Aus den Häusern 07. April 2019

Auf Spitzen in der Erfolgsspur


Erste Repertoire-Vorstellung „Schwanensee“: Wieder ist das Publikum hellauf begeistert --

Nach jeder Vorstellung würden die Tänzerinnen am liebsten auf allen Vieren die Treppen zur Garderobe hochkraxeln: Sie sind kaputt. Aber sie haben alles gegeben. Spitze getanzt – in jeder Hinsicht. Ballettdirektorin Sabrina Sadowska, die gern Unkonventionelles wagt („Die Moderne geht baden“ im Stadtbad, das Festival Tanz|Moderne|Tanz), gestaltet mit dem Choreografen-Kollegen Eno Peçi (einem Albaner, der in Wien an der Staats- und Volksoper arbeitet) einen Ballettabend, der alle begeistert: die Tutu-Traditionalisten wie die Today-Tanzenthusiasten. Nach der von Presse und Publikum gefeierten Premiere am 29. März im Chemnitzer Opernhaus waren die Besucher auch von der zweiten Aufführung am Samstag begeistert und aus dem Häuschen.  Das Parkett stand, und der Beifall des ganzen Hauses brandete minutenlang.

Das Ballett Chemnitz, noch vor gar nicht so langer Zeit ein bisschen Stiefkind der Chemnitzer Theater in der Publikumsgunst, hat sich vom schwarzen zum weißen Schwan gewandelt: Für die Vorstellungen von „Schwanensee“ in dieser Spielzeit gibt’s im Internet keine Karten mehr – alles ausverkauft. Der Schwanensee schlägt Erfolgswellen. Wer nicht bis zur Wiederaufnahme in der nächsten Spielzeit warten will: Probieren geht über Studieren. Vielleicht wurde ja die eine oder andere Karte zurückgegeben…

Für uns war’s spannend, diese zweite Aufführung zu besuchen. Eine Premiere – die hat immer den besonderen Kick des Neuen und Überraschenden. Jetzt hatten wir die Lobeshymnen nach der Premiere gelesen und begeisterte Berichte von Freunden gehört. Und wir wollten wissen, ob die Hochstimmung anhielte auch in der zweiten Aufführung. Kurz und knapp: Hat sie.

Der zu Recht gefeierte Erfolg hat eine Mutter, viele Väter und viele Kinder. Sabrina Sadowska hat als Spartenchefin ein untrügliches Gespür dafür, wie man mit Tanz, welcher Stilrichtung auch immer, die Menschen begeistert und die Bude füllt. Ihre Nase hat sie nicht getäuscht: Sogar die Mischung von Tradition und Moderne kann funktionieren.  Zwar müssen sich die Tänzerinnen und Tänzer mehrfach ratzfatz umziehen – aber ob sie Jahrmarktgeschichten tanzend erzählen (was da alles los ist auf der Bühne, das kriegt man auf einen Blick gar nicht alles mit, so bunt ist das Geschehen), ob sie in geometrischen Figuren (Kreis, Dreieck, Diagonale) Ruhe in das spitzentrippelnde Nebelmärchenseenreich hauchen oder auf dem Barhocker Walzer im Art-déco-Prunksaal tanzen (subtil zeichnend Bühne und Kostüme: Thomas Mika)  – so fern ist das alles nicht voneinander.

Eno Peçi (1. Und 3. Akt) will nicht den Kontrast um des Kontrastes willen, er schafft stimmige Übergänge zwischen der (seiner) romantischen Realität und der noch romantischeren Schwanentraumwelt.

Manche haben nach der Premiere die Soldatenszene am Ende des ersten Aktes nicht so richtig passend empfunden – aber die bedrohlichen kriegerischen Form-Bildungen der bösen Soldaten sind ein wunderbarer Augenöffner für die Ordnung der Traum-Schwäne. Oder der schwarze Schwan, der Verführungsvogel aus einer anderen Welt im „realen“ Prunksaal – da wird alles lebendig, die ganze Geschichte um Liebe und Treue und Schönheit und Krieg und Sehnsucht. Wir haben nicht gezählt, ob Soo-Mi Oh (für sie war es Premiere) alle angeblich vorgeschriebenen 32 Drehungen bei ihrem Solo getanzt hat, so faszinierend war ihr ekstatisch ästhetischer Tanz, für den sie zu Recht mit musikübertönendem Zwischenbeifall gefeiert wurde.

Als Managerin hat Sabrina Sadowska dafür gesorgt, dass dem Affen Zucker gegeben wird. Wenn schon im 2. Akt die Anlehnung an Lew Iwanow, den berühmten Choreografen, der kurz vor Ende des 19. Jahrhunderts „Schwanensee“ mit seinen Tutu-Schwänen erst beliebt gemacht hat, dann richtig. Sabrina Sadowska erweiterte ihre Company um Tänzerinnen-Schwäne aus Frankfurt, Dresden, Palermo, Prag und Berlin. Find mal so viele Talente und Profis, die noch Spitze tanzen können und wollen… Vor lauter Gästen die eigenen Talente nicht zu vergessen: Was für einen wunderbaren Pas de quatre haben etwa Isabel Domhardt, Molly Gardiner, Anna-Maria Maas und Valeria Gambino als fröhliche Kleine Schwäne auf die Bühnenbretterfolie gespitzentanzt. Prachtvoll die Kostüme der 22 (wenn wir richtig gezählt haben) Schwäne in ihren aufwendigen Tutus, in Budapest entworfen und von spendierfreudigen Mitgliedern des Theaterfördervereins zu einem beachtlichen Teil finanziert (Herzlichen Dank dafür!).

Die Ballettdirektorin weiß, was in der Welt des Balletts heute gefragt ist. Am Vorabend war sie noch bei einer hochkarätig besetzten Benefizgala für ihre Stiftung Tanz in Kassel gewesen. Aber sie macht Ballett nicht für die Kollegen, um von denen Blumentöpfe zu gewinnen. Sie hat auf Tschaikowskis Musik selbst ein einfaches, herzerwärmend romantisches Libretto geschrieben -  was machen da andere für einen Firlefanz daraus, nur weil sie meinen, politisch aktuell sein zu müssen… Pfeif drauf. „Das war so schön“, sagte eine Nachbarin beim Rausgehen. Darf Theater nicht einfach auch nur mal schön sein?

Das ganze Ensemble, samt Gästen, verdient Anerkennung. Und ja, Begeisterung. Herausragend die perfekte Soo-Mi Oh als Odile, die Leipziger Gastsolistin Laura Costa Chaud als liebreizende Unschuld, nicht nur als Schwan, Jean-Blaise Druenne als liebender Träumer genauso glaubwürdig wie als Verführbarer, als Solist so präzise wie grazil bei den Hebefiguren oder den „Kampf“-Szenen mit Benno, dem ebenbürtigen Widerpart (Ivan Cheranev) oder dem (hier gar nicht bösartigen, wenn auch strengen) Vater Rotbart, den Yester Mulens Garcia mit einer Grandezza tanzte, die Autorität von den Fuß- bis in die Stockspitze ausstrahlte.

Einer der Väter des Schwanensee-Erfolgs, wahrscheinlich der wichtigste, ist Peter I. Tschaikowsky. Die bejubelten Könner auf der Bühne werden nicht böse sein, wenn wir ein gerüttelt Maß des Erfolgs der Musik und deren Ausführung im Graben zuschreiben. Dieser „Schwanensee“ mit seinen Musical- und Filmanmutungen, mit seiner hochdramatischen Sinfonik, seinen sentimentalen Schmelzstellen wäre auch  bei einem Sinfoniekonzert in der Stadthalle bejubelt worden. Rodrigo Tomillo am Pult holte jede Gefühls-Regung auf der Bühne aus den Musikern im Graben heraus (was ist Ei, was Henne?), ließ das Blech mit jeder Dissonanz Stimmung trüben und seufzte mit den Solisten oben und unten, mit der Harfe, der Flöte, der Geige – allein (wunderbar leicht Hartmut Schill in diesen technisch sauschweren Soli)  oder im „Pas de deux“ mit seinem Cello-Kollegen Jakub Tylman. Die Robert-Schumann-Philharmonie glänzte mühelos selbst bei den halsbrecherischen Streicherläufen, den pikanten Soli und dem See voller schöner Musik, in dem die Schwäne herrlich baden konnten.

Die zweite Aufführung hat bestätigt, was wir an Lob über die Premiere gehört hatten. Vielleicht sogar noch einen draufgesetzt. Wenn das so weitergeht… Schade, dass das Opernhaus nicht mehr Plätze hat. Glück, wer jetzt noch einen ergattert. Aber bis zur neuen Spielzeit ist es ja auch nicht ewig hin.

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