Aus den Häusern 26. April 2019

Die Geschichten kleiner und großer Helden

Theater Chemnitz stellt den Spielplan für 2019/2020 vor – Große Romantik und ganz viel Moderne --

Gundula Hoffmann, Chefin des Chemnitzer Figurentheaters, stellt ihre neue Spielzeit unter das Motto „Die Geschichten kleiner und großer Helden“. Das Motto könnte über dem ganzen Spielplan 2019/2020 der Theater Chemnitz stehen, das am Freitagmittag vorgestellt wurde. In fast alle Sparten spielt das Nachdenken über die gesellschaftlichen Brüche nach den Chemnitzer August-Ereignissen hinein. Direkt oder indirekt.

So wird im Schauspiel ein Stück entwickelt „zur wackelig gewordenen Grundordnung“ („Feindliche Übernahme, Uraufführung, Premiere am 8. November 2019), nachdem Schauspieldirektor Carsten Knödler sein „modernes Programm“ (Autoren fast nur aus dem 20. Und 21. Jahrhundert) mit einem „Lehrstück für Demokratie“, das sich intensiv mit dem „Verhalten von Einzelnen in Menschengruppen“ beschäftigt, eröffnet hat. Knödler selbst führt Regie in dem filmbekannten Gerichtsdrama „Die zwölf Geschworenen“ (Premiere 21. September 2019).

Aber auch Sabrina Sadowska, die Ballettdirektorin, kommt an der Gegenwart nicht vorbei. Sie will es auch gar nicht, bei 19 Nationen in ihrem Ensemble, wo sich jede nationalistische Kleingeisterei von vornherein verbietet. Wir dürfen gespannt sein auf den „Othello“ nach Shakespeare, einem Tanzstück, das der kubanische Choreograf Julio Arozarena inszenieren wird (Premiere: 28. März 2020).

Und auch die Oper wird „politische Hintergründe“ ausleuchten, wie Generalintendant Christoph Dittrich sagte, als er über die Boito-Oper „Mefistofele“ sprach, die in Kooperation mit dem Programm „neue unentd_ckte narrative“ des ASA-FF e.V. entsteht (Premiere am 28. September 2019). Mit diesem Programm, das für „Unentdeckte Nachbarn“ preisgekrönt wurde, gibt es auch weitere Zusammenarbeit: in Workshops, Recherchen, Unterricht und anderen Formaten (explizit auch in „Feindliche Übernahme“ und „Juri [Gagarin]“, eine Uraufführung im Figurentheater – Premiere am 8. Februar 2020).

Kunst darf sich aus der Gesellschaft nicht herausdividieren, sie soll zum Nachdenken anregen, Spiegel sein, aber auch Freude machen. Gutes Beispiel: die Oper „Mefistofele“ von Boito. Guillermo García Calvo wäre kein so guter GMD, wenn er die Musik des Mannes, der nicht nur für Verdi, sondern auch für Faccios „Hamlet“ das Libretto geschrieben hat, nicht hoch einschätzen würde: Boito war auch ein großartiger Komponist.

Der GMD hat sich auch sonst noch Sahnestücke der Opernliteratur für die nächste Spielzeit vorgenommen. Er wird nicht nur die Wiederaufnahmen des „Rings“ dirigieren, sondern auch einen weiteren Wagner: „Lohengrin“ (in der Inszenierung des „wahrscheinlich einzigen weltbekannten andorranischen Regisseurs“ Joan Anton Rechi [Christoph Dittrich]) – Premiere am 25. Januar 2020). Und García Calvo wird auch die neue „Carmen“ dirigieren (Premiere am 14. März 2020).

Bei den Sinfoniekonzerten in der Stadthalle („was für eine wunderbare Akustik hat dieser Saal“) freut sich der GMD, der es als „großes Glück“ bezeichnete, dass er die dritte Spielzeit hier bestreitet („ich arbeite wahnsinnig gerne hier“) auf Solisten, die er gut kennt und hoch schätzt: den Pianisten Javier Perianes etwa („gleicher Jahrgang 1978 wie ich“) im ersten Sinfoniekonzert mit dem ersten Brahms-Konzert (2. und 3. Oktober 2019), den Bariton Tómas Tómasson im „Deutschen Requiem“ von Johannes Brahms  (3. Sinfoniekonzert, 20. und 21. November 2019). Die Berliner Oboistin Viola Wilmsen, die im 9. Sinfoniekonzert (29. und 30. April 2020) das Strauss-Konzert spielt, oder den Solo-Kontrabassisten der Wiener Philharmoniker Ödön Rácz mit dem selten gespielten Divertimento für Kontrabass und Orchester des als Filmkomponist bekannten Nino Rota (im 10. Konzert am 27. und 28. Mai 2020). Und er freut sich herzlich auf die eigenen Solisten seines „wunderbaren Orchesters“: Thomas Bruder spielt im 3. Konzert Schostakowitschs 2. Cellokonzert und (da dirigiert allerdings John Flore) Heidrun Sandmann, mit Waltons Violinkonzert im 4. Sinfoniekonzert am 11. und 12. Dezember.

Auffällig: In den Sinfoniekonzerten gibt’s in der nächsten Spielzeit viel Moderne aus dem 20. Jahrhundert und große Romantik, darunter auch der Namenspatron der Philharmonie, Robert Schumann. Zu Worms Zeiten ein Gesetz, seit Beermann eher selten: ein Schumann im ersten Sinfoniekonzert der Spielzeit. Diesmal aber sogar ein ganz Besonderer: die (kaum gespielte) Urfassung der 4. Sinfonie von 1841. Auch die Robert-Schumann-Philharmonie hat bisher immer nur die übliche zweite Fassung gespielt.

Die Wiener Klassik ist in den (wieder) zehn Sinfoniekonzerten nicht vertreten – dafür geballt außerhalb: zum 250. Geburtstag von Ludwig van Beethoven spielt die Robert-Schumann-Philharmonie vom 17. bis 19. Juli 2020 jeweils im Opernhaus reine Beethoven-Programme, darunter alle fünf Klavierkonzerte mit dem Solisten Herbert Schuch). In der Oper gibt’s neben der Wiederaufnahme der „Zauberflöte“ eine neue „Entführung aus dem Serail“ (Premiere am 8. Mai 2020), und das Ballett bringt als Uraufführung ein Tanzstück nach Schuberts „Winterreise“ (Premiere 6. September 2019).

Weitere Highlights aus den Sparten: in der Oper die Uraufführung der Kinderoper „Bei der Feuerwehr wird der Kaffee kalt“, einem Auftragswerk der Oper Chemnitz (Premiere: 2. November 2019) und das früher schon lange Jahre höchst erfolgreiche Musical „Evita“ (Premiere: 26. Juni 2020). Eine neue Musical-Produktion open air auf dem Opernplatz wird es zunächst (noch) nicht geben – aber der Generalintendant nahm die Hoffnung nicht, dass es eines Tages wieder soweit sein könnte.

Spannend dürfte es im Ballett werden, wenn die Direktorin selbst („wir sind noch ein bisschen im Schwanenrausch“) Tschaikowskys „Nussknacker“ in das Chemnitz um 1900 verlegen wird (Premiere: 30. November 2019).

Das Schauspiel bringt zwei bekannte Regisseure (wieder) nach Chemnitz: Ex-Schauspielchef Herbert Olschok inszeniert „Glorious“ (die wahre Geschichte der schlechtesten Opernsängerin der Welt, Florence Foster Jenkins), und Hasko Weber, heute Generalintendant am Nationaltheater Weimar, wagt sich an das legendäre (und in der DDR wohl „hunderte Male“ -Carsten Knödler – gespielte) Heldenmärchen von Jewgeni Schwarz „Der Drache“. A propos Märchen: Nach dem „fast ein bisschen Kult gewordenen“ „kleinen Lord“ (wird wieder aufgenommen) habe sich das Schauspiel „so richtig was vorgenommen“, schwärmte Knödler schon jetzt vom neuen Weihnachtsmärchen, der „Unendlichen Geschichte“ nach Michael Ende. In Zusammenarbeit mit dem Figurentheater (das übrigens auch mit der Philharmonie in Familienkonzerten auftritt) sind denn auch vom 23. November bis 28. Dezember 2019 sage und schreibe 21 Aufführungen geplant!

Lange Zähne gemacht hat Gundula Hoffmann mit der Ankündigung, es werde eine Open-air-Überraschung des Figurentheaters geben. Sprachs und verschloss vorerst ihren Mund. Aber das Figurentheater ist mit seinen Geschichten von den großen und kleinen Helden und den vielen Kooperationen mit den anderen Sparten eh gut beschäftigt. Zu Weihnachten gibt es dieses Jahr das Grimm’sche Märchen „Der Zaubermantel“ (Premiere: 23. November 2019).  Wird sicher wieder ein Renner.

Wie der neue Spielplan überhaupt viel Potenzial für eine erfolgreiche Spielzeit 2019/2020 hat. Auch und gerade, weil er sich vor der Gegenwart und ihren Brüchen nicht verschließt. Selbst Jewgeni Schwarz‘ Märchen muss nicht nur auf Satire gegen Hitler oder Stalin verstanden sein…

Tickets für alle Vorstellungen und die Programme gibt's ab sofort an den Vorverkaufsstellen und im Internet

BB Drucken Kommentare (0)
Möchten Sie diesen Artikel kommentieren?
Ich akzeptiere die Datenschutzerklärung und bin mit der Speicherung meiner Daten einverstanden.