Aus den Häusern 02. März 2020

Der kleine Krieg


Repertoire (Sonntag): Alle Verlierer? – Nina Mattenklotz bringt Tennessee Williams „Glasmenagerie“ als packende Parabel für unsere Welt auf die Drehbühne des Chemnitzer Schauspielhauses--

Tennessee Williams schrieb seine „Glasmenagerie“ mitten im Zweiten Weltkrieg. Aber das Stück handelt  nicht vom Irrsinn des Völkermords, vom Tod Tausender US-Soldaten oder der Trauer der Mütter. Es beleuchtet einen ganz anderen Krieg: den alltäglichen kleinen, den in der Familie, in der jeden Tag gekämpft wird, es sich aber immer um dasselbe dreht, es nur Verlierer gibt und keine Hoffnung, weil kein Ich das Du versteht. Da kann es keinen Frieden geben. Die „Glasmenagerie“ ebnete Williams den Weg zum Weltautor, der Gültiges zu sagen hat. Gute Wahl, das Stück im Zeitalter der Kommunikationsverweigerung und der Spaltung der Gesellschaft jetzt auf die Bühne zu bringen. Nina Mattenklotz erzählt in Chemnitz  eine bedrückend moderne Parabel enttäuschter Erwartungen. Nach der ausverkauften Premiere am Freitag war auch die zweite Vorstellung am Sonntag gut besucht. Die betroffenen Zuschauer dankten den Schauspielern mit langem Beifall.

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Aus den Häusern 12. Februar 2020

Nach 2018: Sören Hornung gewinnt auch den Chemnitzer Theaterpreis 2020


Das Gewinnerstück "ARCHE NOA. Das Ende vom Schluss" wird  am 8. Mai 2020 uraufgeführt -

Er hat es wieder geschafft: Mit „Sieben Geister“ hatte Sören Hornung schon 2018 die Jury des Chemnitzer Theaterpreises für junge Dramatik überzeugt. Mit seinem neuen Stück "ARCHE NOA. Das Ende vom Schluss" gewann er den mit 5.000 € dotierten Preis auch 2020.

Sören Hornungs neuer Theatertext stellt eine überdrehte Diagnose der Zeit. Mit Haltung aber ohne Zeigefinger. Mit Witz aber bitterem Ernst. Im Fahrwasser kapitalistischen Wirtschaftens – hier einemSuperSupermarkt – wird Sprache die Kraft zugesprochen, Welt bzw. Weltsicht zu prägen.

Vorgeschichte: Simone arbeitet als Aushilfe in einem SuperSupermarkt. Sie wird hierhin und dahin geschickt, kaum jemand beachtet sie. Also schreibt sie ein Büchlein über einen grausamen Nebel, der alles und jeden verschlingt. Ihre Fiktion, besser ihr apokalyptischer Albtraum wird wahr und das Drama beginnt. Aus Simone der Aushilfe wird die Herrscherin über den einzig rettenden Supermarkt und überall draußen herrscht ein Nebel des Grauens, der die Menschen angstvoll herumirren lässt. So auch Dietmar. Schließlich findet er die Tür zum rettenden SuperSupermarkt. Doch auch im Markt geschehen seltsame Dinge: Simone verkauft Dietmar Produkte, die er nicht braucht. Eine tote Mutter beschimpft ihn und berichtet von einem Kreuzfahrtschiff, das mittels Geld am Laufen gehalten wird. Und der Bundeswehrsoldat Karl Schmidt, Drohnenpilot, stellt einen Zusammenhang zwischen der Existenz von 3-D-Druckern und Terrorismus her. Doch die Zeit wird knapp. Die Kühlung fällt aus, das Eis schmilzt und eine Sintflut droht. Den Überlebenden bleibt nichts weiter übrig, als sich auf die Regale des Supermarktes zu retten. Während Dietmar mutierte Fische angelt, baut Simone an einer Arche, um dem Grauen zu entkommen. Doch Gott wäre nicht Gott, wenn er sich in diesem Moment nicht der Menschen erbarmte. Dumm nur, dass sich Gott als Geschichte der Menschen entpuppt, also nur durch die Menschen existiert. Dennoch hat er etwas im Gepäck: die Geburt der Macht aus der Angst.

Wenn eine groschenheftgebildete Figur sich eben einen Nebel des Grauens einbildet, dann wird dieser wahr. Was Mensch zur Einwirkung kommen lässt, prägt seine Weltsicht und sein Handeln. Auf anderer Ebene weist der Nebel auf einen Zustand der Unerkennbarkeit von Akteuren, Zusammenhängen und Antagonismen des Kapitalismus, weil dafür keine Sprache mehr zur Verfügung steht, sie wurde von der Ökonomie usurpiert. Hornung spielt denn auch mit Sprache, setzt Worte, Sprachfetzen, Zitate und vertraute Zusammenhänge in neue Kontexte, verfremdet allzu vertraute Sinnsetzungen und generiert absurden Witz. Genau wie Gott erscheint der Kapitalismus als eine Fiktion, ein Masternarrativ, das dem menschlichen Zusammenleben zwar Struktur gibt, aber vielleicht nicht die einzig mögliche Erzählung ist.

Die Jury des diesjährigen Chemnitzer Theaterpreises für junge Dramatik bestand aus Andrea Czesienski (Lektorin henschel SCHAUSPIEL Theaterverlag Berlin), Lisanne Hirzel (Schauspielerin der Theater Chemnitz), Johannes Schulze (Vorsitzender des Fördervereins der Theater Chemnitz), Matthias Huber (freiberuflicher Dramaturg und Regisseur) und René Schmidt (Schauspieldramaturg der Theater Chemnitz).

Uraufführung: 8. Mail 2020, 20:00 Uhr, Schauspielhaus Chemnitz, Ostflügel. Regie: Matthias Huber,     Ausstattung: Cleo Niemeyer
Sören Hornung, geboren 1989 in Berlin, arbeitet als Regisseur, Autor und Performer.
Bereits 2010 war er Regieassistent bei der Fernsehserie Schloss Einstein und inszenierte am
Schlossplatztheater Berlin. 2012 gründete er mit Paula Thielecke das KOLLEKTIV EINS, welches zurzeit im Rahmen des Fonds Doppelpass (in Kooperation u. a. mit dem Schauspiel Chemnitz) von der Kulturstiftung des Bundes gefördert wird.
2015-2016 absolvierte er sein Regiestudium an der Akademie für Darstellende Kunst Baden-Württemberg. Seine Inszenierung von Ibsens Ein Volksfeind wurde 2015 zum Körber Studio Junge Regie eingeladen. Zeitgleich begann er regelmäßig als Schauspieldozent an der Hochschule für Musik und Theater Rostock zu arbeiten. Im Jahr 2017 war er für den Osnabrücker Dramatikerpreis nominiert und mit dem KOLLEKTIV EINS bei dem Festival Spieltriebe 7 am Theater Osnabrück vertreten. Sein Stück Sieben Geister wurde 2018 mit dem Chemnitzer Theaterpreis für junge Dramatik geehrt und zum Heidelberger Stückemarkt eingeladen. DIE LEGENDE VON SORGE UND ELEND wird in Form einer szenischen Lesung zum Festival 30 JAHRE FRIEDLICHE REVOLUTION – MAUERFALL
in Berlin präsentiert. –  Er arbeitete bisher u. a. für das Schauspiel Stuttgart, das Mecklenburgische Staatstheater Schwerin und das Volkstheater Rostock.

Aus den Häusern 07. Februar 2020

Verrückte Hunde


6. Sinfoniekonzert (Donnerstag) im Rückblick: Aller guten Dinge sind 3 – Fast hätte es nicht geklappt. Aber Kolsimcha überwindet alle Hindernisse – Stadthalle wieder viermal rappelvoll -

„Ihr seid verrückte Hunde“, habe einer der CD-Käufer in der Pause zu ihm gesagt, erzählte Kolsimcha-Bandleader Olivier Truan zu Beginn des zweiten Teils des Konzerts. „Ja!!!“ schalte es vom Rang. Und das Publikum in der wieder voll besetzten Stadthalle tobte vor begeisternder Zustimmung. Truan selbst gingen zwar die Namen der (verrückten) Hunderassen aus, mit denen er seine Kollegen bei der Vorstellung charakterisieren wollte. Macht nichts. Hauptsächlich die Töne und Ideen gehen dem schweizer Tiefstapler („ich bin der Klavierspieler“) nicht aus.

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Aus den Häusern 02. Februar 2020

Das Leben. Ein Spiel?

Premiere im Rückblick: Viel Beifall für Kathrin Brunes Sicht auf Max Frischs „Biografie : Ein Spiel“ gestern Abend im Chemnitzer Schauspielhaus --

Interessanter Gedanke: Du kannst Dein Leben (griech. „bios“) neu schreiben (griech: „grafein“). Ändert sich Deine Biografie, wenn Du in die Zufälle des Lebens eingreifen kannst? Wird aus dem „Stairway to hell“ (Disconummer im Stück) ein „Stairway to heaven“? Bei Frisch, dem Schweizer Schach- und Sprachspieler, nicht. Sein Kürmann (althochdeutsch: küren= wählen) zieht eigentlich immer die gleichen Züge, statt mal was ganz anderes zu machen oder sein zu wollen. Mal Skat statt Schach spielen oder so. Das andere „Leben – (bleibt) ein Traum“ (Titel eines einflussreichen Stücks von Calderón de la Barca aus dem 17. Jahrhundert). Am Ende hat Kathrin Brune, die Regisseurin, sogar Mitleid mit dem Lebensspieler. Und aus dem Spiel wird Ernst.

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Aus den Häusern 26. Januar 2020

Liebeswunderland kaputt. Schnee an der Schelde


Premiere im Rückblick: Die Last des Grals – In der verkorksten Menschenwelt ist kein Platz für Liebe – Viel Beifall für den Chemnitzer „Lohengrin“ --

Der Schwan tut seine Schuldigkeit zu früh. Das Wunder bleibt aus. Lohengrins für das Menschenkind Elsa  entflammtes Liebesfeuer erlischt im Schnee. Zu kaputt ist alles in dieser dunklen Menschenwelt, die selbst den Heilsbringer vom reinen, strahlenden Gral „mit gesenktem Haupte traurig“ (Wagner) zurücknachen lässt. Der andorranische Regisseur Joan Anton Rechi verlegt denn auch den Schauplatz von der lieblichen „Aue am Ufer der Schelde“ auf ein marodes, „wnderlnd“-flackerndes Freizeitpark-Eisengewirr, in dem die Achterbahn auf den leeren Gerüsten nicht mehr, dafür das Leben selbst mit den Reinen Achterbahn fährt. Nicht allen Wagnerianern gefällt das. Es gab ein paar Buhs für den Regisseur bei der Premiere, gestern, Samstagabend, im ausverkauften Chemnitzer Opernhaus. Aber sie wurden schnell aufgesogen und übertönt von einem langen, herzlichen Beifall vor allem für die Sänger, den Chor und die Robert-Schumann-Philharmonie unter ihrem GMD Guillermo García Calvo.

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