Aus den Häusern 29. September 2013

O Schreck, ... mach weiter…



Augenblender, Ohrstecher: György Ligetis „Le grand macabre" im Chemnitzer Opernhaus - Farbenpracht und Tönekracht bei der ersten Premiere der neuen Spielzeit

Da ist sogar Philipp Rochold stolz. Der Chemnitzer Kulturbürgermeister, sonst nicht gerade als glühender Opernfreak bekannt, war nach der Premiere am Samstagabend hin und weg, dass es gelungen ist, den Ligebaselitzi in Chemnitz zu halten. Bernhard Helmich hätte ihn liebend gern nach Bonn mitgenommen. Aber Christoph Dittrich, Rittersmann und Knapp in einem, wagte es, hineinzutauchen in den zischend wogenden Schlund und den Ligeti-Becher zum Start seiner Intendanz heraufzuholen. Mutig. Das hätte auch schief gehen können. Aber König Publikum schmiss den Becher nicht ein zweites Mal über die Klippe. Es jubelte.

Irgendwie makaber, dass der große „Macabre", das Vielleicht-vielleicht aber auch nicht-Weltuntergangsspektakel , ausgerechnet jetzt auf dem Spielplan steht, wo das gesamte Theater vor das Jüngste Gericht der Stadtoberen und der Gewerkschaften gezerrt ist und das Orchester den Weltuntergang befürchten muss. „Fürchtet den Tod nicht, gute Leut'!/Irgendwann kommt er, doch nicht heut'", lässt Ligeti am Schluss die Sänger, die ja auch gerupft werden sollen, den wackeren Orchesterkollegen zurufen. Vielleicht gibt's ja noch Hoffnung. „Nämlich das Beste", singen die beiden Liebenden Amando und Amanda, „was es gibt, /ist, wenn man sich ausführlich liebt, wenn man das tut, dann steht die Zeit/ganz still: es gibt nur die Ewigkeit." Wenn das Amando-Publikum sein Amanda-Orchester liebt, dann schreibt sich Ewigkeit ja vielleicht wirklich noch mit „A" (wie A-Orchester).


Sie taten am Samstag alles dafür, die Musiker und Tonkrachzisch-Spezialisten. Sie knüllten im Takt Papier, rissen es in Stücke, hauten mit einem großen Holzhammer den hölzernen Lukas, legten Englisch Horn und Oboe zur Seite und setzten die Mundharmonika an, melodierten fugatisch mit Hupen und elektrischen Türklingeln, pfiffen Triller, hauchten rauschend tonlos in Flöten, ließen eine aufgeblasene Papiertüte platzen (klappte im Takt!), verwandelten Beermanns Dreier- oder Vierertakte gehorsam in Tönechaos, rannten wie gestochene Astradamorse (ohne schützende Kochtopfdeckel am Hintern) auf der Flucht vor Go-go zur Erfüllung ihren ehelichen Schlagzeugerpflichten im Graben von einer Schlagzeuger-Batterie zur nächsten, spielten auf und vor und hinter der Bühne, im Publikum und unter der Parkett-Tür.


Irrsinn. „Verrückte Musik", wie Ligeti selbst mal sagte. Alles dabei. Stockhausen, Karlheinz, das - einstmals - Enfant terrible der neuen Musik, das schließlich Hätschelkind wurde, weil seine rhythmischen Strukturen der quietschbummikrokonsolenbrrrm-Welt des ausgehenden 20. Jahrhunderts adäquater schienen als die kleine Nachtmusik. Obwohl, an Mozart kommt auch Ligeti nicht vorbei. Piet (Dan Karlström) und Astradamors (Kouta Räsänen) sangen daher wie die Geharnischten aus der „Zauberflöte". Die geigensparenden Streicher haydneten Papapassagen und rossinierten, wenn nicht gerade Ragtime angesagt war. Der Chor ließ hinter der Bühne zischend die Wände flüstern und im Parkett und Rang taschenlampengestylt sein Gregorianern von Akt 1 vergessen.


Frank Beermann zählte fingerweise trillerische Sänger- Inventionen, die den Figuren-Lehrbüchern des Barock-Herrn Mattheson hätten entsprungen sein können. Er reckte sich und verdrehte sich das Kreuz, damit ihn möglichst alle Musiker und im Sänger vor, unter, über und hinter ihm sehen könnten. Denn bei allem Irrsinn: diese Ligeti-Musik ist - deutsch gesagt - sauschwer. Und verlangt Präzision wie ein CNC-Fräser mit Null-Toleranz. Und seien die Töne auch noch so verquer irgendwo da oben angesetzt, die Sprünge zwischen Bauch-Bass- und Kopf-Buffotenor noch so verwegen komponiert. Hut ab, und tiefe Verbeugung, wie Beermann dieses musikalische Monster in Griff kriegte und behielt.


Ligetis Geschichte vom im Suff verpatzten Weltuntergang („Wir saufen: es wird uns nimmer, nimmer bang/ selbst bei dem abscheulichsten Weltuntergang") ist ein Heiden-Spektakel mit Figuren wie in des Surrealisten Max Ernst „Die Versuchung des heiligen Antonius", die Ligeti bestimmt gekannt hat. Da wird keine Slapstick-Möglichkeit ausgelassen, über den Totenfluss Styx paddelt das Schlauchboot, Komödie wird zum Comic, Tragisches zur Travestie. Fürst Go-Go (Susanne Thielemanns Mut zur Hässlichkeit ist bewundernswert) wird zum verfetteten Pudel, Nekrotzar (Heiko Trinsinger), der Herr der toten Leichen (griech.: nekrós - Toter, Leiche) - ja, bei Ligeti ist auch schon mal „der Tod tot" - ist schließlich „kein Zarr!/Es ist gar nur ein Narr!/Zwar ist er sonderbarr/ und ein wenig bizarr,/doch krümmt er uns kein Haarr!/ Uns droht keine Gefahrr!/ Es geht uns wunderbarr", singen torkelnd die „total betrunkenen" (Regieanweisung) Piet und Astradamors.


Walter Sutcliffe, der Regisseur, hielt sich eng an Ligetis Regieanweisungen. Chor hinter der Bühne, im Publikum. All das hat Ligeti vorgeschrieben. Darüber hinaus besonders mutig musste er nicht sein. Verrücktes verrückt lassen, das genügt. Bisschen zögerlich war er sogar. Die Venus (Piia Komsi, glöckchenheller Sopran) könnte durch eine splitternackte Striptease-Tänzerin ersetzt werden, riet Ligeti. Nö, nicht nötig, befand Sutcliffe. Action-Künstler John Bock hatte so tolle Kostüme entworfen (Großes Kompliment an die Chemnitzer Kostümwerkstatt. Traumhaft...), dass er ebenso drauf verzichtete wie auf das Licht, das zwischendurch das Publikum blenden soll, wenn's denn dann hart auf hart geht. Da flackert nur die Glühbirne, selbst die Spiegel, die Baselitz wollte, wurden augenschonend entschärft. Schade, dass Suttcliffe auf Übertitel verzichtet hat. Vieles ist selbsterklärend. Aber die (un)sinnigen Sing-Texte hätten wir, Parkett-Nackenschmerzen hin oder her, doch gern ein bisschen verstanden.


Und der große Baselitz? Hat der Aufführung internationale Beachtung verschafft. Gut so. Der erste Akt verlangte halsbrecherische Abstiege ins Grab von den Sängern: Bühne senkrecht statt in die Tiefe. Gänsehaut. Klasse, die Chemnitzer Bühnenbauer. Dann: Sternenrohr als Abwasserkanal. Passte zu dem total vergammelten, versifften Wohnraum von Astradamos und Mescalina, seinem suchtsexigen Weib. Die Wolkenhöhlen-Sphären danach. Na ja. Später wieder die Grabrutschen, aber schrägflach. Hmh. Nicht so richtig ein roter Bild-Faden quer durch. Baselitz himself in Chemnitz - das war genug. Seine Skizzen vorher in den Kunstsammlungen. Die Generaldirektorin und der Generalintendant überhäufen sich mit Komplimenten. Von den Kunstsammlungen führt ein bäumchen-begrenzter Weg zum Portal der Oper, über den die Generaldirektorin später im kleinen Schwarzen mit weißem Pelzjäckchen schreitet wie die Queen. Ganz neues Miteinander zwischen den größten Werbeträgern für Chemnitz, den Kunstsammlungen und der Oper. Gefällt uns. Haben wir lange vermisst. Was hätten die beiden zu 100 Jahre Oper und Kunstsammlungen gemeinsam veranstaltet...


Baselitz - okay, haben wir gesehen, war gut, wir haben auch viel Beifall gespendet, als sich der große Meister vor uns verbeugt hat - verblasste schnell hinter den Protagonisten. Dem eigenen Ensemble mit dem lieber nach funkelnden Sternen als nach seiner fettrunden Suchtfrau gierenden Kouta Räsänen (Astradamors) mit fulminantem Bass aus dem dürren Leib, Monika Straube, herausgeputzt, wie Ligeti sich seine Mescalina nicht besser hätte vorstellen können, und mit Vollweib-Alt, eine Paraderolle für die verdiente Sängerin, die nächstes Jahr ihr 30-jähriges Chemnitzer Bühnenjubiläum feiern kann. Susanne Thielemann, schlanker in der Stimme als das fettwülstige Kostüm, das John Bock ihr angepasst hat, Guibee Yang und Tiina Penttinen, die - o wie seltsam, das normale Leben - Liebenden, Kuschelnden, von Ligeti mit fast braven Mitsumm-Melodien bedachten Amanda und Amando, und die anderen: Riemer, Kindschuh, Winter, Gäbler, Mäthger. Ich möchte das deutsche Theater sehen, das eine solche Wuchtbrumme von zeitgenössischer Oper mit so guten eigenen Kräften derart gut bestreiten kann, obwohl sie morgen wieder Mozart oder Operette singen (müssen/dürfen)!


Und die Gäste: Piia Komsi als Chef der Geheimen Polizei Gepopo und als Venus - wenn schon nicht Ligeti-nackt stimmlich ohne jeden Schleier hoch droben über dem Orchester- und Chor-Gewusel, und Heiko Trinsinger, seit Manon Lescault und den Wagner-Partien Stammgast in Chemnitz, als gruseliger und narriger Nekrotzar gleichermaßen präsent, ebenso wie Dan Karlström als himmelhoher (wie hoch denn noch?) Buffo-Tenor Piet vom Fass.


Le grand macabre - ein Wahnsinnsspektakel. Das zieht man sich im Wohnzimmer nicht jeden Tag aus der Stereo-Anlage oder dem DVD-Player rein. Aber wer in Chemnitz noch nicht mit sich und der Rente abgeschlossen hat und ein bisschen lebendig ist, muss das sehen. Vergisst man nicht.


Bleibt die Frage, wer und wie in Chemnitz Le grand macabre schaffen will für das Theater und sein Orchester. Holt Euch Rat bei Ligeti, Ihr Entscheider. Der Untergang kann auch ausfallen. Sogar triumphal. Mit Beifall hoch drei.

Die nächsten Aufführungen: 2. und 19. Oktober, 3. und 16. November

Die Ankündigung im Theaterportal

BR5 beschäftigt sich vor allem mit Baselitz (ab 5:41)

Das schrieb die Freie Presse am Montag

Und das meint der mdr-Kritiker

Dessen Einschätzung ist auch nachzulesen auf nmz online

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