Aus den Häusern 25. März 2018

Kalt wie Feuer


Premiere im Rückblick: Monique Wagemakers macht in der „Walküre“ alles anders als Verena Stoiber im „Rheingold“, sahnt aber genauso viel Beifall ab --

Die Erwartungen waren hoch: würde Monique Wagemakers in der „Walküre“ am Samstag im voll besetzten Chemnitzer Opernhaus Verena Stoibers vielgelobte Arbeit mit dem „Rheingold“-Auftakt toppen können? Die Antwort vornweg: Sie machte alles anders als ihre Kollegin. Aber das Publikum, darunter Landtagspräsident Matthias Rössler, applaudierte schlussendlich genauso euphorisiert. Im Parkett standen Zuschauer sogar klatschend auf.

Gaben bei Stoiber eher die Modernisten den Ton an, waren es bei Wagemakers eher die Traditionalisten. Verena Stoiber hatte die Zuschauer mit Bildern fast schon überschüttet, sie angeregt, manche auch aufgeregt. Wagemakers setzt mehr auf Kopfkino. Weniger zeigen, mehr Mitdenken ist angesagt. Da muss dann in Hundings Hütte kein starker Stamm mehr wachsen, aus dem Siegmund das Schwert mit aller Kraft herauszöge. Das Schwert sei für Siegmund und Sieglinde „Hoffnung, Rettung und Vertrauen“, sagt Wagemakers im Programmheft-Interview. Deshalb habe sie versucht, „das Schwert gemäß seiner Bedeutung für das dramatische Geschehen kraftvoller und ausdrucksstärker zu inszenieren als ein bloßes Waffen-Requisit auf der Bühne“.

So bildet sich Siegmund das Schwert in der riesigen Gaze ein, die auch das „sexuelle Erwachen Siegmunds“ „konnotiert“ (eines der Lieblingswörter von Programmheftmacherin Susanne Holfter). Überhaupt: Dieser Gaze-Vorhang im Vordergrund der Bühne hat so manche verständliche, bisweilen auch unkapierbare Aufgaben. Er trennt Wunsch von Wirklichkeit, Walhall vom Irdischen, wabert auch gleichsam als erinnernder und dräuender Rauch an das Brennen der Hütte, das für die Zwillinge im Tod und für die Götter in der Dämmerung enden wird.

Angeblich denkt Wagemakers nicht so weit. Die „Walküre“ sei eine „abgeschlossene Erzählung, der einzige Teil des Rings, der ohne die anderen Teile ‚funktioniert‘“. Kann man so sehen. Ist (neben allen Chancen) das Risiko, wenn vier Regisseurinnen ganz egoistisch ihren jeweiligen Part spielen dürfen/müssen. Die anderen werden’s schon richten. Und ohne Notung, das Schwert, werden Sabine Hartmannshenn (im „Siegfried“ – Premiere: 29. September) und Elisabeth Stöppler („Götterdämmerung“ - 1. Dezember) nicht auskommen. Und die Geschichte mit Siegfried und Brünnhilde wird deswegen auch nicht neu geschrieben werden.

Vielleicht muss sich Siegfried entgegen Wotans Befehl, aber von ihm gewünscht („durchschreite das Feuer nie…!“) durch richtiges Feuer zu „seiner“ Brünnhilde vorkämpfen? Hier bleibt der schützende Feuerring kalt. Die Gaze-Dom-Zelle ersetzt bläulich, was rot brennen könnte (auch wenn Sie jetzt „Nostalgie“ rufen – erinnern Sie sich an den dramatischen Feuer-Ring, den Bühnenbildner Bellach vor 20 Jahren in der Heinicke-Inszenierung um die schildbedeckte Brünnhilde gezaubert hat?).

Wie auch immer: in Wagemakers nachdenkzwingender Inszenierung kann sich jeder ein inneres Bild von Liebe und Zwängen, von Göttergebundenheit und Menschenfreiheit machen, von Gesetzen und Gier. Nach Gold. Oder Macht. Da bedarf es keiner anregenden Bilder. In Hundings Hütte reicht eine Trinkschale, beidseitig geschlürft, und die Walküren reiten auf ihre Stühlchen in der Aula wie die Schülerinnenvertretung eines Mädchenpensionats oder die Nonnen zum Gebet.

Bühnenbildnerin Claudia Weinhart und Kostümdesignerin Erika Landertinger unterstützen Wagemakers Denkfabrik adäquat. „Wenn Frauen beispielsweise in der Figur Wotans eher den arroganten Narzissten“ sehen (Wagemakers), dann kommt der eben auch mit stolz behaarter offener Brust daher, und auch Hunding wickelt seinen Pelz um den nacktmuskulösen Oberkörper. Die verletzliche Prätorianerinnengarde der Walküren trägt keine Speere, dafür hautfarbene Brüste-Panzerchen. Alles spielt sich ab in einer leicht variierten und bisweilen durch Video-Winks mit dem Zaunpfahl aufgehübschten Art kreuzgewölbter abgefackelter Klosterruine. Weil: „Die Materialität des Raumes (ist) verbranntes Holz“ (Wagemakers).

So richtig schlüssig erlebt das nicht jeder. Desto mehr kommt es auf die Sängerinnen und Sänger an. Und da hat Chemnitz wieder mal das Glück mit vollen Händen angepackt. Was ist dieser Aris Argiris für ein eindrucksvoller Wotan – mit einem gleichermaßen großen wie für jede Stimmungslage fähigen Stimmumfang und Timbre! Scheinbar mühelos bewältigt er die Höhen und lässt auch in der Tiefe Fülle erleben.  Magnus Piontek ist nicht nur optisch ein fabelhaftes Mannsbild, ein toller Hunding. Pure Stärke. Dagegen Zoltán Nyári mit fast lyrischer Zwangskraft als „lieber“ Siegmund – und einem bezaubernden „Winterstürme wichen dem Wonnemond“, auch wenn’s Regisseurin und Dirigent so wollten, fast beiläufig, aber wunderbar innig gesungen. Dara Hobbs ist eine (auch stimmlich) sich mehr und mehr zur Wehrerin entwickelnden Brünnhilde, die aber auch den Schmerz des Vaters empfinden kann, wenn Gesetz Liebe besiegt. Monika Bohinec haben wir schon im Rheingold als Fricka erlebt, als schlaue Istmirdochegal,werübermiralsWeltenherrscherrgiert. Hier ist sie die rothaarige steinböse spahnsche Verfechterin von „Tugend“. Christiane Kohl singt mit ihrem hellen Sopran die Sieglinde ganz unprätentiös, die reine Unschuld. Die Walküren, so unterschiedlich in Stimme und Spielwitz, sind als Gruppe perfekt.

Felix Bender leitet diesen zweiten Teil der Tetralogie (García Calvo kommt zu den beiden letzten Vorstellungen in dieser Spielzeit im Mai). Er hat sich sehr genau mit den Intentionen der Regisseurin vertraut gemacht.  Und folgt ihnen. Da ist für vordergründige Effekte wenig Platz. Bender arbeitet jedes Motiv, ja beinahe jede Note akribisch aus – und trotzdem bleibt das Klangbild (vor allem im ersten Akt) so kalt wie das Geschehen auf der Bühne. Und unsereins ist froh, wenn er so ein bisschen romantische Atmosphäre spürt wie im Cello-Solo von Jakub Tylman, der mit einem kleinen Glissando Stimmung zaubern kann. Oder wenn Claudia Schöne (Englischhorn), Ulrike Rusetzky (Flöte) und Regine Müller (Klarinette) mit ihren Instrumenten singen. Bender verzichtet der Regisseurin zuliebe auch darauf, den Walkürenritt als Sonntagmorgenradio-Reißer zu gestalten. Er nimmt die Geigen zurück, wenn die Bläser Motive andeuten – ganz filigran holt er heraus, was am Ende der neuen Chemnitzer Tetralogie bestehen bleiben wird: die Musik Wagners verzahnt ein Gesamtkunstwerk zu einem großen Ganzen, egal wie die Teile auf der Bühne daherkommen.

Die Robert-Schumann-Philharmonie spielte glänzend, aber das muss nicht immer neu betont werden. Sie ist und bleibt und wird immer noch mehr eines der besten Wagner-Orchester. Das zupacken, Glanz entfalten, aber auch Verklingen lassen kann wie am Ende der „Walküre“.  

Ganz ohne Bilder, die im Gedächtnis bleiben, kommt Wagemakers nicht aus. Am Ende geht ein in Erinnerung versunkener Wotan, an der Hand die kleine Brünnhilde aus dereinst glücklich unbeschwerter Vergangenheit in die Zukunft. Wir sind gespannt, wie die Damen Regisseurinnen uns „Siegfried“ (gesucht werden Statisten, die auch Breakdance beherrschen) und die „Götterdämmerung“ in der zweiten Jahreshälfte präsentieren werden. Dieser Chemnitzer „Ring“ ist ein spannendes Experiment. Am Beifall der ersten beiden Premieren gemessen, ist es schon heute geglückt.

Hier finden Sie die Termine der nächsten Vorstellungen von „Rheingold“ und „Walküre“. Und denken Sie dran: am Karfreitag können Sie noch einmal John Dews legendären „Parsifal“ erleben mit Guillermo García Calvo am Pult.

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