Aus den Häusern 22. September 2019

Mitreißender Start in die neue Spielzeit


Warum das fast 70 Jahre alte Kammerspiel um die „12 Geschworenen“ aktueller sein kann denn je --

Carsten Knödler kann höchst zufrieden sein. Die erste Premiere in der neuen Spielzeit sah ein bis auf den letzten Platz besetztes Haus. Und am Ende prasselte heller Zustimmungs-Beifall, ein einsames Bravo dazwischen. Nicht, weil’s den anderen nicht gefallen hätte, im Gegenteil. Zu sehr war das Publikum selbst mitgerissen und angerührt von dem, was da oben auf der Bühne abgegangen war. „Gnothi seauton – erkenne Dich selbst“ stand schon vor mehr als 2000 Jahren auf dem Apollo-Tempel in Delphi. Die Zuschauer am Samstagabend erkannten sich und ihr Umfeld – in einem Stück, das fast 70 Jahre alt ist und in den 50-er Jahren erste Erfolge feierte. Der Schauspieldirektor und sein Team hatten das Gerichtsdrama von Reginald Rose und dessen deutsche Neubearbeitung von Horst Budjuhn aus den 70er Jahren so geschickt in die Jetztzeit gebracht, dass niemand unberührt blieb.

Der Wasserspender rechts auf der Bühne darf ruhig wie aus Schwarzweißfilmen herübergerettet scheinen (Bühne: Frank Hänig), die Todesstrafe ist in Deutschland längst abgeschafft (in der Bundesrepublik seit 1949 mit dem Grundgesetz, in der DDR seit 1987), und Geschworenengerichte gibt es in Deutschland seit Ewigkeiten auch nicht mehr. Aber immer noch gibt es Menschen wie jene 12 Geschworenen, die über andere bestimmen wollen, obwohl sie mit sich selbst nicht klarkommen, in Gruppen den großen Maxe spielen, dem Mainstream folgen, ohne selbst nachzudenken, „die aus dem Osten“ für Fremde halten und die von unten für immer als „Untermenschen“ deklarieren. Die die Schnauze aufreißen, je mehr sie Unrecht haben und meinen, wenn sie ein paar auf ihrer Seite haben, sei das Recht. Und nicht rechts.

Knödlers erster Kniff: Er holt in die (aufzubrechende, auch Gedanken-)Sperrkammer der Geschworenen auch drei Frauen. (Im berühmten Lumet-Film, dem die „Brücke am Kwai“ die verdienten Oscars klaute, agierten wie in der späteren deutschen Filmfassung nur Männer). Sie behaupten sich in der tätowierschreienden, kleinbankerbonbonslutschenden oder oberflächengeelenden Werberwelt (Klischee, aber Rose muss es ja wissen, er stammt aus dieser Branche) nicht weil sie Frauen, sondern weil sie gut sind.

Da ist Christine Gabsch (Nr.9). Die „alte“ Dame hat gelernt, dass man lieber zweimal hinschaut, ehe man ein vorschnelles Urteil fällt. Sie hat den Durchblick und weiß, was Gesehenes bedeuten kann. So überzeugt sie letztlich auch die Kollegin Susanne Stein (Nr.4), die Maklerin, der man abnimmt, wie sehr ihr diese vom Geld - und auch sonst von nix ne - Ahnung-Leute auf den Keks gehen, ehe sie erkennen muss, dass Kleinigkeiten wie Brillenrillen an der Nasenwurzel den elektrischen Stuhl lahmlegen können. Und da ist die Chemikerin Andrea Zwicky aus dem Osten, die ein besseres Deutsch spricht als die Egodeutschen, die den Unterschied kennt zwischen scheinbar und anscheinend, aber auch zwischen Diktatur und Demokratie. Und die trotz aller „Idioten“ gern in einem Land lebt, das nach Grundgesetz und EU-Richtlinien ausgerichtet ist, und wo nicht der korrupte Palast oder die johlende Straße für (Un-)Recht sorgt.

René Schmidt (in dieser deutschen Geschworenenkammer) halbbayerischer Ordnungs- und Heimat-Obmann (großartig gespielt), hat alle Mühe, den divergierenden Haufen kruder Gedanken- und Tatenmenschen zu einem Ergebnis zu führen, ohne dass Blut fließt. Sie reden und quatschen, ohne dass sie auch nur ihre Namen kennen (Reginald Rose gibt ständig kleine, spannende Winke). Aber immer, wenn sie zum Denken kommen und die Rest-Bytes auf ihren Festplatten im Kopf sich zusammenfinden, dann merken sie, dass dieses „Nicht schuldig“ große Überwindung kostet, vielleicht sogar Wahrheit schafft, oder gar Frieden. Im besten Fall Gerechtigkeit. Gleichheit. Menschlichkeit.

Da hält dann der gewandelte Andreas Man-Kozár (Nr.2), der Bankschalter-Zwerg mit seinen Hustenbonbons, seinen Bekehrungsmonolog, goethisch fast, nicht mehr stotternd labernd wie zu Beginn. Wolfgang Adam (Nr.5), der alte Weise, weiß, auch wenn er jetzt graue Eminenz ist, aus seiner Slum-Jugend, wie ein 17-jähriger Puertoricaner das Messer geführt hätte, Konstantin Weber (Nr. 6), der kleine Handwerker mit Grundsätzen, der sich aus Achtung vor dem Gericht und der ungewohnten Aufgabe erstmals wieder in den zu klein gewordenen Anzug gezwängt hat (Kostüme höchst passend: Teresa Monfared), wird ganz groß, als man der alten Dame das Wort stehlen will, Martin Esser (Nr. 7) ist Marmeladenverkäufer, der stolz ist auf 37.000 Euronen, die er „gemacht“ hat, und Sportfan, dem alles, auch dass ein Unschuldiger möglicherweise auf dem elektrischen Stuhl brutzeln soll, wurscht ist, wenn er nur zum Spiel seiner Mannschaft kommt. Er wird zum geprügelten Hund, als die anderen ihn verachten, weil er sein Fähnchen nur nach dem stärkeren Wind ausrichtet. Christian Ruth (Nr. 10) spielt den armseligen Rassisten, für den schuld ist, wer von unten kommt, ehe er mit wachsender kollektiver Einsicht bedröppelt an der Wand steht wie das Kind, das dereinst die Lehrerin in die Ecke gestellt hat. Und Alexander Ganz (Nr.12), der anfänglich meint, mit ein bisschen Farbe und Abstimmungslarifari eine schöne neue heile Welt schaffen zu können, wechselt (macht er sonst ja auch: der Kunde ist König) dreimal seine Meinung, bis er spürt, dass er heute keinen Stich macht.

Die Protagonisten des Spiels (?) – oder des Kampfs – sind Dirk Glodde (Nr.8) und Marko Dyrlich (Nr.3). Glodde, der stets Beherrschte, der als Architekt weiß, wieviel Scheiß-Statik hinter schönen Fassaden verborgen sein kann, ist der einzige, der Zweifel hegt, deswegen aber nicht die Weisheit mit Löffeln gefressen hat, und der einzige, der zuhören kann. Der als denkender Mensch die schlampige Arbeit des Pflichtverteidigers übernimmt (die notwendige Aufarbeitung des Sachverhalts ist nach einer sechstägigen Verhandlung nicht Aufgabe der Jury.  Das ist eine Schwäche im Stück, die Rose erkannte und immer wieder mit Hinweisen auf den schlechten Verteidiger zu kaschieren versucht – was dem Stück im Übrigen keinen Abbruch tut), Glodde herrscht beherrscht. Und mutig. Selbst als ihm (fast) das Messer Marko Dyrlichs (Nr.3) von oben ins Herz stechen will.

Dyrlich, Bösewicht vom Dienst in vielen TV-Krimis und -Serien, ein tätowierter Angst machender Kämpfer, der sich noch nicht mal schüttelt, als ihm der der angebliche Judoka-Hänfling Nr.6 droht,  hat ein Leben lang gekämpft und sich durchgeboxt, bis er war, wo er ist. Das will und tut er auch hier. Doch die anderen elf sind wie sein Sohn, kapieren nicht, dass er will, dass sie es besser haben sollen. Erschüttert erkennt er am Ende, dass er den Gefangenen bestrafen wollte, weil ihm der eigene Sohn mit dem Messer an die Gurgel ging.

Eine großartige Besetzung von Einzelkönnern, die Carsten Knödler zusammengestellt hat. Und die er höchst stimmig bis in kleine Einzelheiten geführt hat. Wenn die Gabsch zittrig einen paar Tropfen Wasser zum Mund führt, Martin Esser spöttisch sein Sweatshirt unter den Kopf des die Szene nachspielenden Glodde kaspert, oder Dyrlich das Messer gegen Glodde hebt – das ist alles bis in Kleinigkeiten so spannend gemacht, das keiner Im Zuschauerraum kalt bleibt. Sprache und hinzugeschriebene Texte (Knödler und Dramaturgin Friederike Spindler) tun ein Übriges und Entscheidendes, dass aus Typen Menschen werden, die sein können wie Du und ich oder Nachbarn und Bekannte, und Szenen, wie wir sie alle in Diskussionen oder Gesprächsverweigerungen von und mit Andersdenken erlebt haben und erleben. Gerade heutzutage.

Ein Auftakt in die neue Spielzeit im Schauspielhaus Chemnitz nach Maß. Gleich die erste Premiere ein Highlight. So kann’s weiter gehen.

BB Drucken Kommentare (0)
Möchten Sie diesen Artikel kommentieren?
Ich akzeptiere die Datenschutzerklärung und bin mit der Speicherung meiner Daten einverstanden.

Förderverein der Städtischen Theater Chemnitz e.V. | Käthe-Kollwitz-Straße 7 | 09111 Chemnitz | Telefon: 0371 / 24 08 14 68 | info@theaterfoerderverein-chemnitz.de