Aus den Häusern 24. Juni 2012

Beethoven-Zyklus: Die Fünfte riss von den Stühlen

Konzert im Rückblick: Philharmonie am Sonntag in Bestform

Menschentrauben, fröhlich schwatzend, spazieren zum selben Ziel. Sonst geht's so zur Gellertstraße (CFC) oder zum Küchwald (Pressefest). Sonntag früh zum CVAG-Betriebshof in Adelsberg. Zu Beethoven. Ja, Beethoven! Kultur! Autos mit Kennzeichen Z, FG, MW, FG, ANA, ERZ, STL, viele – klar – mit C. Andere sind mit Fahrrad oder CVAG eingetroffen. Vor der Kasse eine Riesenschlange. Ausverkauft. Kultur ausverkauft! Schließlich kommen alle rein. Man hat gelernt von den aus den Nähten platzenden Opernfrühstücken des Fördervereins, als „Kunden" nach Hause geschickt werden mussten. Nie mehr... Gut so.

Alle locker. Vor dem CVAG-Eingang stellt Orchesterdirektorin Susanne Fohr von fern angereiste Ehrengäste dem GMD vor - Frank Beermann, noch im Sweatshirt, als ob er mit dem Fahrrad gekommen wäre (ist er nicht), auf dem Rücken den Fein-Klamotten-Sack. Auf dass es gut und schön wird, wenn's ernst wird. Die Musiker, quatschend, Kaffee-trinkend, draußen vor der Depot-Konzert-Halle. Aber gespannt. Man spürt es ihnen an. Als ob's drauf ankommt. Es kommt drauf an. Die Robert-Schumann-Philharmonie kämpft den EKKo-Kampf, A-Orchester oder Absturz, gewinnt mit jedem Konzert des Beethoven-Zyklus in der Stadt neue Freunde. Die Musiker wissen das. Sie sind, wenn auch einfach in schwarzen Hemden, nicht im Frack, nicht zu einem Promenadenkonzert da („schrubben wir halt runter, dass die Leute rechtzeitig zum Mittagessen kommen..."). Das Motto steht auf einem Straßenbahnwagen, drinnen im Depot: „Der Weg ist das Ziel". Das Konzert, nicht das Mittagessen.

Am Ende reißt die Fünfte die Leute von den Stühlen. Bravi. Ovationen im Stehen. Die Musiker – sichtbar genießend. Sie wissen, sie haben das Beste gewollt, und das Beste gegeben. Und gewonnen. Beethoven macht es ihnen leicht, vor allem mit den Hämmern der Fünften und der Sechsten, aber Beermann macht's schwer  – weil er Beethoven nimmt, wie Beethoven war. Null Kompromisse – schnell, wo' rumpelt (Gewitter),  heiter, wo der Bach plätschert. Und er macht's wie Beethoven: nicht die „Schöne", die Landliebe am Schluss, die „Sinfonia Pastorella", das heitere Arkadien, sondern die „Irdische", die Fünfte, den Kampf mit dem Schicksal. So hatte Beethoven selbst die Uraufführung beider Sinfonien 1808 im Theater an der Wien angeordnet. Obwohl die „Sechste" damals noch die „Fünfte" war. Weil Beethoven, als er die „Fünfte" angefangen hatte, immer wieder anderes komponierte – unter anderem die (heutige) „Sechste", die früher fertig war als die „Fünfte". Aber mit ihr hatte er früher angefangen (wie Schubert mit der Neunten vor der Achten).

Beethoven, der erste richtig frei schaffende Komponist, nicht von Fürsten-Huld (Haydn) oder Erzbischofs-Ungnaden (Mozart) abhängig, wusste, wie das Publikum zu gewinnen war. Und Beermann machte es genauso. Wenn schon, dann schon. Nicht nur Beethoven-Noten, sondern auch Beethoven-Geist. Dieses Konzert der Robert-Schumann-Philharmonie hat mit Beethoven gezeigt, warum auch EKKo-Chemnitz diese Philharmonie braucht:

Die Robert-Schumann-Philharmonie ist klasse. Nicht nur zahlenmäßig ein A-Orchester. Sie scheut keine Schwierigkeiten. Das Fugato der „Fünften", das Gewittergrollen, ist gefürchtet. Celli und Bässe in halsbrecherischem Tempo. Furtwängler und Günter Wand (Beispiele) bremsten, ließen jeden Ton hören – als ob sie beweisen wollten, dass Beethoven seine Fugen-Lektion bei Bach gelernt hat. Akademischer Sch.... Gewitter hat Beethoven komponiert, in einer Fuge, wie sich Wolken in Lagen übereinander türmen. Aber nicht die Wolken machen Angst, sondern Donner und Blitz. Beermann, wie der Blitze-schleudernde Zeus, haute rein. Und die Musiker ließen es grollen und krachen.

Dann wieder Arkadien. Pianissimi – im Straßenbahndepot. Wo jeder (von Beermann bös beblickter) Huster störte. (Furchtbar, stelle ich mir vor, wenn's im zweiten Satz der „Sechsten" draußen wirklich gewittert und der Regen auf das Depot-Dach getrommelt hätte). Natur und Kunst... Die Nachtigall-Flöte, die Wachtel-Oboe, und die Kuckucks-Klarinette. Himmel, war das schön. Weil sie das alles so unprätenziös, so natürlich, gar nicht künstl(eris)ch spielten (wie später auch die Piccolo-Flöte). Ist mir doch egal, ob der Kuckuck in der kleinen Terz (vor Beethoven), der großen (Beethoven) oder der Quarte (Mahler, viel später) kuckuckt. Nachmittags im Garten – da pfeifen die Vögel auch, wie sie wollen. Und es klingt.

Wie drückt man musikalisch Schwüle aus? Wenn alle Griller und ihre Gäste bangen, dass es losgeht, das Gewitter, es aber noch so schön ist? So schön, wie damals in Kroatien, woher die Tanzmelodie der Landleute bei ihrem „Lustigen Zusammensein" stammt. Gänsehaut-Atmosphäre, als die Philharmoniker den zweiten Satz der „Sechsten" mit Dämpfer spielen. Noch mehr Gänsehaut im dritten Satz, in dem das Gewitter sich endgültig ankündigt. Beermann nimmt schon Im Scherzo das schnellere Tempo. Zu Recht. Warum lässt Beethoven sonst den vierten (den Gewitter-)Satz „attacca" (also ohne Pause) folgen?

Die Tempo-Gestaltung ist ohnehin ein ganz großes Plus dieses Beethoven-Zyklus. Beermann braucht keine unnötigen Accelerandi (Beschleunigungen) wie die alten furtwänglerischen Schönspieler, wenn Beethoven sie wieder zur Sache zwingt. Klasse, wie die Pizzikati der gesamten Streicher im letzten Satz der „Fünften" schon so rasch genommen sind, dass der Schluss nahtlos passt.

Beermann arbeitet (das bringt Beethoven schon selbst, wenn man ihn spielt, wie er es wollte) auch nicht auf Glanzstellen hin – weder bei den Hörnern (die hervorragend waren, die hörbaren Patzer im ersten Satz der „Sechsten" und kurz vor Schluss in der „Fünften" seien angesichts ihres Instruments, nicht umsonst Glücksspirale genannt, mehr als verziehen) noch bei den Trompeten, die die französische Revolution und ihre Schnellmärsche ahnen ließen, auch wenn ihre Ventilinstrumente die Grellhelle der Clairons (der Signaltrompeten), wie Beethoven sie sich vorstellte, nicht schaffen. Französische Orchester versuchen das manchmal. Aber die Franzosen hören auch lieber nicht den Militärton. Es sei denn am 14. Juli. Sie hätten gejubelt, wenn sie die Hörner, die Trompeten (und die in beiden Sinfonien nur zur Apotheose - von Natur und Humanität - zugefügten Posaunen) am Sonntagmorgen im Straßenbahndepot der CVAG gehört hätten. Wie das Chemnitzer Publikum auch.

Viel schöner kann ein Sonntag-Vormittag nicht sein. Nur ein Problem haben nach dieser Glanzleistung am Sonntag Beermann und seine Musiker: Endspiel ist erst am Mittwoch. Mit der „Ersten" und der „Dritten" im Opernhaus. Ob sie da noch einen draufsetzen können? Ob sie genügend Luft und Kraft haben für die „Sinfonia eroica", eine der großartigsten Sinfonien aller Zeiten?

Haben sie. Sie werden es bringen. Meisterlich.

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01
Reaktion
@T. Felber Der Autor hat keine Aversion gegen Furtwängler: F. stehe als Beispiel für die gegensätzliche Art der Interpretation.- Auf die Fotografen haben wir leider keinen Einfluss.
Vor 5 Jahren | darauf antworten
02
T. Felber
Ich würde es sehr erfrischend finden, wenn bei der Besprechung des letzten Konzertes nicht erneut Aversionen gegenüber Furtwängler zum Ausdruck gebracht werden - diese haben (und hatten) in der Besprechung dieser Konzertreihe (meiner Meinung nach) nichts zu suchen, da Beermann und die Philharmonie Beethoven für Chemnitz spielen und nicht gegen Furtwängler. Wenn man denn vergleichen will, bitte mit aktuelleren Interpretationen. Ansonsten kann ich die Kritik durchweg teilen. Eine Frage allerdings dann doch noch: Warum hantiert ein Pressefotograph(?) nebst Komplizin an den leisesten Stellen der "Pastorale" mit einer Leiter herum und macht laut klickend Fotos?
Vor 5 Jahren | darauf antworten
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