Aus den Häusern 18. März 2018

Die Erde ist die Hölle, der Teufel schwebt oben, der Meister kriegt sein russisches Gretchen, und Pilatus wäscht seine Hände für alle Ewigkeiten

Premiere im Rückblick: Malte Kreutzfeldts Weltspektakel nach Bulgakows russischem „Faust“ in Chemnitz --

Am Ende haucht das russische Gretchen Margita zu ihrem Meister: „Hörst Du die Stille“? Da war (im Video) gerade die Atombombe hochgegangen. Für den Text, den Sie hier lesen, brauchen Sie keine fünf Minuten. Das Stück dauert (mit Pause) mehr als drei Stunden. Die Erklärungsversuche für Michail Bulgakows Kultroman „Meister und Margarita“, dem Plot für Malte Kreutzfeldts Adaption, füllen Bände. Soviel Zeit haben wir nicht. Machen wir’s kurz. Angesichts der Atombombe und der Angst davor ist alles Menschendenken und -tun eh nur noch komisch. Und grotesk.

Kreutzfeldt kennt seinen Dürrenmatt. In Chemnitz hat er schon den „Besuch der alten Dame“ gemacht. Erinnern Sie sich an die große Golderdenkugel? Und haben Sie jetzt die große Erdkugel im Anfangsbild gesehen, die später im Stück zum kleinen Erdball schrumpfen wird, weil wir zu klein sind, Größe zu kapieren, Sie können auch sagen die Unendlichkeit, ob wir auch, ach, Philosophie und - schlag mich tot - sonst noch was studiert haben.

Dürrenmatt schickt seine Physiker ins Irrenhaus. Bulgakow/Kreutzfeldt ihre Poeten Besdomny und den Meister. Nur im Irrenhaus kannst Du Mensch sein, bist du nicht krank, „Verstand schafft Leiden“, heißt es im Stück. Im Irrenhölle-Paradies kriegst Du auch den satanarchäolügenialkohöllischen Wunschpunsch“ (so heißt ein Kinderbuch von Michael Ende, das Goethe und Bulgakow für Kinder denkt) gespritzt, der Dich über alles Erdhöllengetöse erhebt. Wenn Du pünktlich bist. Und alles vor Mitternacht schaffst.

Oder egal wann. Die Lebensuhr tickt eh und Du kannst sie nicht aufhalten. Mit Teufel nicht, und ohne. Auch wenn die Uhr vielleicht nur eine Kuckucksuhr ist wie hier links im Bühnenvordergrund (wieviel Kuckuckseier hast Du Dir oder anderen schon ins Nest gelegt?), vielleicht soll die Uhr ja auch auf die berühmte Kreml-Uhr hinweisen, wie ein kenntnisreicher Nachbar vermutete. Deren Glockenspiel intonierte im 18.Jahrhundert „O du lieber Augustin“. Später spielte die Uhr die „Internationale“… Ja, lieber Augustin, „Alles ist hin“.

Wirklich? Geht’s gar nicht mehr weiter? Ob’s denn keine Erlöser für uns Menschen gibt? Doch. Natürlich. Der oberste Teufelsdiener Korowjew (Stefan Schweninger) schnarrt bisweilen mit österreichischem (Braunauer?) Akzent. Und der Irrenhausarzt (Wolfgang Adam) hat bisweilen Ulbricht-Slang drauf. Wie sagte der mal (auf dem III. Kongress des Nationalrats der Nationalen Front 1958)? „Wenn ihr wissen wollt, wie es weitergeht, lest das Kommunistische Manifest und Goethes ‚Faust‘“…

Mit „der freien Entwicklung eines jeden“ als „Bedingung für die freie Entwicklung aller“, wie Marx und Engels sie forderten, hat es ja nicht so ganz geklappt. Bulgakow hat selbst die sozialistische Staatsbürokratie erlitten, die Wohnungsvergabe erlebt und unten in der lärmumtosten und straßenbahnerschütternden Hauptstraße 50 im Keller gewohnt, in der er seinen Protagonisten vegetieren lässt, ehe der ins Irrenparadies entschwindet. Er hat Köpfe rollen sehen, oder davon gehört. Teufelswerk. Er wurde zensiert (erst 1966 wurde sein Roman, in Auszügen veröffentlicht. Bulgakow hatte seit den 20er Jahren bis zu seinem Tod 1940 daran geschrieben).

Rundfrage unter den Freunden in der Pause: Wer hat Bulgakow gelesen? Ostrowskis „Wie der Stahl gehärtet wurde“, kannten alle. „Meister und Margarita“ ein einziger. Auch in der DDR war noch so verborgene, womöglich satirische oder gar sarkastische Kritik an der Bürokratie nicht gern gesehen. Und hätte sich nicht Anna Seghers für Bulgakow eingesetzt und dessen Werk in eine Reihe mit Goethes „Faust“ gerückt, wer weiß, wie Ulbrichts Rotstift-Vasallen reagiert hätten. Die hochangesehene Seghers fand auch, dass Dostojewski mit seinen Brüdern Karamasow in diese Reihe gehöre. Vor allem Iwan, der Teufel, weil Atheist unter ihnen. Er ist, wie die Seghers über Bulgakows Teufel schrieb die „Widerspiegelung eines grauenhaft verlockenden Zweifels, der heute die Menschen verwirrt“. „Es gibt aber viel Liebe unter den Menschen“, sagt Iwans Bruder Aljoscha, bei Dostojewski. Darauf Iwan „Ich für meine Person … kann es nicht begreifen. Und unzähligen Menschen geht es wie mir. Die Frage ist nun, ob das von den speziellen schlechten Eigenschaften der Menschen herrührt oder davon, dass das nun einmal allgemein in der menschlichen Natur liegt. Meiner Ansicht nach ist die Liebe Christi zu den Menschen ein in seiner Art auf Erden unmögliches Wunder. Freilich. Er war ein Gott. Aber wir sind keine Götter.“

Für Bulgakow ist klar: Götter sind wir nicht. Aber eine (Er-)lösung für uns kann’s nur geben, wenn keine Macht mehr Gewalt ausübt und Köpfe rollen lässt, und wenn wir uns uneingeschränkt den Prinzipien jenes Jeshua hingeben, der alle liebt und jeden für einen Guten hält. Aber selbst der stirbt am Kreuz. Der Menschenfischer. Weil die Menschen die Capri-Fischer mehr lieben.

Sie singen den nachmaligen Schlager falsch, schrecklich falsch unter dem Kreuz, die sich da um den todgeweihten Jeshua versammelt haben. Noch nicht einmal die Capri-Fischer waren vor der Zensur sicher. Gerhard Winkler hatte das Lied 1943 geschrieben. Dummerweise waren da die Amis schon auf Capri gelandet. Und das Lied wurde sofort aus dem Rundfunk verbannt. Da half auch keine Marie was, die auf die Fischer warten sollte. Wie bei Bulgakow Marie-Gretchen-Margarita-Mariamutter-Maria Magdalena Jeshua nicht helfen kann.

Das konnte auch Pilatus nicht. Pilatus ist die Bombe bei Bulgakow. Kreutzfeldt hat seinen Chemnitzer "Richard III." schon mit Susanne Stein besetzen lassen. Jetzt ist sie Pilatus. Jener Selbstzweifler, der alles richtig machen will, und alles falsch macht. Der sogar Judas umbringen lässt (so steht’s nicht in der Bibel), weil er nicht will, dass der (oder dessen Verrat) unsterblich werden solle und damit sein, Pilatus‘, Verrat. Im Übrigen muss auch Matthäus weg, Levi, der falsche Kunde in seinem Evangelium geben würde (beeindruckend und blutverschmiert: Martin Valdeig). Auch Besdomny (Martin Esser, der junge Poet) hat ja keine Chance und wandert ins Irrenhaus. Die Wahrheit gehört den Mächtigen. Und dann sitzen sie, zu ewigem Nichtstun oder HändevorUnschuldwaschen für alle Ewigkeiten auf dem Felsen oder werden unangenehme, immer für Ärger sorgende Kater wie Behemoth. Auch den spielt die Stein souverän.

Ob weisweißer Perücken-Alter oder nagelschwarzlackierter Jung-Teufel: Jan Gerrit Brüggemann verkörpert nie das Böse an sich. Sein Voland-Mephisto ist der alternative Trickser, aber niemand erkennt die Tricks, weil die Menschen sich so gern verführen lassen, nicht nur, wenn es Geld regnet. Wenn er mit Margarita auf dem Hexenbesen reitet, liegt dem Zauberer alles zu Füßen. Ulrike Euen, die Margaita, entblättert sich für ihn, führt den irresten Hexentanz auf, um ihren Geliebten zu kriegen, den Meister (Andreas Manz-Kozár), der über seine Pilatus-Arbeit schließlich ins – wenn auch teuflische – Paradies der Liebe findet. In dieser grippeverseuchten Zeit, in einem rammelvollen Schauspielhaus, keinen einzigen Muckser zu hören bei den schwierigen Meister-Monologen – das hat Manz-Kozár großartig gemacht.

Es war überhaupt ein großartiges Ensemble, das am Samstag dieses Weltspektakel aufführte. Kreutzfeldt hat bei seiner Adaption darauf verzichtet, eine stringente Story zu erzählen (wie das wohl in Rudolstadt zurzeit in der Fassung von Niklas Rådström Erfolg feiert). Kreutzfeldts Fassung hat den Vorteil, dass dieses wahnsinnige, bisweilen blendende Schillern der Gedankensprünge aus den Erzählsträngen Bulgakows erhalten bleibt. Und dessen mitunter grotesker Witz, sein Kopfab, Kopfdran (klasse übrigens Marko Bullack).

Neben spielwitzigen, ja spielsüchtigen Schauspielern braucht Kreutzfeldt dazu auch ein schnell wechselndes Ambiente. Da kommt das Irrenbett aus der Tiefe der Vorbühne hochgefahren, das außerirdische Befehlswerkzeug, kommt, höchste Gefahr, auch mal als rotes Telefon aus der Tiefe hoch, dafür erhebt sich die große Scheibe des teuflischen Erden- und Himmelreichs in die Höhe, und Leiter und Kreuz ragen halsbrecherisch auf. Es zischt und grummelt. Ulrike Euen badet in Video-Schwefelmilch, der Kuckuck ruft und Geld regnet vom Himmel. Tolle Ideen und Wahnsinnsleistung von Nikolaus Porz (Bühne) und der Chemnitzer Technik, die bravourös gearbeitet und höchstes Sonderlob verdient haben. Nicht zu vergessen die so passend detailverliebten Kostüme von Anke Wahnbaeck (vom teuflischen Stummelschwänzchen von Gella (Maria Schubert) bis hin zur filmreifen Ausstattung von Russenmafiapistolero Azazello (Philipp von Schön-Angerer)). Und wie immer der Mann im Hintergrund, der uns über die Ohren bisweilen – ob laut, überlaut oder ganz leise – die Nackenhaare aufstehen ließ: Steffan Claußner. Und neben allem: die „falschen“ Capri-Fischer sind so genial, so typisch trügerisch, dass aller teuflische Schmalz schmilzt.

Große Aufführung. Langer, langer Beifall. Alles verstanden? Nö. Keiner. Da steckt zu viel in diesem Bulgakow drin. Da reichen Bände nicht. Aber wozu haben wir was zwischen den Ohren? Gewiss, Weltliteratur kommt gegen den Lärm von Heavy Metal, Funk & Co. kaum durch, und im Zeitalter von 280 Zeichen können Mächtige von heute gerade noch Twitter-Nachrichten kapieren, einen Bulgakow nicht. Wie man Stille hört, haben sie nie gelernt.




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01
Gunter Hüttner
Eine außergewöhnliche, beeindruckende und gelungene Inszenierung wurde treffsicher und klug kommentiert.
Genau richtig ist, dass Theater nicht mit jedem Detail verstanden werden muß.
Theater muß sein Publikum entführen, im anderen Bewußtsein festbinden und Vergrabenes zu Tage fördern. Genau das ist hier bei allen den nachdenklichen Besuchern gelungen , hauptsächlich bei jenen im Publikum, die sich wieder an den Siegeszug des Kommunismus, auch in Karl -Chemnitz erinnert haben, oder die seinen Weg von Zeitzeugen geschildert bekamen.
Ich kann nicht wirklich glauben, dass Bulgakow 1940 mit 49 Jahren eines natürlichen Todes gestorben ist.
Vor 2 Monaten | darauf antworten
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