir uns nicht entziehen können.

Aber wohl noch beispielhafter für Benders phänomenale Differenzierungskunst gelang die „Valse triste“ von Jean Sibelius. Fast manieristisch malt Bender da – höchst präzise im Detail, das sich langsam, sehr sehr langsam zu Beginn, in den schnelleren Totentanzwalzer unentziehbar hineinsaugt, um wieder ganz leise in Pianissimo-Trauer zu ersterben. So klingt dieses große, kleine Stück Musik nie im Sonntagsmorgen-Radio. Schon gar nicht in Rieu-Schmachtfetzen. Sternstunde!

„Candide“ ist bei Voltaire ein junger Prinz, der durch die ganze Welt reist – ewig suchend, nie findend. Bernsteins Ouvertüre bildete den schmissigen Auftakt, der für das ganze Konzert die Pace angab. Aber diese Reise unter Volldampf um die Welt hätte auch das Motto für das Programm sein können, das der marketinggeliebten Alliteration „Tempo, Technik und Triumph“ („jetzt hab‘ ich den richtigen Titel endlich drauf“, gestand Carla Neppl, verdienstvolle Dramaturgin, am Ende der zweiten Einführung…) geopfert wurde.

Wir waren mit Candide in Frankreich, lebten das Bacchanal aus dem dritten Akt von Saint-Saëns‘ aus, besuchten Rom (Respighi), erlebten Wagners Rhein(gold) und den amerikanischen Happy-End-Alberich von Rouse, tanzten südamerikanischen Tango (großartig Babette Haags Zugaben-Nachempfindung von Piazollas „Libertango“ auf dem Marimbaphon) und Alberto Ginestras „Malambo“ (eine von zwei (!) Zugaben des begeisterten und begeisternden Orchesters, wann gab es das schon?), hörten das Summen der russischen Hummeln, wenn sie von Rimsky-Korsakov aufgescheucht werden (noch so eine wahnwitzige Zugabe für die Streicher, die eh schon Schwerstarbeit geleistet hatten, denen dieses Gewusel aber anscheinend auch noch Spaß machte),  wir gaben uns der Trauer unendlicher finnischer Weiten hin (Sibelius) – und wir dampften unter Volldampf dem Pazifik entgegen.

Arthur Honegger hat mit „Pacific 231“ eine herrliche Eisenbahngeschichte geschrieben, quasi eine „Moldau“ auf Schienen durch das Indianergebiet. Da hätte sich Ingrid Mössinger richtig aufregen müssen – damals war Zugfahren am Pazifik wahrscheinlich noch aufregender als eine Fahrt anno 2016 im Regionalexpress nach Leipzig… Pacific 231 war der Name eines bestimmten Lokomotiven-Typs (für Fachleute erklärt Wikipedia: die 2'C1' sei konstruiert „mit einem vorauslaufenden zweiachsigen Drehgestell, drei Kuppelachsen und einer Nachlaufachse“). Lokomotiven dieser Art fuhren auch durch Europa. Gebaut hat sie unter anderem die „Sächsische Maschinenfabrik“ in Chemnitz, deren Gründer dereinst Richard Hartmann war, der schon Loks baute, als es zwischen Chemnitz und Leipzig noch keine Schienen gab. Die „Sächsische XVIII H“ (für Fachleute wieder: eine 2’C1’h3) wurde ab 1917 gebaut. Honeggers „Pacific 231“ erst sieben Jahre später uraufgeführt. Ob das „Mouvement symphonique“ auch als „Sächsische XVIII H“ ein Welterfolg geworden wäre…?

Machtvolles, prachtvolles Konzert. Alle in Höchstform. Der Generalintendant, der Dirigent, die Solistin, das Orchster. Und das Publikum. Wann hat es zum letzten Mal drei Zugaben erzwungen? Wann stand es wie ein Mann stehend jubelnd sein Orchester umarmend? Denkwürdig. Großartig.

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