Aus den Häusern 26. Mai 2019

Arme Frauen. Die Ohnmacht der Liebe


Premiere im Rückblick: Regisseur Robert Lehmeier krempelt Beethovens „Fidelio“ um – Den Leuten gefällt’s --

Am Ende gehört Leonore zu den Verlierern. Die Liebe hat gesiegt. Aber es war ein ohnmächtiger Pyrrhus-Sieg. Leonores Mann Florestan, eben aus dem Kellerkerker befreit, ist bereits wieder machtblauuniformierter Don. Der erwischte Übeltäter Pizarro entfleucht, nochmal ein diabolisches Grinsen zurücklassend, durch die hohle Gasse, wohin ihm die Mächtigen folgen, die ihn wohl demnächst zum Staatssekretär in einem anderen Ressort mit zwei Gehaltsstufen mehr befördern werden. Die moralische Siegerin Leonore bleibt betröppelt zurück wie ihre arme, jüngst gewonnene Herzschwester Marzelline, die den Brautschleier resignierend brüsk zurückweist, den ihr der Ex-Geliebte als letzten Liebeserweis antun will. Die Revolution bleibt aus. Das bauhausbunt gewandete Volk (Kostüme: Ingeborg Bernerth in entsprechend giftgrünen Pumps) gestikuliert nichts hören, nichts sehen – nichts sagen fehlt. Dafür singt es „Heil sei dem Tag, heil sei der Stunde“. Am langanhaltenden Beifall des Publikums (darunter anfänglich auch Kunstministerin Eva-Maria Stange) gemessen kam Lehmeiers Sichtweise bei der Premiere am Samstagabend im fast voll besetzten Chemnitzer Opernhaus gut an.

Vor allem Marzelline hat es Lehmeier angetan, die kleine enttäuschte, einzig wahr liebende schlussendlich Betrogene (Guibee Yang). Aus ihrer Perspektive erzählt er seine heutzutagige Vision der Geschichte, die Beethoven und seine Librettisten so, vielleicht aber auch ganz anders erdacht haben. Marzellines Gedanken aus dem Off (Christine Gabsch vom Chemnitzer Schauspiel, manchmal etwas früh in den Zwischenbeifall eingespielt) ersetzen die oft langen Monologe des Originals, die allen Dramaturgen der einigen Beethoven-Oper die Haare zu Berg stehen lassen. Die Off-Gedanken-Idee hat durchaus auch aufführungspraktische Gründe: Von den Hauptrollen haben Deutsch als Muttersprache nur Don Fernando (Andreas Beinhauer) und Kerkermeister Rocco (Magnus Piontek). Krisztián Cser, der böse Pizarro, ist Ungar. Florestan Viktor Antipenko ist in St. Petersburg geboren, Pauliina Linnosaari (Fidelio/Leonore) ist Finnin, Guibee Yang (die herrlich deutsch spricht) stammt aus Südkorea, ihr Liebesverfolger Jaquino (Siyabonga Maqungo) ist Südafrikaner aus Soweto. Sein gesungenes Deutsch war gut zu verstehen, bei anderen (Linnosaari) halfen die Übertitel.

Ein großes Familienheim im Rohbau beherrscht die sonst fast leere Bühne (Bühne: Tom Musch) – in Modellversion zu Beginn erträumter marzellinischer Sehnsuchtsort nach Familie, Liebe, Normalität, am Ende gestreichelter Schadensersatz für zwei Jahre unschuldiger Kerkerhaft Florestans. Ein todbringender Kellerkerker als Basis – das kann ja nichts werden mit dem Familienglück, suggeriert Lehmeier, und lässt auch gleich die Gefangenen auf der Baustelle bis hoch unters noch nicht vorhandene Dach die Lust besingen, „in freier Luft den Atem leicht zu heben! Nur hier, nur hier ist Leben! Der Kerker eine Gruft.“

Wer im Publikum den Atem leicht hob, meinte, die Würste vom Grill Roccos zu riechen, die auf Pappteller auch dem „o Herr“ Pizarro angeboten werden, die beiden Kästen Bier haben die martialischen vorher noch pistolenschwingenden Security-Chorherren Pizarros schon zur Brust genommen. Solcher Art „Realismus“ mag Lehmeier, dann wieder lässt er weg, was eh offensichtlich scheint – warum zum Teufel muss man auch erzählen, warum „zum Henker das ewige Pochen“ Jaquino den Nerv raubt, oder warum Fidelio jetzt schon manches besser kann als sein Ziehvater Rocco, der ihn, ist auch genügend Gold daneben, als Schwiegersohn lieber hätte als den liebesdusselige Pförtner, oder warum der im Kerker vor drei Plastebechern schmachtende Florestan für das Gottesgeschenk eines in Stanniol eingewickelten Butterbrotes seinen Dank zum Himmel tenort, obwohl es ihm doch offensichtlich am blitzblanken Tisch in seinem höchst sauberen Kerker, der weder den weißen Turnschuhen noch dem frisch gewaschenen T-Shirt was anhaben kann , relativ gut geht. Und sein „Gott! Welch Dunkel hier“ träumt er wohl nur – zwei Meter rechts oder links ist es strahlend hell.

Lehmeier liebt aber auch die Symbolik. Nicht drunten im Kerker darf Leonore ihrem Gatten die Ketten lösen (von denen nur gesungen wird). Daraus wird oben beim Fest ein Staatsakt: Die Handschellen werden dem längst wieder etablierten Florestan um die Hände gelegt, und Leonore darf sie aufschließen – symbolträchtig, wie wenn Politiker das Eröffnungsband für eine neue Straße durchschneiden. Immerhin ist Leonore da schon als Frau erkennbar – als sie im Kerker davon singt, dass sie plötzlich Frau ist, verändert sich  - nichts.  Keine langen blonden Haare kommen unter einem Käppi zu Vorschein wie in anderen Aufführungen, oder der aufgezipte Anorak enthüllt weibliche Formen. Man muss ja nicht alles zeigen, was eh gesungen wird.

Gesungen wurde über weite Strecken beachtlich. Guibee Yang als zerbrechliche Marzelline wusste, wann sie sich glaubwürdig selbst hinter der Macht des Orchesters zurücknehmen konnte, und wann sie in den Ensembles die helle Führung der Melodie übernehmen musste. Cser, zwar fast immer mit den Händen in Hosentaschen, dann aber auch die Umwelt samt Gefangene dirigierend wie der Machomachtpolitiker höchstselbst, gab seiner Stimme satanisch zynisches Timbre. Antipenkos Florestan ist der Lehmeier-Regie folgend kein Gänsehaut über den Rücken jagender, gequälter Gruftbegrabener, dem nach zwei Jahren Dunkelheit ein Sonnenstrahl neues Leben schenkt, sondern ein selbstbewusster Stimmmodulierer, der sogar aktenzerreissend seiner Leonore Liebe und Dank  über den Tisch hinweg via Stimmbänder zuwirft. Pauliina Linnosaari gewinnt zunehmend, je mehr sie von Fidelio zu Leonore wird, Magnus Piontek ist auch als Rocco ein Hunding, wie wir ihn erlebt haben. Den Chor und die Gäste hatte Stefan Bilz wieder bestens vorbereitet.

In einer Schlüsselszene treffen sich vor dem Vorhang Marzelline und Leonore. Stumm kommen sie sich näher – wir wissen nicht, ob Marzellines Kuss an „den“ Ex-Geliebten Verzeihung für die böse Täuschung und Verletzung der Gefühle signalisieren soll, oder die Hochachtung vor dem Mut der Fidelio-Leonore, oder ob es ein stummer Verbrüderungskuss der „armen“ vergeblich liebenden Frauen ist. In dieser Szene folgt Lehmeier der Stimmung der Musik bis in die kleinste Geste. Vielleicht spiegelt sich im Gedächtnis Marzellines bei der eingeschobenen Leonoren-Ouvertüre auch nochmal das ganz Geschehen wider. Wie auch immer: Diese Szene war auch musikalisch ein Höhepunkt der Premiere. (Sogar bei den Hörnern).

GMD Guillermo García Calvo legte seinen „Fidelio“ nicht romantisch an, wie die Oper im 19. Und 20. Jahrhundert gern „verkauft“ wurde. Das hätte auch nicht zur Lehmeier-Intention gepasst. Aber er zeigte unmissverständlich, wie er Beethoven versteht mit all dessen leiser Empfindung, furioser Kraft und glänzendem Strahlen. Und er nahm die Partitur flüssig, wo angebracht – und entging so jedem mitsummfordernden Melodienkitsch (dem viele Dirigenten beim Gefangenenchor erliegen).

Der „Fidelio“ war die letzte Premiere der Oper in dieser Spielzeit. Er wird nach zwei weiteren Vorstellungen am 15. und 23. Juni in die nächste Spielzeit übernommen. Der langanhaltende, mit Bravi für die Sänger und die Robert-Schumann-Philharmonie gespickte Beifall bei der Premiere wird sich rumsprechen und für gut besetzte Ränge sorgen…

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V.Vogel
Ich besuchte als langjährige Theater/Musikbegeisterte die 2. Aufführung. Ich bin entsetzt. Enttäuscht. Was darf ein Regieteam Beethoven, einem unvergleichlichen Werk antun? Diese Verschandelung ist für mich Anmaßung. Er sollte seine Gage zurück geben. Herrliche Sängerinnen, fast alle anderen Stimmen, sehr bewegender Orchesterklang - wie gewohnt - retteten den Abend. Diese Oper gehört zur Urbildung. Über Generationen. Heute gerade. Einfach ärgerlich und schade. Absetzen und konzertant mit eingebundener Einführung aufführen.
Vor 26 Tagen | darauf antworten
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