Aus den Häusern 14. Oktober 2018

Ginger – das geht gar nicht


Premiere im Rückblick: „Schöne Bescherungen“ im Schauspielhaus – Weihnachten sollte verboten werden – Ein Kronleuchter als Stimmungsbarometer --

Ausgerechnet das Märchen von den drei Schweinchen und ihren Abenteuern mit dem bösen Wolf will Bernard mit seinem selbst gebastelten Puppentheater an Weihnachten vorführen. Und dann soll das eine Schweinchen auch noch Ginger heißen, wo doch jeder weiß, dass „Ingwer“ in England reserviert ist für Rothaarige und nicht für rosarote Ferkelchen. Das geht ja gar nicht. Und auch alles Andere geht haarscharf daneben in Alan Ayckbourns Komödie „Schöne Bescherungen“, die am Samstag im gut besetzten Chemnitzer Schauspielhaus Premiere feierte.

Weihnachten gehört verboten, weil da schief läuft, was schief laufen kann. Selbst der Kronleuchter im geräumigen Haus der seit achteinhalb Jahren ehekriegernden Neville und Belinda kriegt am Ende die Krise und stürzt nach seiner Stimmungswanderung von ganz hoch bis links verquer schließlich ab. Licht aus. In einem Jahr nimmt die Tragödie ihren Fortgang…

Nur einer wird vielleicht fehlen. Clive, der Schriftsteller („hast Du schon jemals einen Schriftsteller gekannt, der nur ein Buch geschrieben hat“?). Konstantin Weber spielt den armen Trottel, den es ins ländliche Weihnachtschaos verschlägt, weil er meint, die 39jährige altvertrocknete Jungfer Rachel (Ulrike Euen) zu lieben, die endlich mal einen Mann im Bett haben will. Schluchschluchz, aber keiner hört auf ihre verschwurbelt vorgebrachten Sehnsüchte. Im Gegenteil.

Clive fällt über die Hausherrin (Magda Decker) her, sie über ihn und beide mit dem und unter den Weihnachtsbaum, der birst. Unten steht betröppelt mit runtergelassenen Hosen der Unzüchtling und oben sammelt sich die übrige Hausgenossenschaft wie ein strenger griechischer Chor. Hausherr Neville (Philipp von Schön-Angerer) nimmt das alles gelassen hin, solange die beiden besoffen gewesen wären. Wenn nicht, würde er den Ehebrecher auseinanderreißen. Onkel Harvey (Andreas Manz-Kozár), der ohnehin im Fernsehen alles liebt, was tot ist oder durch Gewalt tot geht, ist da konsequenter. Er zückt, knallbum, den Revolver. Und der Puppenspieler, der „schlechteste Arzt auf dieser Welt“ (Christian Ruth), verheiratet mit der ewig beschwipsten Phyllis (Katka Kurze), stellt den Tod fest, obwohl Clive noch lebt und ein Liebesgeständnis zur Falschen (der Hausherrin) hinaushauchen kann. Und die missachtete Jungfer wisperweint stumm in sich hinein. Pattie (Lauretta van de Merwe) wird ihren dicken Bauch nicht mehr einziehen müssen wie beim Puppenspiel, sondern ihr viertes Kind kriegen. Was wiederum ihren Taugenichts von Ehemann (Martin Esser) nicht zum fürsorglichen Vater machen wird. Alles furchtbar, alles grässlich. Das nächste Weihnachten kann kommen. Nicht erst an Silvester: The same procedure as every year wird sich abspielen…

Der englische Erfolgsautor Alan Ayckbourn, der, wie er selbst sagt, nie weiß, ob aus dem eben begonnenen Stück eine Komödie oder eine Tragödie wird, hat mit seinem Stück „Schöne Bescherungen“ einen Ratgeber geschrieben, den sich alle Stillenächtigen Harmoniefröhlichen ins Gebetbuch schreiben sollten, wenn sie mal keine stille Nacht und alle Unfröhlichkeit erleben wollen. Die Kinderlein dürfen trotzdem kommen. Wölfe gibt’s genug auf der Welt und Schweinchen und Geißlein und Erwachsene, die einander Wolf und Geißlein sind und besoffenen Lammbraten verdrücken wollen.

Der Pole Bogdan Koca, dem selbst nichts Menschliches fremd ist, und der „Hamlet“ und die „Zofen“ und das Weihnachtschaos inszeniert, lässt die Menschenschwächen genüsslich ausspielen. Bis zum Zerreißen manchmal. Da kann es dann einen Toten und noch einen Toten und noch einen und noch einen im Fernsehen geben und schließlich lockt die Glotze alle, und am Baum hängt vereinsamt eine einzige Kugel. Wenn überhaupt. Koca erzählt, fast schon ein bisschen sadistisch, langsam und genüsslich, was für armselige Egoisten wir doch sind, die nicht mal am Fest der Liebe Frieden suchen können. Und wir lachen über die Späße und den Sprachulk von der Bühne. Nö, so sind wir doch nicht. Uns würde keiner Ginger nennen können, wenn wir keine roten Haare haben.

„Schatz hast Du drangedacht“, tönt es liebreizend aus der anderen Sofaecke, „dass wir noch kein Geschenk für die Schwiegermutter, und dass der Sohn aus München erst am zweiten Feiertag, dafür am ersten die Eltern der Schwiegertochter mit unserem Besuch rechnen, und dass ich noch den Kartoffelsalat, und  o je, der Beifuß für die Gans…“ Und ich denke, Weihnachten kann mir eigentlich gestohlen bleiben. Zumindest so.

Ayckbourn und Koca treffen mit ihrer Komödie den Nagel auf den Kopf. Nach dem Fest ist vor dem Fest. Und da kann man noch lachen. Viel Beifall für die Schauspieler.

Die nächsten Aufführungen: 19. Und 27. Oktober, 17. November, 1., 7. Und 26. Dezember 2018

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