Aus den Häusern 03. März 2019

Chemnitz first. Berlin muss warten


Premiere im Rückblick: Starke Uraufführung des Musicals „Drachenherz – kein Platz für Helden“ gestern, Samstag, im Chemnitzer Opernhaus --

Ein bisschen neidisch schaute gestern früh die B.Z., die größte Berliner Lokalzeitung, nach Chemnitz. Die Studenten der Universität der Künste Berlin präsentierten das neue, extra für sie von Peter Lund und Wolfgang Böhmer geschriebene Musical „Drachenherz – kein Platz für Helden“ nicht wie üblich zuerst in der Neuköllner Oper, sondern in Chemnitz. Aber das Blatt tröstete seine Leser: „Berlin bekommt die Produktion später auch zu sehen. Sie lohnt, schon wegen der hinreißenden Darsteller.“ Letzteres stimmt. Die Chemnitzer (und die aus Berlin mitgereisten Fan-Kollegen und neu gewonnene Freunde) fanden die neun Protagonisten toll und beklatschten bei der Premiere im gut besetzten Chemnitzer Opernhaus, nicht nur am Ende, begeistert.

Die Augenbrauen zucken allerdings ob der Begründung für die „Verlegung“ der Premiere durch das Berliner Blatt. Es gehe in dem Stück um „ein Update der germanischen Siegfried-Saga, die hier in den Straßen des modernen Chemnitz verlegt ist“. Da schimmert es wieder durch, das hässliche Bild von Chemnitz aus den Spätsommertagen des letzten Jahres, mit all der angeblichen Fremdenfeindlichkeit, mit all dem Hass. So sehen es wohl viele gern, in der Hauptstadt und sonst wo. Aber, Freunde, so ist es nicht. Chemnitz ist weder grau noch braun, und Deutschhagen, jene triste Phantom-Kleinstadt, in die die Autoren die Handlung verlegt haben, ist überall.

Und nicht erst heute kämpfen Menschen um Ehre, Macht und Anerkennung, setzten Körper, Geist und Pistolen (oder wie früher Messer und Schwerter) ein, um zu zeigen, dass sie den Größten haben, oder zumindest die Größten sind. So lässt Lund (führt auch Regie) auch augenzwinkernd eine Jugendclique von heute im Hinterhof zur Schwanzparade auflaufen und dem Publikum die bloßen Hintern ins Gesicht strecken, er wählt für seine Protagonisten auch sprechende Saga-Namen: Fred, der reingescheite und deshalb beargwöhnte Siegfried-Held (Dennis Riffel hat diesen klugen, unabhängigen, kommunikativ „sozialen“ Helden, der in der Clique immer ein Fremdkörper bleibt, echt gut drauf), Hagen (Johannes Krimmel, stark als Intrigantenschwein wie anno dunnemal sein Sagen-Vorbild, und brutaler Zustecher) heißt sogar so, Gunther, weiland großsprecherischer Burgunder-König, ist hier der impotente Cliquenchef Günni (Florian Heinke), immer auf Potenz und Treue seiner Schafe – darunter „Troz-Pille“ Tropi (Timo Stacey) und Hass- und andere Bakterien-Schleuderer Baktus (Karim Pltt) -  erpicht, bis ihm Brüning, die eigentlich Anna heißt, hier aber an die Burgunderkönigin Brünhild erinnern soll (anstachelnd und gleichermaßen authentisch als Cliquenbursch und als blutverschmierte Menetekel-Frau: Florentine Beyer), aus dem Ruder läuft. Den Zickenkrieg auf den Stufen des Wormser Doms spart sich der Autor: Günni-Schwester Jenny (Nicola Kripylo) ist keine Kriemhild, aber auch so Objekt der Begierde. Der Stoff gäbe auch eine Romeo-und-Julia-Geschichte oder tausend andere menschlich-allzu-menschliche her – aber heute muss der Fremdling mit rein, der Tunesier („du bist kein Afrikaner“) Nasir, der zurückhaltend freundlich beobachtende, integrierte Migrant (Tristan Giovanoli) und Woda, der von vorherein gehasste, weil schwarze Philosoph Wotan, dem sie schließlich das Mordmesser zuschieben, und der am Schluss bedröppelt dasteht wie der Göttervater, als es für die Götter dämmert.

Viele Themen bringt Lund in seiner Geschichte unter - in einem Spiegelbild der jungen, trostlosen Gesellschaft, in der die meist gebrauchten Wörter „Sch…..“, Liebe und Sex sind. Vielleicht sind es auch zu viele Denkmuster, so dass die Tendenzen schon wieder operettenhaft banal wirken: „Das Leben ist Sch… Du überlebst es nicht.“ Oder „Liebe ist Krieg. Und der ist ungerecht“.

Seine Musicals seien weniger dem amerikanischen Musical verpflichtet, als der europäischen Operette, lesen wir in der Biografie des Komponisten Wolfgang Böhmer. Ja und Nein. Den Glanz der Chemnitzer Uraufführung machten die herzhaften Stimmen aus, die Songs – und da ist mitunter die „West Side Story“ nicht fern. Erst recht nicht in den traumhaften Choreografien (von Lund mit Neva Howard und Matthias Noack), die seit der Verfilmung von „West Side Story“ aus einem Musical nicht mehr wegzudenken sind. Die Clique tanzte, als ob morgen der letzte Tag wäre und stand abrupt in starken lebenden Bildern.  Der Hinterhof (Bühne und Kostüme: Ulrike Reinhard) könnte in jeder größeren Stadt der Welt so stehen. Nicht mal das alte Ölfass oder der trostlose Baumstumpf fehlten.

Gut gelöst vom ganzen Team (dazu gehören auch Video: Roman Rehor und Licht: Matthias Klemm) die jeweilige Stimmung zwischen Ekstase und sentimental nachdenklicher Ruhe. Eindringlich die bisweilen Video verstärkten Bilder – beklemmend die Schweinetötung als Mutprüfung, die Übersetzung von Hasswörtern gegen Fremde in das Bild eines zum Schwein degradierten Fremden. Dabei trifft Böhmer mit Hilfe Hans-Peter Kirchbergs, des musikalischen Leiters, und seiner extra für diese Produktion zusammengestellten „Drachenherz-Band“, exakt die Situationen und wäre doch auch ohne Handlung ein Genuss – die Gitarrenrifs, der Beat, das elektronische Cello. Kracher. Die Sänger als Schauspieler: die B.Z. hat recht: „hinreißend“. Noch gab’s den einen oder anderen premierenervösen Verhaspler, manches flutscht auch zu schnell über die Lippen, der Ton (vor allem im ersten Teil) ist als Hilfe noch verbesserungsfähig – aber sonst? Große Gefühle, tiefe Intimität, bis an Akrobatik heranreichende Bewegungssprache.

Wenn das das neue deutsche Musical ist („frech, schnell, kabarettistisch und mobil“ – wie es im Programmheft heißt), dann lieben wir es. So haben wir es in Chemnitz erlebt. Viel Beifall. Berliner: Ihr könnt Euch freuen. Nur noch ein bischen Geduld...

Die nächsten Aufführungen in Chemnitz: 10., 14. Und 23. März, 4. April 2019


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