Aus den Häusern 07. Oktober 2018

Heym kommt heim


Premiere im Rückblick: Im Figurentheater erzählen der junge Flieg und der alte Heym aus ihrem Leben, und was sie über das Leben denken --

In Videos aus dem Alltag kommentieren die vier Puppenspieler ihr Leben, ihr Leben in der Stadt Chemnitz, ihr Leben zu einer Zeit, in der so viel von Angst zu lesen ist. Und dann spielen sie wieder. Lassen den jungen Helmut Flieg (so hieß der 1913 in Chemnitz geborene Heym eigentlich) und den alten Stefan Heym (so nannte er sich nach der Emigration nach Prag, um seine jüdische Familie in Deutschland zu schützen) heimkehren in die Geburtsstadt. Und wie weiland im epischen Theater gehen uns durch die fremden Schnipsel die Augen auf: Die Wahrheit liegt hinter dem, was offensichtlich scheint. Uns geht’s gold. Wenn wir das Leben in die Hand nehmen. Und uns rechtzeitig „einmischen“.  Damit die Braunen nicht (wieder) die Oberhand gewinnen…

Bei jenem beeindruckenden regenerschauerten Konzert mit Beethovens Neunter auf dem Theaterplatz hatte Heym schon einmal zu uns gesprochen – mahnend, aufrüttelnd, mit eigenen Texten, die ihm die Puppenspieler in den Mund gelegt hatten. So erwarteten wir am Samstag im Schauspielhaus auch eine „Lehrstunde“. Doch was wir gesehen haben, war etwas ganz Anderes. Ein ungemein spannendes Stück Zeitgeschehen, in dem Parallelen zum Heute flüchtig, aber eindrückend über die Rampe kamen – für all die , die mit Heym glauben, „dass nichts so bleibt, wie es ist, und dass wir die Richtung, in der sich das Ganze bewegt, mitentscheiden.“

Heyms Lebenslauf vom Kassberg-Schüler aus wohlhabender jüdischer Familie bis zum Ehrenbürger seiner Heimatstadt findet sich kurz und prägnant unter den „Großen Chemnitzern“. Christoph Werner, der Regie und Konzeption der Uraufführung im ausverkauften kleinen Saal des Chemnitzer Schauspielhauses übernommen hatte, beschränkte sich klug auf die entscheidenden Lebensphasen, besser: die Brüche darin, und auf das, was dazu führte.

Nazizeit, Flucht nach Prag, Rückkehr ins kaputte Heimatland als amerikanischer Sergeant – das reichte. Warum Heym später auch mit den Amis und den DDR-Bonzen nicht klarkam, und warum seine Bücher (darunter die „Freie Republik Schwarzenberg“) im Westen erscheinen mussten, seine aufrüttelnde Rede vom 4. November 1989 auf dem Alexanderplatz in Berlin – alles blieb weg. Heyms Botschaft, „zu zeigen, wer wir sind“ gerade in Zeiten, in denen sich was ändern muss, saß längst bei denen, die wissen: „Zu seufzen und zu jammern ist nicht genug.“ (Heym)

Es ist eine gute Idee, die beiden Heyms mal in Er-, mal in Ich-Form, mal episch erzählend, mal in direkter Rede kommunizieren und reflektieren zu lassen. Das nimmt alle Banalität vom Geschehen (muss der Rathaus-Beraterinnen-Anfang wirklich sein?), beschwert aber die 75 Minuten auch nicht durch vorgeblichen Frontal-Unterricht.

Was den Abend so eindringlich interessant macht, sind die vier Puppenspieler, die auch als Schauspieler glänzen und Atmosphäre schaffen: Claudia Acker, die den jungen Heym führt und spricht, Tobias Eisenkrämer, der dem alten Heym Stimme und Bewegung schenkt, und Karoline Hoffmann und Sarah Wissner, die mitunter wie im alten griechischen Drama im Chor zugespitzte Wendepunkte „rappten“ („… wir exportieren! Wir machen Export in Offizieren … Wir lehren Mord! Wir speien Mord! Wir haben in Mördern großen Export!“).

Wir können einander noch so viel erzählen: optische Reize brennen sich tiefer ein. Desto wirkungsvoller, dass sich das Figurentheater entschlossen hatte, die beiden Heyms von Hagen Tilp gestalten zu lassen, der mittlerweile in den USA lebt und arbeitet. Und dessen Puppen in der ganzen Welt berühmt sind. Heym ist da, er lässt uns keine Sekunde los, wenn wir die realistisch gestalteten Puppen sehen, zumal, wenn sie so gut bis in jedes Detail geführt werden wie von den vier Puppenspielern. Wenn mit den Gedanken auch die leibliche Hülle über das Riesengebirge fliegt, der Hoffnung zu…

Hoffnung, dass sich die Welt – durch uns – zum Besseren wendet, spricht auch das Schlussbild aus: Heym ex cathedra, die hier eine Badewanne ist – ein Bild, das unwillkürlich an den „Tod des Marat“ erinnert, jenes Gemälde von Jacques-Louis David von 1783). Marat war ein Kind der französischen Revolution gewesen, die es schließlich aufgefressen hat. Auch Heym war Opfer, aber er hat sich nie mit der Opferrolle begnügt. …“jammern ist nicht genug“. Und Heym hatte, so wollen es die Macher von „Wenn mich einer fragte…“, hatte einen, der ihm vielleicht helfen könnte: „Du alter jüdischer Gott“, betet er am Ende. Die Juden sind ein Volk der Hoffnung – auf den Messias. Die Christen haben den Messias bereits. Und trotzdem geschieht in Chemnitz und in den vielen hundert Chemnitzens in Deutschland in den letzten Wochen das, was geschah…

Sekundenlang Ruhe. Dann starker Beifall für Puppenschauspieler und Regieteam. Und das Stück, das vom Chemnitzer Figurentheater in Kooperation mit dem Programm „neue unentd_ckte narrative“ des ASA-FF e.V. geschaffen wurde. Der Theaterförderverein unterstützt das Projekt, wie er schon damals die Produktion „Beate, Uwe, Uwe, Selfie, Klick“ unterstützt hatte. Das Stück, das sich mit der Aufarbeitung der NSU beschäftigt, wurde mehrfach ausgezeichnet. ‚Heym kehrt heim‘ hat auch das Zeug dazu.

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