Aus den Häusern 17. Mai 2018

Das Wunder an der Glücksspirale

FelixKlieser07 by Maike Hel

9. Sinfoniekonzert (Mittwoch) im Rückblick: Ein Zehenvirtuose und Schwerstarbeit für das Orchester--

Er kann das Horn blasen wie ein junger Gott. Er kann auf Deutsch und Englisch und gemischt reden wie ein Buch. Aber umarmen kann er niemanden. Felix Klieser kam 1991 ohne Arme auf die Welt. Heute zählt er zu den weltbesten Hornisten. Er spielt sein Instrument mit den Zehen des linken Fußes. Zum 9. Sinfoniekonzert der Robert-Schumann-Philharmonie kam er nach Chemnitz und spielte das 1. Hornkonzert von Richard Strauss. Akrobatisch. Und musikalisch traumhaft. Das Publikum in der leider nicht voll besetzten Stadthalle war begeistert, gab auch keine Ruhe, als Claudia Zakowsky den verdienten Blumenstrauß für den Solisten – Himmel, wohin damit, kann er ja nicht zwischen die Zehen nehmen- auf dem Dirigentenpodium niederlegte. Und so jagte Felix Klieser die Noten eines Stückes aus Rossinis „Rendezvous de chasse“ mit den Zehen als Zugabe.

„Du kannst üben, soviel Du willst“, sagte der Solist einmal in einem Interview sinngemäß, „das Horn wird nicht umsonst Glücksspirale genannt. Die letzten zehn Prozent Unsicherheit bleiben.“ Gemeint hat er das gefürchtete Kieksen, dem auch die Philharmoniker-Hornisten im zweiten Mozart-Satz an der berühmten Stelle nicht entgingen. Felix, der „Glückliche“, Klieser kam bei Strauss und Rossini ohne durch…

Klieser will keine Zirkusattraktion sein. Er hat Horn studiert und arbeitet wie ein Besessener an der Vervollkommnung seines Tons – der jetzt schon voll ist, majestätisch glänzend beim Schmettern, wunderbar bauchgrummelnd in der Tiefe, voller Gefühl in romantischen Kantilenen. Und während man sich im Publikum fragte, wer so artistisch die Zehen einzeln bewegen kann (auch ohne Horn), räumt Klieser mit dem „Märchen“ auf: „Ich habe keine anderen Füße, und das kann man auch nicht trainieren, die kleinen Zehen hängen alle an einer Sehne. Ich benutze den großen Zeh fürs erste Ventil, das zweite Ventil drücke ich mit erstem und zweitem Zeh, und das dritte Ventil drücke ich mit dem vierten Zeh und drehe dabei den Fuß leicht.“

Strauss, in der Familie eines Hornisten aufgewachsen, schrieb mit 18 sein erstes Hornkonzert, voll jugendlichem Übermut, aber auch mit schwärmerischem Sentiment. Vater Franz, königlich bayerischer Hofhornist, war stolz, fand’s gut – aber für ihn, den Profi!, „zu schwer“. Davon spürte man bei Klieser nichts. Er nahm mit einer exzellenten Blastechnik (er kann ja nicht das Instrument dem Mund anpassen, muss es umgekehrt machen, so wie er sich auch am Mundstück reibt, wenn ihn die Nase zwickt) und flinken Zehen auch die Schwierigkeiten des letzten Satzes so spielerisch, als sei das ein Spaziergang, nicht eine Höchstleistung. (Wenn schon, dann schon: Strauss verschont bei dem Konzert auch die „Begleiter“ nicht. Die 7! b des as-Moll-Teils im zweiten Satz sind Horror für jeden Streicher, weil er die leeren Saiten nicht benutzen kann).

Zu Höchstleistungen zwingt aber vor allem Bernd Alois Zimmermann die Musiker im Orchester. Vielleicht hatte die Sparkasse in Gelsenkirchen zu viel Geld, als sie zu ihrem 100-jährigen Bestehen die Komposition „Photoptosis“  (Kunstwort aus dem Griechischen – etwa „Lichteinfall“) in Auftrag gab. Auf jeden Fall konnte Zimmermann ins Volle greifen – und ein riesengroßes, breites Orchester aufstellen, samt Celesta und Orgel. Da streikte selbst Raimund Kunze, der Orchesterdirektor, der immer wieder neu zeigt, was „seine“ Philharmoniker drauf haben, und der dieses Prélude von Zimmermann ausgesucht hat. Für die paar Töne, „die eh kaum zu hören sind“, wäre es unsinnig gewesen, die große Stadthallenorgel zu enthüllen und das Instrument anzuwerfen. Den Dienst machte auch die elektronische Orgel perfekt.

So wie bei Yes Klein, von dem die Anregung zu dem Stück gekommen sein sollen, mit seinen monochromen Bildern, vor allem seinem Blau, den Betrachtern gehörig was aufs Auge knallt, schichtet Zimmermann Farben aus Klang, die auf die Ohren der Zuhörer klatschen. Er mixt Beethoven (die Neunte!), Tschaikowski (Zuckerfee), Wagner (Parsifal) und andere in sein Riesenwerk – die Streicher wuseln mit Fingern und Bogen wie die Verrückten, die Bläser müssen verquere Töne erzeugen, und das alles vom leisestmöglichen Pianissimo bis hin zum explodierenden Fortissimo in Rhythmen, die kein Mensch o jemals als natürlich mit den Füßen oder sonstwie wippt. Expressiv das Ganze, laut, aufreizend, voller Überraschungen – Klangeruptionen, die nicht einfach durch Lautstärke, sondern spieltechnisch am Rand des Machbaren erzwungen werden. Auch wenn sie dafür – kriegt vor lauter Gewalt der Musik ja kaum einer mit – nicht belohnt werden: da hat die Robert-Schumann-Philharmonie wieder einmal bewiesen, was sie für ein wunderbares Kollektiv von großartigen Einzelkönnern ist.

Auch Franz Schreker verlangt vom Orchester viel. Sein „Vorspiel zu einem Drama für großes Orchester“ („Die Gezeichneten“) versucht, musikalisch die furchtbare Wedekind-Geschichte von der Insel der Glückseligkeit, wohin junge Schönheiten entführt, und wo sie missbraucht und getötet werden, auszuloten. Schreker, der zur Zeit eine Wiederentdeckung feiern könnte (an der Chemnitz übrigens nicht ganz unschuldig ist – „Der Schmied von Gent“ 2010 sorgte für Furore), malt ganz andere Klangbilder als Zimmermann – tonal meist noch, aber eher spiegelnd als expressiv hinausschreiend. Auch bei Schreker: Superleistung des Orchesters.

Da kommt jetzt auch der Dirigent ins Spiel. Der Este Olari Elts hatte es auf sich genommen, dieses -sagen wir’s mal so – dirigentenunfreundliche Programm zu leiten. Hut ab davor, und für seine fast demütige Haltung, die dem Orchester den ganzen Beifall zukommen lassen wollte. Wo soll ein Dirigent hier punkten, wo soll er Star sein? Gegenüber der Sondersituation Klieser – keine Chance. Die Schwerstarbeit, das Orchester bei den Schreker- und Zimmermann-Tornados zusammenzuhalten, kriegt das Publikum nur mit als überdeutlich von oben nach unten geschlagene Taktsignale.

Dann aber dieser Mozart. Die große g-Moll-Sinfonie (Nr. 40, Köchelverzeichnis 550), die jeder im Ohr hat. Diadám, diadám, diadádim… Da lebt Elts auf. Er packt (wie vorher schon bei Strauss – gut so, trotz der Unmbaupausen) das relativ kleine Orchester zu einer kompakten Einheit zusammen, sorgt mit gleich vier Bässen für ein gehöriges Fundament, um darüber einen Sturm zu entfesseln. Das war die schnellste Aufführung der berühmten Sinfonie, die ich jemals gehört habe. Dabei ausgefeilt bis ins Detail. Jede dynamische Veränderung, lauter werden, leiser verstummen, holt Elts mit weiten Gesten heraus, verändert die Tempi minimal, aber ausdrucksstark, lässt fast romantisch singen und macht dann in bester historisierender Aufführungspraxis die Streicher vibratolos. Nimmt den Schlusssatz in einem noch waghalsigeren Tempo, bei dem sekundenbruchteilhaftes NichtaufdemSprungsein einzelner Musiker oder Stimmgruppen zum Chaos führen würde. Aber das gibt’s nicht bei der Robart-Schumann-Philharmonie. Die hauen nach diesem ganzen schwierigen Programm auch noch einen solchen Mozart als Krönung drauf.

Fantastisch. Aufregender Abend. Hätte ein übervolles Haus verdient. Na ja, vielleicht spricht sich’s bis heute Abend rum. 20 Uhr. Stadthalle Chemnitz! Der Zehenvirtuose an der Glücksspirale und ein Orchester auf dem Gipfel. Ein Erlebnis.

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