Aus den Häusern 16. Mai 2021

Dann musst Du das System erschießen…

Sören Hornungs Preisträgerstück „Arche Noa – Das Ende vom Schluss“ im fünften Anlauf zumindest virtuell uraufgeführt

Sören Hornungs Farce mit dem Ende vom Schluss hat’s jetzt schlussendlich ziemlich genau ein Jahr nach der geplanten Premiere zur Uraufführung geschafft. Zumindest virtuell. Viermal war die Premiere wegen Corona verschoben worden. Einmal kurz nach der Generalprobe (November 2020) – von der jetzt auch der UA-Film stammt, der am Samstag-Abend zum ersten Mal per Streaming als Couch-Premiere im Wohnzimmer zu sehen war. Um die 30 Apparate waren zugeschaltet, so werden wohl über 50 Theaterfreunde die Premiere gesehen haben. Trotz, oder vielleicht auch erst recht. Denn vorher hatte es Ärger gegeben um das Stück, das mit dem Chemnitzer Theaterpreis für junge Dramatik 2020 ausgezeichnet worden war…

Sören Hornung (Jahrgang 1989) hatte schon 2018 mit „Sieben Geister“ den Preis abgeräumt. Laura Linnenbaums  Inszenierung des Stücks war zum Heidelberger Stückemarkt eingeladen worden. Die erneute Nominierung Sören Hornungs für den mit 5.000 Euro dotierten Preis  hatte in der „Nachtkritik“ für Irritationen gesorgt. Besonders regten sich Kritiker auf, weil in der Jury auch eine Vertreterin des Theaterverlags saß, der Hornungs Stücke vermarktet. „Vetternwirtschaft“ schrieb ein Kommentator in dem Internetportal. Alles Käse. Nichts dran. Die Jury (Andrea Czesienski - Lektorin im henschel SCHAUSPIEL Theaterverlag Berlin, Lisanne Hirzel - Schauspielerin in Chemnitz, Johannes Schulze - Vorsitzender des Fördervereins der Theater Chemnitz, Matthias Huber - freiberuflicher Dramaturg und Regisseur und René Schmidt - Schauspieldramaturg der Theater Chemnitz) hat hart um das Sieger-Stück diskutiert, das stimmt. Letztlich gab der designierte Regisseur Matthias Huber den Ausschlag.

Der  musste sich nun – geschieht ihm recht, er wollte es nicht anders – mit Kapitalismuskritik in einer ziemlich absurden Geschichte mit Simone, der Aushilfe, einem bekloppten Anwalt, einem Bundeswehrsoldaten und einer toten Frau, die auch Gott ist, auseinandersetzen. Schon beim Titel springen die Interpretationsvarianten ihre Irrwege. Ursprünglich hieß die Farce nicht Farce, sondern schlichtweg „ARCHE NOA oder DER GRAUSAME NEBEL DES GRAUENS“. Das „oder“ war inspiriert  von dem  amerikanischer Horrorfilm The Fog – Nebel des Grauens von John Carpenter (1980). Farciger klingt das schon der neue Chemnitzer Untertitel „Das Ende vom Schluss“. Und was machen mit dem alten Noah, den Hornung zum Noa macht? Das ist bis heute nicht geklärt. In den Theaterankündigungen stehen beide Varianten, mit und ohne h manchmal direkt neben- oder untereinander, manchmal sogar in selber Überschrift.

Warum das so ist, und verwirrend so ist, weiß höchstens Dramaturgin Stefanie Esser, die im Programmheft den zehnten Urvater nach Abraham mit der manipulierenden Verkaufstechnik „Willst Du Nur, Oder Auch“ gegenüberstellt. Ist egal. Ihr Groschen-Heftchen „DER GRAUSAME NEBEL DES GRAUENS DER ALLES UND JEDEN TÖTET“ verkauft die ehemalige Aushilfe Simone eh nicht, weil jetzt ist es ja der Plot des Geschehens, in dem sie die Chefin ist. Katka Kurze ist die Unbeirrbare, die mit 13 beschlossen hatte, „mein Leben den Bedürfnissen des Kapitals unterzuordnen“. Und Dietmar, der Anwalt (Martin Esser) muss seine ganze Selfie-Video-Selbstverliebtheit über Bord werfen und bekommt zu hören: „Dietmar sei nicht blöd. Schmeiß doch nicht dein Leben weg. Die Politiker sind doch nur genau so ne Idioten wie wir. Wenn du wirklich jemanden erschießen willst, dann musst du das System erschießen.“

Solche Sprachspiele mag Hornung, und er zelebriert sie. Er kann aber auch ganz anders: „Natürlich bist du mein Kind, du dumme Sau. Setz dich mein Kleines“, ranzt die „tote Mutter“ (herrlich in beiden Rollen Christine Gabsch) den Anwalt an. Später wird sie als Gott*in Zigarillos paffen, eine Geste, die herrlich zur weißen Diva und ihrem aufgedonnerten Haarschmuck passt (Bühne und Kostüme Cleo Niemeyer). Karl Schmidt (Alexander Ganz-Kuhl), einst verwegener Drohnenpilot bei der Bundeswehr, muss schließlich wie die anderen vor der Überschwemmung nach oben flüchten.

Matthias Huber weiß genau, wie Personen zu führen sind, die viel absurdes Zeug absondern. Er vertraut seinen herausragenden Schauspielern in der kargen Bühne bei irgendeinem Seiteneingang des Supersupermarktes, von dem Rückseitsreste des ergrauenvollten Paradieses zu entziffern sind. Der selbstverliebte Anwalt, der Bundeswehr-Rambo, Madame Gott, Chefin Simone – sie müssen nichts übertreiben. Das macht schon der Text dieses Stückes. Kleine Gesten reichen. Himmel, wie klappern illustrierend schön die Zähne von Lauretta van de Merwe (Theodore Müller Schulz), wenn sie in ihrem ewiglangen Monolog (Chapeau!) zu Beginn davon erzählt, warum ihr Alter das Zeitliche segnete. Er  hat in der Fahrstunde nicht aufgepasst, weil er einer 72-jährigen eine Zahnzusatzversicherung andrehen wollte. Und jetzt steht das Warndreieck falsch und ein Chemie-LKW donnert ihn um.

Hornungs Farce ist die Narrative einer ziemlich bekloppten Gesellschaft und bei allem bisweilen aufblitzenden Humor nicht unbedingt Samstagabend-Unterhaltung. Und die analog geplante Aufführung kommt digital nur unvollkommen rüber. Wer aber genügend Vorstellungskraft hat, der spürt, welche Kraft Matthias Huber mit seinen Mitstreitern in diesem verrückten Stück in Hautnähe im Ostflügel des Schauspielhauses entfalten würde/wird. Bald, hoffen wir.

Die nächsten Digital-Termine: 19., 21., 23. Mai. Nähere Infos hier.

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