Aus den Häusern 02. Dezember 2018

Sensationeller Erfolg für die „Götterdämmerung“


Premiere im Rückblick: Elisabeth Stöppler stellt alles auf den Kopf – Was für ein Abschluss für den neuen Chemnitzer „Ring“! -

Minutenlanger Beifall, zwei, drei verschüchterte Buh-Rufe stante pede weggeklatscht: die Premiere von Richard Wagners „Götterdämmerung“ gestern, Samstagabend, im Chemnitzer Opernhaus wurde zu einem Triumph für alle Beteiligten. Wer je Schiss vor Wagner hatte wegen Länge, verschwurbelter Sprache, Psychogetue – geht hin, Ihr werdet Euer eiskaltes Wunder erleben und Euch wohlfühlen wie selten und die Hände warmklatschen.

Dabei macht Elisabeth Stöppler, die Vierte im Bund der Damen, die den neuen Chemnitzer „Ring“ zum Stadtjubiläum auf die Bühne brachten, alles anders, als es geübte Wagner-Enthusiasten kennen. Die Mainzer Hausregisseurin hat nach mehreren Erfolgen in Dresden (darunter „Maskenball“) und Weimar (Bergs „Lulu“) nun auch den Weg nach Chemnitz gefunden und in der sächsischen Wagner-Stadt ihren ersten Wagner so bravourös inszeniert, dass dem p.p. Publikum fast die Augen aus dem Kopf fielen ob der gewaltigen Bilder und der Fülle herrlicher Einfälle.

Walhall versinkt im Schnee, die Gibichungenhalle in Worms gleicht Hoppers Barbild „Nachschwärmer“ (erinnert sich wer an das Ballett „Bilder einer Großstadt“?), die neureich geschmacklose Burgundergesellschaft säuft nicht selbigen, sondern von Hagen serviert, Härteres, Gutrune, teutsche Jungfrau mit blonder Zöpfchenfrisur kommt daher wie die lustige Witwe und beschwipst sich am französischem Veuve-Prickelwasser, der in der Wildnis erzogene Naturbursch Siegfried schläft barfuß mit seiner Brünnhilde auf eisigem Fels und macht auch im Hochzeitsanzug mit schwarzen Lackschuhen amüsante Figur, weil er sich ständig Zaubertrankfläschchen zu Gemüte führt, die ihn die Welt sehen lassen sollen, wie er sie haben will.

Der tumbe Großsprechkönig Gunther stolpert in bester Dinner-for-one-Manier über den Eisbärenfellkopf, der intrigante Fädenzieher Hagen verkriecht sich ängstlich hinter einem Barhocker, wenn die Vaterfigur des Zwergs Alberich in unheimlich bedrohlicher Größe von der Theke herabdonnert, Grane, das Pferd , wird zum Schlitten, der Siegfried wiederum als Rhein-Nachen dient, während Waltraute am Fallschirm durch die Lüfte schwebt und in ihren Pilotenklamotten just einem Bild der Chemnitzer Künstlerin Dagmar Zemke entsprungen scheint, die die Frauenpower von oben zu einem ihrer Hauptthemen gemacht hat.

Brünnhilde bringt ihren mächtigen Eisfelsen ins dekadente Gibichungenwohnzimmer, wo mit ihm die ganze schlampige Gesellschaft in ihrer Unwahrheit dahinschmilzt, bei der Jagdszene in bester Neo-Realismo-Manier fällt Siegfried nicht Hagens Speer zum Opfer, Hagen knallt ihn kaltblütig ab, so wie er später, allerdings sehenden Auges und von vorn, von Schwesterherz Gutrune gekillt wird. Brünnhilde, kurzzeitig eine Maria Magdalena, macht an Siegried die Totenwäsche (starkes Bild), übergießt sich mit Benzin ob all des Chaos, der von Walhall und sonst wo über die Welt gekommen ist, kriegt dann Muffensausen, schmeißt das Feuerzeug weg und ist im Schlussbild, während leise der Schnee über die Bühne rieselt und Wotan & Co. von der Bildfläche verschwunden sind,, der Heiland, die Erlöserin, Retterin der Menschheit.

Elisabeth Stöppler und ihr Team (Bühne mit tollen optischen Effekten: Annika Haller, Kostüme: Gesine Völlm, deren Frabfroheit und Einfallsreichtum wir schon bei Faccios „Hamlet“ bewunderten, Lichtgestaltung – wer hat je Bühnennebel so stimmungsgeladen erlebt: Holger Reinke) haben ohne Zweifel am meisten der Intention dieses Chemnitzer „Rings“ entsprochen, Wagner aus weiblicher Sicht zu zeigen. Das Brünnhilde-Schlussbild kann sinnbildlich für diesen ganzen, so anderen „Ring“ stehen. Jetzt, da wir auch den dritten Tag des Bühnenfestspiels kennen, sind wir besonders gespannt auf die zyklische Aufführung der vier Opern im Januar. Verbindet sie was, außer der Musik von Richard Wagner? Ist das Schwert unwichtig, kann es weggeworfen werden oder zum Minidolch verkommen? Ist Schwäche die neue Stärke, wie ein Zuschauer der Premiere festhielt?


A propos Musik: Bei der gestrigen „Götterdämmerung“ stand GMD Guillermo García Calvo selbst am Pult der Robert-Schumann-Philharmonie. Er liebt Wagner über alles, das wissen wir. Selbst seine Familie müsse dahinter manchmal zurückstehen, hat er einmal gesagt. Calvo ziseliert nicht, zelebriert nicht Mosaiksteinchen um Mosaiksteinchen aus Dutzenden von Leit- und sonstigen Motiven. Er malt Bilder – ergreifende, bedrohliche, freundliche. Mit großem Schwung, mit feinsinniger Behutsamkeit. Das schafft Atmosphäre- malt gerade Bilder, wie Elisabeth Stöppler sie auf die Bühne bringt, noch farbiger, noch intensiver. García Calvo weiß genau, wann er Hörner und Wagner-Tuben losdonnern lassen, oder wann er Oboe, Flöte oder Fagott streicheln lassen muss. Bei aller wunderbaren dynamischen Differenziertheit entstehen nirgendwo Brüche – allenfalls strafft sich die Spannung. Die Musiker der Robert-Schumann-Philharmonie, Konzertmeister Hartmut Schill bewusst nicht neben, sondern Aug in Aug mit dem Dirigenten, sind von der ersten bis zur letzten Sekunde dieses mehr als vierstündigen musikalischen Kraftakts gespannt dabei. Ein paar Glücksspiralen-Kiekser fallen nicht ins Gewicht.

Genauso wenig wie ein paar kleine Textschwächen (Übertitel sind wunderbar für die Zuschauer, hässliche Kontrollorgane für die Sänger). Der Chemnitzer Oper ist es gelungen, Sängerinnen und Sänger für diese „Götterdämmerung“ zu verpflichten, die allesamt von großer Klasse sind, bis hinein in die kleinen Rollen (Nornen, Rheintöchter). Allen voran Daniel Kirch als Siegfried (wir schätzen ihn, seit er 2016 als Stolzing in Heinickes Abschieds-Meistersingern eingesprungen ist, und wir bewunderten schon seinen „Siegfried“ im aktuellen „Ring“) und Stéphanie Müther als Brünnhilde. Mühelos und kraftvoll scheinen sie die Kräfte raubenden Mammutrollen zu bewältigen. Aber sie können auch wunderbar modellieren – ihre Stimmen einander in jeder Situation anpassen. Hagen hat uns gut gefallen – Marius Boloş braucht keine mephistophelische Stentorstimme hervorkehren, dass man ihm das Hoppersche Intrigantenbarmannschwein abnimmt. Pierre-Yves Pruvot (seit 2013 „Vasco de Gama“, zuletzt im „Hamlet“ ein Liebling des Chemnitzer Publikums) sang einen vibrato und facettenreichen Gunther, Cornelia Plassek spielt nicht nur, sondern singt auch dieses nordische Playgirl authentisch, und Anne Schuldts Waltraute setzt bemerkenswerte, fast lyrische Akzente. Nicht zu vergessen den bestens von Stefan Bilz einstudierten Chor (warum kriegte er diesmal keine Blumen?), der bei allem Herumwuseln äußert sauber und textverständlich sang.



In einem Jahr den ganzen „Ring“ zu stemmen, das gelingt nur ganz wenigen Opernhäusern. Auch Leipzig nicht, und Dresden nicht. Dass dieser „Ring“ mit der sensationell empfundenen „Götterdämmerung“ einen solchen Abschluss fand, ist desto bemerkenswerter. Im Michelin bedeuten drei Sterne, dass sich eine Reise extra an die Tische dieses Restaurants lohnt. Noch in der Nacht schrieb ein begeisterter Peter Jungblut auf der Homepage des Bayerischen Rundfunks: „Eine ungewöhnliche "Götterdämmerung", die auch eine längere Anreise jederzeit lohnt.“

Drei Sterne für diese „Götterdämmerung“. Unterschreiben wir blind. Muss man erlebt haben.

Die nächsten Vorstellungen:

Götterdämmerung - 22.12.2018, 26.01.2019, 22.04.2019, 10.06.2019

Ring komplett:

RING-ZYKLUS IM JANUAR 2019
Das Rheingold: 05.01.2019, 18.00 Uhr 
Die Walküre: 12.01.2019, 16.00 Uhr 
Siegfried: 19.01.2019, 16.00 Uhr 
Götterdämmerung: 26.01.2019, 16.00 Uhr 

RING-ZYKLUS ZU OSTERN 2019 
Das Rheingold: 18.04.2019 (Gründonnerstag), 18.00 Uhr 
Die Walküre: 19.04.2019 (Karfreitag), 16.00 Uhr 
Siegfried: 20.04.2019 (Ostersamstag), 16.00 Uhr 
Götterdämmerung: 22.04.2019 (Ostermontag), 16.00 Uhr 

RING-ZYKLUS ZU PFINGSTEN 2019
Das Rheingold: 30.05.2019 (Himmelfahrt), 18.00 Uhr 
Die Walküre: 01.06.2019 (Samstag), 16.00 Uhr 
Siegfried: 08.06.2019 (Pfingstsamstag), 16.00 Uhr 
Götterdämmerung: 10.06.2019 (Pfingstmontag), 16.00 Uhr

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