Aus den Häusern 03. November 2016

„Wir sind das Volk.“ „Ja, ja. Ich bin Volker“

Premiere im Rückblick: „Unentdeckte Nachbarn“ (2) - Uraufführung der Groteske „Beate Uwe Uwe Selfie Klick“ gestern im Ostflügel des Chemnitzer Schauspielhauses.-

Laura Linnenbaum, die Regisseurin, stellte in der anschließenden Diskussion eine entscheidende Frage: „Warum sehe ich immer dieselben Leute, wenn’s um den NSU geht?“ Sie meinte die gleichen – vom Typ her: jung, aufgeschlossen, und alt, mit direkten Nach-Nazi-Erfahrungen. Doch die Mitte fehle (auch in mehr als 30 Publikumsgesprächen, die sie schon geführt habe)… Dem großen Schweigen von Beate Zschäpe im Münchner Prozess und dem Weghören der großen Mehrheit, die von dem Ganzen nichts hören will, setzten Linnenbaum und Gerhild Steinbuch (Texte) Vollpower-Sprachgewalt entgegen: Die Groteske „Beate Uwe Uwe Selfie Klick“ lebt von der Akrobatik der Wörter, der Körper und der Puppen. Betroffenheit und viel Applaus beim Publikum nach der jüngsten Uraufführung des Chemnitzer Figurentheaters im Rahmen des Theatertreffens „Unentdeckte Nachbarn“ gestern im Ostflügel des Chemnitzer Schauspielhauses.

Ob bis ins Absurde führende Sprache, grotesk verzerrte Situationskomik, ja, auch kabarettistischer Klamauk mehr Ohren öffnen und Augen sehend machen – wer weiß. Der Versuch ist nicht strafbar, und er ist es allemal wert. Laura Linnenbaum (im Übrigen auch die künstlerische Leiterin des gesamten Theatertreffens) und die Österreichrin Gerhild Steinbuch (viele Verbindungen des NSU führen zu braunen Denkgenossen nach Österreich) ist mit ihrer Groteske ein erfrischendes Kabinett-Stückchen für alle gelungen, die ihr Hirn zum Denken nutzen wollen und Theater als Zündschlüssel für den gesellschaftlichen Diskursmotor nutzen wollen.

Da lässt die Puppe Zschäpe (Puppen: Angela Baumgart) den Schampus auf der Zunge prickeln und tanzt einen irren Tanz auf des Messers Scheide – und später auch noch mit ihrem Wohltäter, dem Staats-Deutschen-Michel Verfassungs-Aktenvernichter mit seinem großen Hohlkopf mit dummblöden blonden Haaren. Nicht nur die Sprache haben sich die Neu-Rechten (z.B. von der Identitären Bewegung Deutschland [IBD, gibt’s auch im Erzgebirge, nicht nur die Geistesverwandten Reichsdeutschen], einem rechten Sauhaufen – ja, mit Beate Zschäpe ist noch lang noch nicht Schluss) von den Linken geklaut, sondern auch Inhalte (Emanzipation – herrlich verrückt die Katzenszene, so blöd sarkastisch, wie sonst nur Blondinenwitze sind).

Genau durch diese „Sprachvernutzung“ (Programmheft) kommen aber auch die fünf Menschen ins Schwimmen, die sich ihren idealuopischen „Welthauptstrand Europa“ bauen wollen: sie wissen vor lauter Was ist oben, was ist unten, Wer ist Täter, wer ist Opfer, Wen schützt der Verfassungsschutz – die Verfassung oder seine V(-erfasser)-Leute? Sie lassen Zeitungsleimpuppen Zeitungstexte und Fernsehnachrichten nachsprechen, die einem das Gruseln über den Rücken jagen (auch Medien gehen manchem auf den Leim) – schockierend gute Auswahl, die Linnenbaum da getroffen hat.

Wölfin im Schafspelz wäre die gängige Vokabel für Beate Zschäpe – hier hat sie (die Puppe) ein liebnettes Engel-Gesichtchen, ein Bikini-Oberkörperchen zum Augenverdrehen -  doch der eine Oberschenkel ist wulstig oedemisch und der Unterschenkel und der Fuß sind nur noch als Gerippe da: Engelsgesicht und Teufelsfuß. Bis in die kleinsten Kleinigkeiten ist diese Inszenierung ausgefeilt und stimmig.

Voller Witz und Verstand auch die Sprache: Von Schiller/Bölls „Wanderer, kommst Du nach…“ bis zur Verarsche des Pegida-Missbrauchs des einst Weltpolitik machenden Schwurs: „Wir sind das Volk“. „Ja,ja“, kommentiert der Nette, „und ich bin Volker“.

Perfekt die Schauspieler. Magda Decker und Michel Diercks (vom Schauspiel) dürfen die schönen mittleren Oberklässler spielen. In Anzug und Kostüm. Magda Decker, die spitzzünging freche Vorlaute, Michel Diercks der pseudogelassene Gedankenmanager. Felix Schiller, der Bassbariton vom Figurentheater, macht auch unter dem Dummblonbabydoofdkopf eine verräterisch gute Figur, Kollege Tobias Eisenkrämer ist der Radfahrer, der parolenaffine, angesoffene Stammtischbruder (aber: Kinder und Besoffene sagen die Wahrheit), der schließlich wie ein begossener Pudel vom Sehnsuchtsstrand weg ins brüllende Meer gespült wird. Und Gerlinde Tserschich mimt die sorgende, sich um alles, nur nicht um modische Kleidung kümmernde Heintje-Mama. Sie hat aber, wenn’s drauf ankommt, den gesunden Menschenverstand – sie führt zum Spiegel, wo sich (gnothi seauton, erkenne dich selbst, steht über Apollos Weisheitstempel in Delphi) schließlich die Übriggebliebenen zur Selbsterkenntnis sammeln: Erst wenn Du weißt, wer Du bist, weißt Du, wie die anderen ticken. Und wenn Du Dich abschottest gegen alle und jedes, gegen alles Fremde (wie sich die Figuren hier an  ihrem Strand – mit den Europaletten – Bühne: Valentin Baumeister – die Sicht verbauen), dann bleibst Du einsiedlerisch in der Bude, weil Dir draußen ein Ziegel auf den Kopf fallen, Du auf einer Banane ausrutschen, oder Dir ein Migrant begegnen könnte… „Ich will meine Angst zurück“, oder so ähnlich heißt es im Stück. Nur wer auch Angst hat und damit fertig wird, ist frei. Wer nur Angst hat, schwimmt in Pegida, AfD, NSU, IBD – und wird vom ewig brüllenden Mobmeer aufgefressen.

Gutes Stück. Gute Aufführung. Hingehen.

Die nächsten Vorstellungen: 10. November, 1. Und 2. Dezember 2016

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