Aus den Häusern 22. September 2018

Fake news. Wir selber auch?


Premiere im Rückblick: Studioinszenierung „Die vier Himmelsrichtungen“ – Tolles Ensemble in einem (verw)irren(den) Stück --

Der eine hat kein Gesicht, der andere zwei Zungen. Die dritte sagt wahr, aber kennt die Wahrheit nicht. Und der vierten wachsen die Medusenhaare als Tumor im Kopf. Skurrile Einfälle, Worthülsen, Poesie und Blabla, Typen, die nicht reden, sondern sich in dritter Person erzählen, Wiederholungen ohne Ende – so irre kommt Roland Schimmelpfennigs 52-Episoden-Stück „Die vier Himmelsrichtungen“ daher, das vor sieben Jahren bei den „Salzburger Festspielen“ uraufgeführt wurde. Fake news. Träume platzen wie Seifenblasen. Ein Toter steht wieder auf. Himmel, bei einem solchen Plot brauchst Du Super-Schauspieler. Das Schauspiel Chemnitz hat sie. Das Publikum bei der Premiere am Freitag im ausverkauften Ostflügel war begeistert von den vier jungen Schauspielern, die dieses Jahr das Chemnitzer Schauspielstudio bilden. Von „Studenten“ reden wir seit gestern nicht mehr. Das wären Fake news, obwohl sie es offiziell noch sind.

Niemand ist, wer er ist. Bin ich es, oder täuscht mich der Spiegel, murmelten wir früher als Studenten nach harter Nacht in den kaum vorhandenen Bart. Auch bei Schimmelpfennig erkennt sich keine und keiner. „Gnothi seauton“ („erkenne Dich selbst“) steht über dem Apollo-Tempel von Delphi. Pustekuchen. Gibt’s mich überhaupt? Auch ein Schwein kann Todesangst spüren. Ein Frosch oder ein Storch nicht. Hallo Absurdistan! Bizarre Gedankenblitze, die Zeus Schimmelpfennig da ins irrwitzige Geschehen schleudert. Zeiten heben sich auf, wo Du herkommst, und warum, und wie die Meteorologen Dich wieder angelogen haben, ist egal. Oder auch nicht.

Mit teilweise postdramatischen Mitteln reiht Schimmelpfennig Halb-, Ganz- und Unwahrheiten aneinander, stürzt sie übereinander und lässt sie zusammenkrachen. Schicksal und Zufall und die Finger des Autors auf den Keyboard-Tasten komponieren ein Ragout aus essentiellen Menschheitsfragen (Liebe, Tod) und Banalitäten (wenn Du auf dem Riesenrad oben bist, geht’s wieder runter). Rückblenden, Vorschauen, das Ist im Heute, Gestern, Morgen, in und aus allen Himmelsrichtungen – skurrile Sprachakrobatik. Hängen bleibt…?

Man kann das auch ganz anders sehen. Schimmelpfennig komponiert ein klassisches Quartett. Eine Stimme gibt ein Thema vor, eine andere nimmt das auf. In der Durchführung dürfen auch die anderen ihre Fingerübungen zum Motiv machen, sie platzen auseinander, es geht hin und her, und in der Reprise finden alle wieder zusammen. Schimmelpfennig komponiert Sprache, was ein Haydn oder Mozart genial in Töne gefasst haben.

Was in dieser Studioinszenierung so große Freude macht, sind die jungen Schauspieler. Und die Regie (Ulrike Sorge). Und die Umsetzung im Stahlgerüst-Viereck-Rondell von Marco Michelle samt den Kostümen von Amina Nouns (beide vom Masterstudiengang Bühnenbild Szenischer Raum der TU Berlin). Gleich vornweg: Postdramatik hin oder her. Hier sind keine bescheuerten Videos nötig, kein ständiger Musik- und Geräuschpegel im Untergrund. Da schreit sich keiner, wie heute so oft üblich, fast die Gurgel aus dem Hals. Wir hören eine astreine Sprache (wir haben schon geglaubt, das gibt’s fast nicht mehr), bei der keine Silbe verschluckt wird. Und wenn die vier gemeinsam lange, schwierige Monologe (Quadrologe?) sprechen, herrscht, wo auch immer sie auf dem Gerüst herumturnen, eine überaus präzise Übereinstimmung, obwohl kein Netz oder doppelter Hexameter-Boden sie hält wie im antiken Drama.

Daniel Hölzinger aus dem Süden (zu den Viten der Schauspieler Näheres hier) ist der Mann mit den zwei Zungen, der alles kann, meint er, dem aber schon der dunkle Anzug, der weiß ist, eine Nummer zu groß ist. Er gibt den bodenständigen Lebenskünstler, der aus Taschentüchern (seinen Modellierballons, nota bene: nichts ist, was es ist) liebevoll seine Tiere formt, und gar nicht merkt, dass das Leben zumindest manchmal wirklich eine Kunst ist. Muss er ja auch nicht. Vielleicht ist ja auch der Tod nur eine Episode, eine geplatzte Seifenblasse oder ein geknallter Luftballon. Jedenfalls steht er nach der (au, da geht’s wirklich hart zur Sache) Schlägerei mit dem „kräftigen Mann“ (Marko Capor), die ihn tot auf dem Kneipenschlachtfeld zurücklässt, munter zum Finale wieder auf, Weisheiten verkündend, die so weis sind wie seine blonden Haare blau (wie es alle berichten. Nichts ist wie es ist…).

Die junge Frau aus dem Westen, Svenja Koch, soll eine Lockenpracht haben wie Medusas Schlangenhaupt. Fake news. Sie hat eine höchst gepflegte Glatthaarfrisur à la Mireille M. Nichts ist, wie es ist… (Geht Ihnen das jetzt allmählich auf den Wecker? Okay, ich lass das jetzt weg. Schimmelpfennig war nicht so gnädig mit uns. Er liebt Wiederwiederwiederholungen…). Sie stolziert akrobatisch deklamierend auf dem Gerüst, unnahbar wie ihre Gevatterin Medusa, der sich keiner richtig nähern wollte, er wäre sonst zu Stein erstarrt. Außer Perseus. Aber der schlägt ihr dann den Kopf ab. („Macht nichts, der tut sowieso immer so weh“). Angst kennt sie nicht, und Liebe auch nicht. Und sehntfürchtet sich doch vor ihrem Perseus, dem „kräftigen Mann“, der ihr oben auf dem Riesenrad einen Kuss raubt (und unten, o Wunder, noch einen). Großartig, dieses schillernde Charakterbild, wie es Svenja Koch darbietet.

Marko Capor ist dieser „kräftige Mann“ aus dem Norden.  Mal weg von allem anderen: wie dieser junge Mann, der mit sechs nach Kroatien kam und jetzt dort Schauspiel studiert, Deutsch spricht – soviel Hüte kann ich gar nicht ziehen, wie ich es gern täte. Halbtot liegt er unter der Menschenpyramide (starke Szene – die vier suchen Nähe und verwandeln sich in ächzende Ferne) – und dann prügelt er sich filmreif mit dem Mann, der seine „Geliebte“ als Gewohnheitsrechts-Frau beansprucht. Ganz stark Marko Capors Monolog hinter der Leiter – mit durchdringenden Augen, die jede Silbe mitsprechen, die aus dem Mund kommt.

Oiseau (frz. „Vogel“) kann nicht fliegen. Rebecca Halm klettert das Gerüst rauf und runter, als ob sie es könnte. Die Wahrsagerin aus dem Osten legt sich die falsche Federnboa um und ist Dame. Sie schminkt sich und ist – abakadabra - die Kugelleserin. Sie ist die Frau, die vereiste Gleise vor zwanzig Jahren in diesem Nest haben stranden lassen, und die Mysteriendame, die ahnt, was geschehen wird, was aber für sie selbst im Innersten Mysterium bleibt. Irdisch. Und doch Fantasiegestalt. Großartig. Am Ende verschwindet auch sie. Mit dem Zug. Oder drunter.

Warum das Stück „Die vier Himmelsrichtungen“ heißt? Keine Ahnung. Ist ja egal, woher ich komme, welcher Rasse oder Religion ich bin… Da müssen wir mal Herrn Schimmelpfennig fragen. Er hatte sein Stück in Salzburg damals selbst inszeniert. Ließ die SchauspielerInnen vortreten, monologisieren, zurück, der nächste oder die nächste. Schimmelpfennig hat viel Vertrauen in seine Sprachkunst. (manche Kritiker fanden, zu viel). Gut, dass Ulrike Sorge so viel Wert auf das „Spiel“ legte. Auf das Rauf und Runter. Das Auf und Ab. Wie das Leben so spielt. Jede Sekunde was los. Jeden Moment einen neuen Blick. Kein Funken Langeweile in all diesem Sprachzirkus.

Die vier Neuen in Chemnitz – Studenten? Das schminken wir uns ab. Wir freuen uns schon jetzt drauf, wenn wir sie in anderen Schauspielinszenierungen und in der „Nachtschicht“-Reihe sehen…

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