Aus den Häusern 19. Oktober 2013

Johnny Cash: Auch der zweite Abend rammelvoll


Blick ins Repertoire: Die Hommage an den Country-Sänger überzeugt auch in Chemnitz

Inzwischen füllt sich, schön zu sehen, die Repertoire-Liste auf der Schauspielseite des Theaterauftritts im web. Zu Beginn stand ein einziges Stück da: Carsten Knödlers Inszenierung der „Virginia Woolf“ aus der letzten Spielzeit. Knödler musste handeln.

Eine Premiere um die andere folgte. (Heute Abend schon wieder eine: Woody Allens Mitternachts-Sex-Komödie.). Enrico Lübbe ging’s in Leipzig nicht viel anders. Nun sind einige „alte“ Bekannte aus Chemnitz in Leipzig zu sehen, und Carsten Knödler hat aus Zittau einiges mitgebracht. Darunter „Ring of fire“, die Hommage an Johnny Cash. Dort schon zwei Spielzeiten lang ein absoluter Renner, wird die Produktion auch in Chemnitz zum Saalfüller. Das zeigte sich gestern, Freitag, schon, bei der zweiten Aufführung: alles ausverkauft. Rammelvoll Foyer und Saal.

Carsten Knödler, der neue Chemnitzer Schauspieldirektor nimmt’s gelassen, aber er ist nicht zu beneiden. Aus dem ersten (Premieren-)Streich müssen viele werden. Erst Mitte November wird er ein bisschen zur Ruhe kommen nach unzähligen 14- und 16-Stunden-Tagen. Da kommt eine Übernahme wie „Ring of fire“ gerade recht? Radio Eriwan würde sagen: Im Prinzip ja. Du hast allerdings nur zwei von fünf Mitwirkenden dabei. Und die Bühne ist anders. Das heißt proben, proben, proben.

Aber jetzt haben sie’s drauf. Philipp von Schön-Angerer (schon in Zittau der Johnny Cash) bringt auch in Chemnitz den Saal zum Toben (auch wenn in der zweiten Aufführung nur eine Handvoll Leute aufstanden beim Klatschen - das Publikum erzwang Zugabe um Zugabe). Wenn er mit „Ghost riders in the Sky“ den Abend beschließt, dann sind wieder alle zufrieden. Die Theaterleute und die Zuschauer, die sich Ghost-Riders-summend auf den Heimweg machen. Jung wie alt übrigens. Quer durch die Altersstufen. Von acht bis über 80.

Dabei agiert Schön-Angerer ganz unspektakulär. Da ist seine Gitarre, da ist er. Da ist seine Stimme. Alles (fast, die Stimme reicht nicht ganz so tief) wie bei Johnny Cash. Auch wenn die Leute hier die Texte weniger verstehen als Cashs Landsleute in den letzten 45 Jahren letzten Jahrhunderts. Das ist ein Stück des Phänomens Johnny Cash. Seine Texte sind einfach, seine Sorgen nicht die der Reichen und Schönen. Aber gültig. Ab von der Mode. Er trat in Gefängnissen auf (Folsom Prison, St. Quentin), wo ein Wort-Funke genügt hätte, und es wäre zur Rebellion gekommen: dabei stand da vorn nur einer mit seiner Gitarre  und sang. Allerdings ehrlich. Und er sang (letztes Großkonzert) 1994 Glastonbury vor  50.000 Menschen. Erschüttert, wie die Leute ihn liebten. Obwohl vorher scheinbar in der Versenkung verschwunden. Eine legende. Ein Mythos. Der Name zog. Mehr als 40 Jahre lang. Und heute wieder. Die Bühne, Licht, ein Mann in Schwarz, die Stimme, die Gitarre. Alles. Ungekünstelt. Ehrlich.

Seele der Begleitung auf dem musikalischen Weg durch den Abend ist (wie schon in Zittau) der unvergleichliche Steffan Claußner, ob mit E-Gitarre oder auf dem Piano. Und seine toughen Mitstreiter an den Instrumenten (einfache Tennessee-Folk-Instrumente, keine Fiddlen, kein Steel, nur einmal - Mariachi-Trompeten. Ausgerechnet  bei „Ring of fire“) Martin Valdeig, Tobias Brunn.

„Ring of fire“ gab dem Stück den Titel. Es stammt aus dem wohl berühmtesten Cash-Song von 1963. Und er stammt ausgerechnet von June Carter - sie hat ihn, den Abgestürzten, Drogen-Abhängigen gerettet, mit dem Lied, aber vor allem durch sich selbst. June Carter, im unschuldigen Weiß, selbst Sängerin - in Chemnitz gespielt von Muriel Wenger. Traum-Besetzung.

Nur: gespielt? Nö, eigentlich nicht. Die Hommage ist kein Schauspiel. Johnny Cashs Leben wird vom Er und vom Ich erzählt, dazwischen singt er seine Songs. Eher eine Doku, wie sie heute im TV so beliebt sind. Ganz selten „Schau“-Spiel. Rührend die Szene, da June sich an Johnny schmiegt, nachdem er sie in London/Ontario auf offener Bühne um das Ja-Wort gebeten hatte, gegen das sie so lange ihre Vorbehalte gehabt hatte. Bis zu diesem Moment.

Viele Johnny-Cash-Songs, ein Stück berührender Lebensgeschichte, zwei (sehr) dunkle Videos - vier Mann und eine Frau auf der Bühne. Instrumente und Flaschen. Alles. Und doch ein beglückender Abend. „Ring of fire“ wird auch in Chemnitz ein (Dauerb)Renner.

 

Die nächsten Aufführungen: 24. Oktober, 17. und 28. November, 13. Dezember



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