Aus den Häusern 09. März 2015

Tonkaskaden statt Schmähgenuschel


4. Kammermusikabend im Rückblick: Warum ein Vorstadtquartett mehr Spaß machen kann als das Hauptstadt-Ermittlerduo

9,59 Millionen Zuschauer zogen sich am Sonntagabend den Wiener „Tatort“ rein. Rund 100 kamen zum 4. Kammermusikabend ins Chemnitzer Opernhaus. Sie haben keine schlechte Wahl getroffen. Das gut aufgelegte Mejo-Quartett weckte mindestens so viel Emotion wie das liebe, aber mit seinem ewigen Wiener Schmäh nervende Ermittlungsduo aus Wien. Und Haydns „Sonnenaufgangquartett“, geschrieben in der „Oberen Windmühle“ zu Gumpendorf, der Wiener Vorstadt, kann auch so spannend sein, wie jeder Krimi aus Wien Downtown. In laut und leise.

Wie gut ein Quartett miteinander kann, zeigt sich oft weniger in halsbrecherischen Läufen. Die sind Technik. Ob ein Quartett harmoniert, spürt der Zuhörer, wenn die vier Saitenzauberer den gleichen Atem haben – zum Beispiel zu Beginn des zweiten Satzes im „Sonnenaufgang“-Quartett von Joseph Haydn (op. 76, Nr.4), wenn jeder Tonwechsel präzise sitzen muss auch in der Langsamkeit eines Adagios; wenn aus vier Einzeltönen ein gleichschwingender Akkord aus gleichlangem Strich und gleichstarkem Druck auf die Saiten erklingen soll. Die „Mejos“ können das. Knapp fünf Jahre sind sie jetzt zusammen – sie spielen, als hätten sie den ganzen Tag nichts anderes zu tun. Dabei sind alle vier höchst gefordert als etabliert wichtige Mitglieder der Robert-Schumann-Philharmonie.

Ob Haydn bei seinem Quartett „Der Sonnenaufgang“ an selbigen auch nur im Entferntesten gedacht hat, ist unwahrscheinlich. Für den Namen kann er nichts, den haben Zeitgenossen erfunden, weil Musik so schwer zu beschreiben ist. Dabei lässt die aufsteigende zarte Anfangsmelodie mit ihrem kurzen Anlauf eher an eine Lerche denken, die – meinetwegen beim Sonnenaufgang – sich in den blauen Himmel schwingt, dann aber wieder herunterlercht und noch drei kleine Sprünge macht. Die Sonne geht auf, und dann bleibt sie – Gott sei Dank – erst mal oben…

Sei’s drum. Aus dem zweiten Satz des kurz zuvor entstandenen Quartetts op. 76 Nr.3 haben die Menschen ja auch erst die österreichische („Gott erhalte Franz, den Kaiser“) und später die deutsche Hymne gemacht… Aber dass die Quartette aus dem Jahr 1797 etwas Besonderes sind, haben die Menschen zu allen Zeiten gespürt. Haydn, eben 65 geworden, geht nicht in Rente, sondern macht sich selbständig als fürstenunabhängiger Musikus, baut ein Haus und komponiert die schönsten und herrlichsten Streichquartette, die es je gab.

Klar, auch dieses Quartett ist fast ein Violinkonzert wie fast alle Haydn-Quartette – Katarzyna Radomska, die erste Geigerin, hat mächtig gewaltig was zu tun. Und doch sind hier die Mitspieler nicht einfach „Begleiter“, sondern auch Ideengeber und muntere Fugati-Jäger. Toll, was die vier Mejos an Tempo in der Stretta am Schluss vorlegten, ohne zu übertreiben. Ohne die kleinen neckischen Juchzer der ersten Geige im Gewürsche der Sechzentel-Läufe untergehen zu lassen.

Wer auch immer das Programm ausgesucht hat, er/sie hat es gut gemacht. Der junge Strauss hat solch neckische Figuren wie der alte Papa Haydn auch in den Schlusssatz seines mit 16 Jahren in München komponierten Streichquartetts op.2 hineinkomponiert. Das ist noch nicht der Strauss des „Rosenkavalier“ (obwohl im Andante schon Anklänge zu spüren sind), das ist der junge Musiker, der sich an den Größten des Kammermusikfachs orientiert, an Mozart eben und vor allem Haydn. Und dann wie ein junger Bock alles noch ein bisschen übertreibt, um zu zeigen, was er selbst drauf hat. Der im zweiten Satz nicht einen langsame Safetycar-Runde einfügt, sondern einen wilden Ritt für Formel1-Boliden. Großartig gespielt, mit aller Leichtigkeit, strenger Präzision und trotzdem den Fuß auf dem Gas.

Nochmal ein paar Jahre weiter und ein paar weitere viele Kilometer westlich. Edward Elgar ist sieben Jahre älter als Richard Strauss. Aber er fand (nach glänzenden Welterfolgen wie „Pomp and circumstances“) zur Kammermusik erst, als er so etwa in Papa Haydns Frührentenalter war. Im Alter kommt’s eben auf das an, was wirklich groß, nicht nur Pomp ist. Und so greift der Mann aus der Nähe Worcester (ja, das ist die Stadt, wo Raschs „Foreign Field“ uraufgeführt wurde, und woher Chorknaben kamen  zum jüngsten Sinfoniekonzert am Friedenstag in der Stadthalle. Die Welt ist ein Kuhdorf) auf die Kronen der Komposition zurück: auf die Verdichtung von musikalischen Einfällen in die Noten von ein paar wenigen Musikern.

Sein Klavierquintett (1919 uraufgeführt) wurde eines seiner tiefsten Werke – nicht weil er der Bratsche, die sonst so oft vernachlässigt wird, die Adagio-Melodie anvertraut, und mit dem Cello noch eins drunter setzt, sondern weil hier fünf Instrumente alles zu bringen scheinen, was in der Kammer- und der sinfonischen Musik da ist. Tiefgründig… Da klingen dann schon mal im ersten Satz Glocken an und Volkstänze und zumindest rhythmisch Beethovens Fünfte.

In einem Liebhaberquartett kam die Frage auf, mal ein Klavier dazu zu nehmen und Quintett zu spielen. Darauf der Bratscher: „Nur über meine Leiche. Der macht uns alle tot“. Das Elgar-Quintett kannten die Liebhaber nicht (wäre auch zu schwer gewesen). Es ist ganz anders als die meisten Klavierquintette: Das Klavier ist nicht konzertierendes Solo-Instrument, sondern eines von Fünfen. Und wenn breite Pracht angesagt ist, dann bestimmen die Streicher den Ton, und Elgar nimmt das Klavier sogar zurück.

Am Klavier saß Tausendsassa Felix Bender, der 1. Kapellmeister der Robert-Schumann-Philharmonie. Der springt mal eben locker für den kranken Beermann ein und dirigiert einen wunderbaren „Otello“. Der hat auch noch Zeit, Muße und Spaß, mit seinen Kollegen den – durchaus anspruchsvollen – Klavierpart des Elgar-Quintetts einzustudieren. Macht er glänzend. Schön zu sehen, wie der Dirigent aus ihm nicht mehr herauszuprügeln ist, wie er den Streichern die Einsätze zunickt, die sie gar nicht brauchen. Die Mejos sind inzwischen selber groß.

Schön, dass es dieses Quartett (neben dem Robert-Schumann-Quartett) gibt. Da haben sich vier gefunden, die zueinander passen. Katarzyna Radomska spielt eine fabelhafte Erste, ohne sich in den Vordergrund zu spielen, wenn es nicht in den Noten steht. Sie vermeidet beliebte Primaria-Effekte und schluchzt nur einmal – passend – ein Glissando bei Elgar. Benjamin Fuhrmann hat die schwierige Karte der zweiten Geige. Ohne sie geht im Quartett gar nichts. In der Klassik reiten sich die zweiten Geiger die Finger wund beim Leben schaffenden Gedudel zu wunderbar einfachen Melodien der ersten Geige. Später wird die zweite mal hie mal da vereinnahmt von oben oder von unten. Aber glänzen dürfen immer nur die anderen. Fuhrmann macht das klasse. Er ist uneigennützig jede Sekunde präsent. Das kann man übrigens auch von Ulla Walenta sagen. Würde uns nicht wundern, wenn sie an der Programm-Auswahl mitgestrickt hätte. So viel was zu sagen habende Bratschen – selten an einem Abend. Schöne Klänge, volle Tiefen. Gut gemacht. Basis auf der einen Seite, Aufmischer von unten auf der anderen: das ist die Aufgabe des Cellos. Thomas Bruder macht das bewunderungswürdig. Da haut er Frosch-frosch-frosch-Abstrich die Grundmauern rein und im nächsten Moment kantilent er hoch droben auf dem Dach. Wunderbar.

Viel Beifall für die Musiker. Der klare Sternenhimmel versprach für den Montag einen herrlichen Sonnenaufgang. Aber da stand ja vorher noch die Aufzeichnung des Tatorts auf dem häuslichen Abend-Programm. Hab ich nicht zu Ende gesehen. Diese Wienerische Schmäh ging mir an diesem Abend auf den Keks. Zu ehrlich, direkt und geradeheraus war die Musik vorher gewesen. Und zu schön Haydns Vorstadtlerche beim Sonnenaufgang…

*
Der Namenspatron des Quartetts ist Wilhelm August Mejo. Er war der erste Dirigent des 1833 gegründeten Städtischen Orchesters, des Vorläufers der Robert-Schumann-Philharmonie. Sie ist damit älter als die Wiener oder Berliner Philharmoniker... Mejo ist "Großer Chemnitzer". Eine Platte vor dem "Roten Turm" erinnert an ihn. Mehr über Mejo lesen Sie hier

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