Aus den Häusern 22. September 2019

Mitreißender Start in die neue Spielzeit


Warum das fast 70 Jahre alte Kammerspiel um die „12 Geschworenen“ aktueller sein kann denn je --

Carsten Knödler kann höchst zufrieden sein. Die erste Premiere in der neuen Spielzeit sah ein bis auf den letzten Platz besetztes Haus. Und am Ende prasselte heller Zustimmungs-Beifall, ein einsames Bravo dazwischen. Nicht, weil’s den anderen nicht gefallen hätte, im Gegenteil. Zu sehr war das Publikum selbst mitgerissen und angerührt von dem, was da oben auf der Bühne abgegangen war. „Gnothi seauton – erkenne Dich selbst“ stand schon vor mehr als 2000 Jahren auf dem Apollo-Tempel in Delphi. Die Zuschauer am Samstagabend erkannten sich und ihr Umfeld – in einem Stück, das fast 70 Jahre alt ist und in den 50-er Jahren erste Erfolge feierte. Der Schauspieldirektor und sein Team hatten das Gerichtsdrama von Reginald Rose und dessen deutsche Neubearbeitung von Horst Budjuhn aus den 70er Jahren so geschickt in die Jetztzeit gebracht, dass niemand unberührt blieb.

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Aus den Häusern 07. September 2019

Heißer Beifall für die „Winterreise“


Premiere im Rückblich: Ballett Chemnitz wagt und gewinnt --

Risiko. Das Chemnitzer Ballett eröffnete die neue Spielzeit in der Oper Chemnitz mit einer getanzten „Winterreise“. Schuberts Liederzyklus ist zwar bei allen großen Liedsängern beliebt, das Publikum mag und kennt – meist einzig - das fünfte Lied, den „Lindenbaum“ („Am Brunnen vor dem Tore“), tut sich heute oft aber schwer, die schwermütige, bisweilen zur Depression neigende romantische Grundstimmung der Verse von Wilhelm Müller emotional an sich ranzulassen. In Chemnitz war das am Freitagabend im gut besetzten Opernhaus anders. Nach Sekunden der Stille brandete ein heißer Beifallssturm auf. Das Publikum feierte den Sänger Andreas Beinhauer, dessen Frau Anna (Klavier), das diesmal 13köpfige Ballettensemble und den Choreografen Robert Bondara. Das war nicht unbedingt zu erwarten. Wie gelang das? Eine Spurensuche.

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Aus den Häusern 26. Mai 2019

Arme Frauen. Die Ohnmacht der Liebe


Premiere im Rückblick: Regisseur Robert Lehmeier krempelt Beethovens „Fidelio“ um – Den Leuten gefällt’s --

Am Ende gehört Leonore zu den Verlierern. Die Liebe hat gesiegt. Aber es war ein ohnmächtiger Pyrrhus-Sieg. Leonores Mann Florestan, eben aus dem Kellerkerker befreit, ist bereits wieder machtblauuniformierter Don. Der erwischte Übeltäter Pizarro entfleucht, nochmal ein diabolisches Grinsen zurücklassend, durch die hohle Gasse, wohin ihm die Mächtigen folgen, die ihn wohl demnächst zum Staatssekretär in einem anderen Ressort mit zwei Gehaltsstufen mehr befördern werden. Die moralische Siegerin Leonore bleibt betröppelt zurück wie ihre arme, jüngst gewonnene Herzschwester Marzelline, die den Brautschleier resignierend brüsk zurückweist, den ihr der Ex-Geliebte als letzten Liebeserweis antun will. Die Revolution bleibt aus. Das bauhausbunt gewandete Volk (Kostüme: Ingeborg Bernerth in entsprechend giftgrünen Pumps) gestikuliert nichts hören, nichts sehen – nichts sagen fehlt. Dafür singt es „Heil sei dem Tag, heil sei der Stunde“. Am langanhaltenden Beifall des Publikums (darunter anfänglich auch Kunstministerin Eva-Maria Stange) gemessen kam Lehmeiers Sichtweise bei der Premiere am Samstagabend im fast voll besetzten Chemnitzer Opernhaus gut an.

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Aus den Häusern 05. Mai 2019

Der liebe Gott und der Apfelkuchen

Premiere im Rückblick: Carsten Knödler bringt Anders Thomas Jensens Filmstoff „Adams Äpfel“ stark auf die Bühne --

Ein ganz großer Kuchen sollte es werden, schließlich stand aber nur noch ein Apfel für ein Miniküchlein zur Verfügung. Aber dieses Küchlein bedeutet Sieg auf der ganzen Linie. Der frühere Neo-Nazi Adam ist bekehrt, und der an Gott zweifelnde Pastor Ivan vertraut wieder auf die Güte Gottes. Apfelblüten regnen in den Bühnenfrühling, der Suffkopp Gunnar macht sich mit Frau und Kind auf den Weg nach Indonesien, „weil dort ein Mongo nicht so auffällt“. Politisch unkorrekt, böse und rabenschwarz ist diese Komödie nach dem Film von Anders Thomas Jensen (2005), die Carsten Knödler (in einer Bühnenfassung von K.D.Schmidt) auf die Chemnitzer Schauspielbühne transferiert hat. Gestern, Samstagabend, war Premiere. Das Publikum, in der Pause noch unentschlossen, applaudierte am Ende stark.

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Aus den Häusern 04. Mai 2019

Umträumungen


Premiere im Rückblick: Gestern, Freitagabend, Uraufführung von „Rauschen“, dem Gewinnerstück des Chemnitzer Theaterpreises für junge Dramatik 2019 --

Nein, kein „t“ zu viel. Sie haben richtig gelesen. „Umträumungen“ vermissen die Außerirdischen bei den Menschen. Sie verachten das kalte „Küsschen links, Küsschen rechts“, wenn Menschen so tun als ob (sie sich mögen oder so). „Als ob“ ist der dramatische rote Faden in Natalie Baudys Stück „Rauschen“, mit dem die junge Theaterfrau vor 65 anderen Arbeiten den Chemnitzer Theaterpreis für junge Dramatik 2019 gewonnen hat. „Als ob“ alles so wäre, wie es scheint, setzt der ursprünglich amerikanische Regisseur Brian Bell mit seinem Bühnen- und Kostümbildner Daniel Unger bestechend und tupfengenau in Szene. Hinter van-Gogh’schem Sonnenblumendruck lugt da schon mal das (sie sind alle „d“, die Weltall-Besucher) Außerirdische Al Tee hervor. Vier Schauspieler mimen quirlig die Irdischen und Außersolchen in einer absurden Welt, in der wir, die Menschen, die Absurdesten sind. Viel Beifall für die Akteure und die zur Uraufführung angereiste Autorin.

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