Aus den Häusern 24. Juni 2017

„Wäre det nich wundascheen?“ War’s.


Premiere im Rückblick: Mit „My fair Lady“ gleich zum Auftakt des Chemnitzer Musicalsommers ein Volltreffer. --

Ja, das war’s: ein wunderschöner Abend. Die Mitwirkenden auf der Bühne, Solisten wir Chor, Ballett und Statisten,  top und voller Spielfreude, ein tolles, variables Bühnenbild, das Oper und die St. Petrikirche mit einschloss, eine fröhlich musikantische Robert-Schumann-Philharmonie unter der Leitung des flott aufgelegten Jakob Brenner, die aus dem Graben im Opernhaus perfekt übertragen wurde, bis ins Kleinste durchdacht der Aufwand vor, neben und hinter der Bühne – besser konnte der Start in ein neues Highlight des Sommers in Chemnitz kaum sein.

Vielleicht begründet diese „My fair Lady“, die am Freitag vor fast vollen Rängen auf der eigens aufgebauten Tribüne auf dem Theaterplatz Premiere feierte, jetzt wirklich noch eine Open-Air Musical-Tradition, wie sie sich Generalintendant Christoph Dittrich bei seiner Begrüßung wünschte. (Nicht nur wegen Wagner wird die Oper Chemnitz deutschlandweit geachtet, sondern auch wegen ihrer Musicals – darunter die „Lady“, die in Heinicke-Inszenierungen jahrelang einen Erfolg nach dem anderen feierte).

Mit halbem Herzen war bei dieser Produktion niemand dabei – die „Urgesteine“ nicht, und nicht die Jungen und die Gäste.

Als „Urgestein“ apostrophierte sich selbst Monika Straube, die grandiose Doolittle-Braut ganz in Weiß. „Dank an alle die mich so herzlich wieder in ihrer Mitte aufgenommen haben, ganz besonders Erik (Petersen, der Regisseur), Sabine (Arthold, Choreografie), Lukas (Waßmann, Kostüme) und Jakob (Brenner, Dirigent) und das gesamte Hauspersonal-das Urgestein“, wollte sie ihre Freude gleich nach der Aufführung auf Facebook loswerden. Ihr in der Ascot-Rolle als Lord Boxington zur Seite der unnachahmliche Jürgen Mutze, der keine ausgefeilte rollenpassende Kasperei auslässt. Dorit Gäbler, seriös geworden, eine Schauspielerin comme il faut – 30 Filmrollen, Ein Kessel Buntes, und dann steht sie da, und macht mit einem Blick, einer kleinen Geste, ihren undankbaren Sohn, den Professor Higgins, zur Sau (was diese Vornehmheit in Person so nie sagen würde…). Dorit Gäbler war vor 50 (!) Jahren als junge Elevin der Karl-Marx-Städter Bühnen die Eliza in der Chemnitzer Erstaufführung des Loewe-Jerner-Geniestreichs.

Mitgerissen von der Produktion auch Sylvia Schramm-Heilfort, die in Chemnitz seit 1991 wohl so viele Musicals gespielt hat wie keine andere Frau: „Alles rund und ein unglaublicher Erfolg!“, postete Mrs. Pearce auf Facebook. Jetzt spielte sie eine Higgins-Haushälterin, die ganz ohne Suffragetten-Emanzengehabe ihren Denkmacho-Herrn in seine Schranken verweist und wie eine Mutter ist zur kleinen Eliza, deren Rolle sie selbst noch während ihres Studiums auf der Karl-Marx-Städter Bühne verkörperte. Sie kann den Schmerz der Kleinen nachvollziehen.

Freddy (Hubert Walawski) ist der, der schmerzlich hoffnungslos verliebt ist, dass er sogar die Straße anbetet, die der Fuß der Unerreichbaren berührt hat.

Wir wissen, dass Thomas Mäthger für jeden Spaß zu haben ist, wenn’s passt. Er und André Riemer als Sauf-Gesellen von Doolittle, ein Riesenspaß. „Hei, heute morgen mach‘ ich Hochzeit“ – dieser Junggesellenabschied fuhr dem Publikum in die Beine. Viele auf den Rängen klatschten mit. Was für ein Bild, wie der Chor da hereinquoll und sich anstecken ließ – Sonderlob an den von Pietro Numico einstudierten Chor insgesamt und die Choreografie das ganze Stück über.


Der Doolittle – Nik Breidenbach, auch TV-erfahren (GZSZ). Bis an die Grenzen lotete er aus, wieviel Klamauk seine Komödie verträgt, nie ging er drüber hinaus. Was für ein Komödiant! Und wie der dazu noch singsprechen, sprechsingen und singen überhaupt kann. Begeisternd.

Matthias Winter hat ein untrügliches Gespür für Musicals. Einige hat er ja selbst schon in Chemnitz inszeniert. Glaubhaft wandelt er sich vom Sprach-Dominator zum „Ich bin’s der es geschafft hat“-Champion, zur Jammertulpe nach dem Anschiss der Mutter – und zum Menschen, dem dieses kleine Miststück („Ich bin gewöhnt an ihr Gesicht“) mehr beigebracht hat als alle trockene Wissenschaft je vermöge: dass man vor verrammelter Tür stehen bleibt, wenn Mann sein Herz nicht geöffnet hat (Schlussbild…).

Pickering ist gegeelter Dandy, der die Regeln der morbiden Großbürgergesellschaft mit der Muttermilch aufgesogen hat. Andreas Kindschuh gibt diesen Typen, der schon wieder über den Goldrandteller auf den Bürgertisch zu sehen gelernt hat, sympathisch, zurückhaltend, aber stets präsent.

Und Eliza? Wir haben eine wunderbare Katharina Boschmann erlebt (sie gibt die Rolle alternierend mit Franziska Krötenheerdt). Frech, die Blumenmädchengöre. Wütend, die Professorenangeschissene. Glücklich, die Sprachabiturientin („Es grünt so grün…“), die Dame, die’s wirklich geschafft hat und das arme Hascherl. Katharina Boschmann ist eine tolle Schauspielbegabung (herrlich die Ascot-Szene). Und sie ist eine bewundernswerte Sängerin mit schöner Stimme. Auch wenn all die anderen gut gesungen haben, sie müssen wir herausheben. Die makellos hohen Höhen in “Ich hätt‘ getanzt heut‘ Nacht“ schüttelt niemand grad so aus den Stimmbändern. Auch eine Audrey Hepburn nicht. Ihre Gesangsstimme reichte nicht aus. Sie wurde in der berühmten Verfilmung des Musicals (1964) von einer Sängerin synchronisiert… Katharina Boschmann hätte das nicht nötig gehabt.

Regisseur Erik Petersen und sein Team leisteten bis in die kleinste Kleinigkeit eine für die wandernden Augen des Publikums immer wieder überraschende und perfekte Arbeit. Wie der dicke Franziskaner die St.Petri-Kirche zur Hochzeit öffnet, wie Higgins nach dem Ball die erschöpfte Eliza im noblen Jaguar einfach sitzen lässt, dass in Ascot tatsächlich die Nr. 7 an der Spitze liegt – das stimmt alles. Bis hin zu den vielen sprechenden Kostümen Elizas, je nach äußeren Umständen und Gefühlslage…

Die englische Telefonzelle, die Lohengrün-Banner am Chemnitzer Covent Garden, die Pferde, die Oldtimer – alles schön. Aber auch das Ambiente für die Zuschauer muss stimmen. Vorher, in der Pause. Liebevoll eingerichtet das Lustwandelwohnzimmer für das Publikum im Schatten der Stahltribüne. Man merkt, dass Mario Köppe, der Marketingchef, erprobter Regensburger Gloria-Feste-Haudegen ist. Wenn nur die Thekendamen ein bisschen flotter gewesen wären und manch Pausendurst nicht erst bedient worden wäre, als die Pause schon fast wieder vorbei war…

Am Donnerstag hatten Blitz und Donner und Starkregen die Generalprobe noch erschlagen. Gutes Omen für die sonnige Premiere. Sie war nicht einfach „nur“ eine Musicalaufführung, sondern ein Theaterfest für fröhlich gestimmte Menschen. So werden Traditionen geboren. Sieben Mal wird 2017 die „Lady“ im Freien gespielt, nächstes Jahr (Premiere 29. Juni 2018) gibt’s „Hair“. Das steht schon fest…

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