Aus den Häusern 01. November 2017

Walpurgisnacht an Halloween


Repertoire (Vorstellung am 31. Oktober 2017): Carsten Knödlers Chemnitzer „Faust“ zieht nach wie vor die Massen an --

Spannend. Du hast die Premiere verpasst. Klar, Du hast Dir reingezogen, was die Medien darüber berichtet haben. Du kannst nicht vergleichen, aber Du willst Dir selbst ein Bild machen. Also der „neue“ Chemnitzer „Faust“ im Repertoire als Wiederaufnahme (der „alte“ stammt von 1976). Ausgerechnet am 31. Oktober 2017. Reformationstag. 500-Jahre-Jubeltag. „Nun sag, wie hast du’s mit der Religion?“ Die Walpurgisnacht ausgerechnet an Halloween mit den „abergläubischen, heidnischen und höchst tadelnswerten Riten, die gegen den gesunden Menschenverstand, die guten Sitten und die christliche Religion“ verstoßen (John M. Wilson, 1852). Und dann hast Du auch noch erst kürzlich „Homo Faber“ gesehen. Den Wissenschafts-Toren Faberfaust Philipp Otto, das unschuldig schuldige Sabethgretchen Seraina Leuenberger, den Urwaldblocksbergverführer Henckemephisto Dirk Glodde, die allwissend alles zulassende Hannaherrgott Susanne Stein.

Die ersten Vorstellungen waren schon vor der Premiere ausverkauft. Auch jetzt war der Saal bis auf den letzten Platz besetzt. Autos mit ERZ, L und RL auf dem Parkplatz. Schulklassen. Ältere, Jüngere, Bildungsbürger und Goethefans. Eine Lehrerin zu mir: „Faust - das ist mein Leben. Seit 41 Jahren unterrichte ich Deutsch.“ Beim Vorspiel im Foyer (jeweils eine Viertelstunde vor dem eigentlichen Beginn): Eine Nachbarin murmelt jedes Zitat mit. Sie hat ihren Goethe noch auswendig gelernt, gesteht sie.

Das Vorspiel vor dichtgedrängtem Publikum: Vier Neue. Kathrin Brune hat auch ihre neuen Eleven vom Schaupielstudio auf ihren Goethe-Text eingeschworen. Bei der Premiere waren es noch die Absolventen des vergangenen Studienjahres. Herrlich auch diesmal, sagt einer neben mir, der diesen Faust schon dreimal gesehen hat, die Direktorin (von oben, weil Chefin: Andrea Zwicky), der Dichter (kritisch, aufmüpfig, im Publikum um Anerkennung heischend: Jannik Rodenwaldt) und die Siri-Schwestern vom Faustomat (Lauretta van de Merwe und Jan Beller). Sie kriegen das Stichwort „Religion“. Das haben sie auch am Reformationstag nicht drauf. Schon gar nicht die Unterschiede. Finden in der digitaldämonischen Welt offenbar nicht mehr so richtig statt. Auf der Heimfahrt höre ich später die Kritik prominenter Kirchenvertreter an den Veranstaltungen zum Reformationsjahr im Radio. „Am Bedürfnis der Kirchgemeinden vorbei“. Kathrin Brune hat sich mehr Gedanken gemacht… Konsequent fragt später Gretchen nicht „Wie hast Du’s mit der Religion?“, sondern schlichtweg und SMS-kurz: „Glaubst Du an Gott?“

Knödler und sein Team haben gekürzt. Klar. Aber nicht alle „Zitate“ des meistzitierten Bühnenwerks der deutschen Literatur in einen modernistischen Reißwolf gesteckt. Sehr genau und sehr verständnisfreundlich haben sie den Text behandelt – lassen mit Wörtern und Worten Geschehen bebildern, wo der erste Anschein nicht sagt, worum es geht. Wenn Fraugott Stein etwa mit Mephisto-Teufel Glodde Konservation macht, ehe der sich – abgeschminkt – zum Menschen macht. (A propos: Steckt hinter der Rolle, die wir Menschen alle spielen, ein Stück Böses will und Gutes schafft?). Vor allem aber, wenn das Ballett (tolle Idee und gelungenen Sparten-Kooperation) Osterspaziergangsfrühlingsnatur, Rotlichtwalpurgisnacht oder Auerbachs Kellerganzkannibalischwohl tanzt, figuriert, hebt, erstarrt. Aber nicht spricht.

Die Tänzerinnen und Tänzer bewegen sich in sechsfach gegliederter Abgründigkeit und Erhabenhobenheit – wie alle anderen auch. Auf und Ab. Faust, wir, unser Leben. Nüchtern, die Bühne. Wir erinnern uns an den Steg bei Homo Faber. Gleitrisiko nach unten oder Krabbelchance nach oben. Gespiegelte rote, einfache Decke als Bild für Annäherung – der Maschinenraum, in dem Faber seine Sabeth sucht und bindet, ist nicht minder einfach und symbolträchtig.

Sie denken sehr ähnlich klar, Carsten Knödler und sein Bühnenbildner Frank Hänig wie Hasko Weber und Sarah Antonia Ring. Nur in einem unterscheiden sie sich sehr. Das alles umfassende  Himmelerdeweltall-Stück braucht vielleicht die donnergewaltigen Videos, um ein bisschen von jener Lessing’schen „Furcht“ vor dem Geschehen im Zuschauer zu erregen. Auch die Video-Spiegelung von vorn (mit Publikum): Faber ist Beispiel, Faust und Mephisto sind wir.

Auch Philipp Otto. Wenn Mephisto nicht raus will aus ihm, ist er zagender. Nicht so sehr ein, wenn auch nur vorgeblicher, Faber=Macher. Auch wenn seine Alter-Egos (Jan Gerrit Brüggemann und Wolfgang Adam) verschwunden sind und in Gretchens Kerker nicht auftauchen, wo er sie doch so verdammt nötig hätte. Gretchen ist, wenn Seraina Leuenberger sie gibt, wie Sabeth nicht die Unschuld vom Lande, sondern ein fröhlich nettes Menschenkind, dem die Goethe’schen Zitat-Schwergewichte wie Daunen aus dem Mündchen flattern. Susanne Stein als Fraugott so dominant wie als Marthe lieblockendkriecherisch. Dirk Glodde: der allweil präsente alle Menschen-Schwächen und Vorlieben kennende und belächelnde Mephisto – kein „Böser“, obwohl er auch abgeschminkt das Böse will. Gott sei dank mal einer, der die näselnde Gründgens-Teufels-Arroganz nicht anzieht, Mensch ist unter Menschen, auch wenn er als einziger weiß, warum die Erdenbewohner keinen Halt finden in ihrem einsamen Irren, auch wenn sie noch so klug sind. Aber machtlos ist auch er gegenüber kindlich schuldiger Naivität, die – bisschen Kitsch darf sein – in den Chor der Engel der Gottfrau schweben darf. Da steht er dann neben dem leeren Kinderwagen, der schon vom ersten Bild an für Schuld zum Licht oder Unschuld zum Licht, auf jeden Fall den Weg der unschuldig schuldigen Grete vorzeichnet, und grinst. Einer Fraugott, die ihn einst liebte, ist er wieder nicht gewachsen. Aber es gibt ja nicht nur einen Faust.

Halloween am Reformationstag. Und „Faust“. Dieser Faust. Dieser neue Faust in Chemnitz. Er wird auch weiterhin Furore machen. Auch wenn die Adventsglöckchen klingen.

Die nächsten Vorstellungen: 14. Und 15. Dezember 2017.

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