Aus den Häusern 04. Mai 2019

Umträumungen


Premiere im Rückblick: Gestern, Freitagabend, Uraufführung von „Rauschen“, dem Gewinnerstück des Chemnitzer Theaterpreises für junge Dramatik 2019 --

Nein, kein „t“ zu viel. Sie haben richtig gelesen. „Umträumungen“ vermissen die Außerirdischen bei den Menschen. Sie verachten das kalte „Küsschen links, Küsschen rechts“, wenn Menschen so tun als ob (sie sich mögen oder so). „Als ob“ ist der dramatische rote Faden in Natalie Baudys Stück „Rauschen“, mit dem die junge Theaterfrau vor 65 anderen Arbeiten den Chemnitzer Theaterpreis für junge Dramatik 2019 gewonnen hat. „Als ob“ alles so wäre, wie es scheint, setzt der ursprünglich amerikanische Regisseur Brian Bell mit seinem Bühnen- und Kostümbildner Daniel Unger bestechend und tupfengenau in Szene. Hinter van-Gogh’schem Sonnenblumendruck lugt da schon mal das (sie sind alle „d“, die Weltall-Besucher) Außerirdische Al Tee hervor. Vier Schauspieler mimen quirlig die Irdischen und Außersolchen in einer absurden Welt, in der wir, die Menschen, die Absurdesten sind. Viel Beifall für die Akteure und die zur Uraufführung angereiste Autorin.

Sehen wir nur (oder nicht), was wir wollen? „Was heißt überhaupt echt? Bedeutet real denn unbedingt materiell existent? Fragen, die man sich aber besser gar nicht erst stellt“, heißt es im Stück. Baudy und Bell geben die Antworten. Und wir verstehen sie, oder wir lassen’s bleiben. Da schlagen Außerirdische in einer YouTube-geschwätzig unkommunikativen WG und im Wiener Hotel „mit dem schlechtesten Frühstücksbuffet, aber dem schönsten Namen der Stadt“ („Sweet“-Hotel) auf und spielen Porno-Synchronsprecher, die Spüle wird zur Badewanne, der Kopf steckt im Oberschrank, die besoffene Mitvierzigerin jammert in der Schrank-Telefonzelle, kein Stein bleibt auf dem anderen, die Heizung fährt spazieren und die Fließenwand in den Orkus.

„Gnothi seauton“ („erkenne Dich selbst“) steht schon über dem Apollo-Tempel in Delphi, und der griechische Philosoph Heraklit hat vor mehr als 2.500 Jahren festgestellt: „Allen Menschen ist zuteil, sich selbst zu erkennen und verständig zu denken.“ Theorie. Graue. Heute erst recht oder noch immer. Wir sehen die Welt durch YouTube und im TV („Sagt uns jeden einzelnen Ort, der euch einfällt und wir finden ein Bild davon in 0,003 Sekunden. Oder schneller“, bringt es der „Chor der futuristischen Bildexpertinnen“ auf den Punkt). Uns selbst, da wir uns nicht kennen oder lieben oder aus dem Blickwinkel der anderen sehen wollen/können, verstecken wir hinter Icons in SMS. Aber „Warum sollten wir ein Emoji versenden oder gar einen ganzen Satz, wenn wir doch einfach ein Bild von uns verschicken können, indem wir mimisch ganz genau unser Entsetzen, unsere Freude, unsere Langeweile darstellen können“, stellen die Philosophinnen der Natalie Baudy in bester altgriechischer Chor-Manier fingerzeigend fest.

Ja, die Baudy vertraut nicht nur auf Theater. Ab und an gibt’s diese Winke mit dem Zaunpfahl für die Nichtkapierer. Aber sonst kann sich jeder sein Bild machen. Auch von sich. Vielleicht wird es sogar ein Richtigeres, wenn da ein paar Außerirdische reinschneien, die Pornos bestöhnen oder Handys anfressen. Am Ende jedenfalls heulen die Irdischen Normalos schon ein bisschen den Von-ganz-weit-weg-Fremden nach. Und auch die lösen sich heimwehgetrieben nicht ohne Bedauern in Luft auf.

Baudys Science fiction über die heillos auseinander driftende Gesellschaft, in der Apps die Freunde ersetzen, alles „leicht sein muss“ und die Technik menschliche Wärme in den Eisschrank verbannt hat, kommt bisweilen als bitterböse Komödie daher. Man redet nicht mehr miteinander, sondern man erzählt, was man sagt oder tut. Man postet sich gewissermaßen – wenn auch ohne Handy. Und in einer bestechend klaren Diktion. Die Außerirdischen („Unsere Bilder sind universell, Sprachbarrieren gibt es nicht. Unsere Sprache ist Ästhetik, Grammatik braucht es nicht“) verstehen sich blind. Die Irdischen, wenn überhaupt, in der (Facebook-)Gruppe –Baudy komponiert dafür Sprechchöre. Mit Quintessenzen auf dem Punkt.

Die vier Schauspieler spielen nicht nur die drei WG-Bewohner und die „ziemlich betrunkene Frau“, sondern auch die Außerirdischen. Und dann sind sie auch Chor (der schon mal auch Regieanweisungen zitiert). Andrea Zwicky, Lauretta van de Merwe, Marko Bullack und Martin Esser geben alles, hauen sich Köpfe und Knie an, dass es den Zuschauern wehtut, stecken in Schränken und Kommoden. Requisiten braucht’s kaum, da mal ein Schlüsselbund, dort ein Glas. Sonst bleibt alles dem Zuschauer überlassen, der hoffentlich das „als ob“ erkennt. Das Bett kann ein Stuhl sein, die Badewanne eine Spüle. Und die Vorhänge bauschen sich im Rauschen des Windes.

Im Ostflügel sitzen die Zuschauer ganz nah am Geschehen. Jeder Gesichtszug ist zu sehen, jede Silbe hörbar. Regisseur Brian Bell und die Schauspieler haben miteinander eine Bewegungs- und Sprachchoreografie entwickelt, die  von der ersten bis zur letzten der knapp 80 Minuten wirkt. Jeder Griff auf der und durch die Wände der sich langsam in Einzelteile zerlegenden dreigeteilten Drehbühne sitzt. Und jedes Wort – das direkte, das indirekte in der Erzählung, die Chöre.

Große Leistung. Gutes Stück. Zu Recht mit dem Theaterpreis ausgezeichnet. Starker Beifall.

Die nächsten Vorstellungen: 9. und 24. Mai, 1. und 7. Juni

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