Aus den Häusern 24. November 2019

Verflixt, die Sache mit dem Wünschen und Wollen


Premiere im Rückblick: In einer aufwändigen Produktion präsentiert das Schauspiel Chemnitz Groß und Klein Michael Endes „Unendliche Geschichte“ --

Mehr als 30 Mal spielen die Schauspielerinnen und Schauspieler des Theaters Chemnitz in den nächsten Tagen und Wochen Silke Johanna Fischers Fassung von Michael Endes Roman „Die unendliche Geschichte“. Zu ganz verschiedenen Zeiten, vormittags, mittags und abends, manchmal zweimal am Tag. Entsprechend aufwändig Bühnenbild und Kostüme für das diesjährige Märchen in der Weihnachtszeit, das möglichst vielen Zuschauern Freude machen soll. Macht es, wenn man die Premiere am Samstag als Maßstab nimmt. Einhellig dankbarer Jubel von Groß und Klein im ausverkauften Schauspielhaus für ein Märchen voll überbordender Fantasie.

Kein „warmes“ Weihnachtsmärchen also diesmal, keine Herz-, Schmerz-, Glückstränen-Geschichte, sondern ein fantastisches Feuerwerk mit so viel tollen optischen Eindrücken, dass sich nicht nur die vielen Kinder und Enkel fragten „Wie machen die das nur?“, sondern auch die Väter und Großmütter.

Stefan Morgenstern (Bühne, Kostüme und Puppenentwurf) hat das Fantásialand auf der Bühne so traumhaft ausgestattet, dass sich die Zuschauer selbst wie im Märchenland daheim fühlten. Da wanken Berge, zucken Blitze,  leuchten plötzlich Augen auf, es knallt und zischt und funk(el)t, ein gigantische Panzerriese hallt dröhnend dräuende Weisheiten, der gerettete Glücksdrache Fuchur erweist sich als dankbarer Freund und bringt im Video (Petersens Film, den Michael Ende ablehnte, lässt grüßen) über den Wolken den kleinen Bastian Balthasar Bux heim, Fabelwesen tauchen auf, und kluge Tiere wie der Löwe Graógramán oder Argax, der Affe.  

Große Klasse, wie die Puppenspieler Mona Krueger und Matthias Redekop dem Affen Kletterleben einhauchen und Fuchur zum Glücksdrachen tänzeln. Überhaupt: die Zusammenarbeit mit dem Figurentheater ist höchst gelungen – in diesem Zusammenhang ein ganz besonders dickes Kompliment an die Kostüm- und Puppenbauer Carsten Bürger, Yvonne Beier und Jördis Meister. Sie greifen in alle Trick- und Künstlerkisten für Staunen machende Optik, Steffan Claußner sorgt mit bisweilen überirdischen Klängen für kribbelnd fantastische Atmosphäre.

Silke Johanna Fischer gelingt mit ihrer Bühnenfassung das Kunststück, dass die ganz Kleinen ganz große Augen kriegen vor dem, was sich da im Fantásialand tut,  auch wenn sie noch nicht kapieren, was Ende den Größeren ins Stammbuch schreibt: Es ist eine verflixte Sache mit dem Wünschen und Wollen. Wer nur alles wünscht und kriegt, wird nicht glücklich. Nur wer weiß, was er wirklich will, findet zu sich selbst – und findet, so muss es auf dem Theater sein, die Liebe eines anderen Menschen wie Bastian Balthasar Bux, der ungeliebte Loser, am Ende seinen Vater in die Arme schließen kann.

Es zeichnet seit Jahren das Ensemble des Chemnitzer Schauspiels aus, dass es gerade Stücke für Kinder und Familien mit besonderer Liebe spielt und nicht einfach nur den Saal (oder die Traversen im Küchwald – Silke Johanna Fischer hat auch „die kleine Hexe“ im Sommer dort inszeniert) füllen will. Sonst mimen sie alle großen Rollen der Weltliteratur – hier sind sie sich für nichts zu schade, ihren großen und kleinen Bewunderern Freude zu machen.

So spielt Philipp von Schön-Angerer nicht nur den Vater, sondern schlüpft gleich auch in die Rollen des Felsenbeißers Pjörnrachzak (an dessen Namen man sich eh die Zunge abbeißt) oder löwt bräsig als Graógramán. Wolfgang Adam und Susanne Stein sind hinter Masken die herrlichen Altnörgler Engywuck und Urgl am Felsen-A… der Welt, Adam gibt auch den wie aus einem Spitzweg-Bild herausgetretenen Antiquar Karl Konrad Koreander, und Susanne Stein die Blumendame Aióla, die – selbst mit viel Spaß an der Freud‘ - es „aber diesmal“ textbuchuntreu schafft, radelnd nicht wieder fast über die Kulisse zu stürzen.

Selbst Bastian Balthasar Bux (Alexander Ganz) darf sich nicht nur mit seiner Hauptrolle begnügen – das darf friedstiftend helfend nur der liebe Winnetou-NschoTschi-Verschnitt Atréju (Konstantin Weber). Auch Lauretta van de Merwe ist nicht nur die namenlose kindliche Kaiserin, um deren Fantásiawelt-Rettung die ganze Geschichte dreht, sondern – neben drei weiteren Rollen – auch das quirlige LED-flackernde Irrlicht Blubb.

Großer Aufwand – in den Garderoben beim ständigen Umziehen, vor und hinter den Kulissen, im glänzend eingesetzten Licht (Matthias Klemm) und den charakteristischen Tier-Tönen wie aus einer anderen Welt (Ton: Sebastian Mansch). Und erst die herrlichen Bühnenkonstruktionen, die auftauchen und verschwinden, als gäbe es unendlichen Platz auf, neben, hinter und über der Bühne (von wegen…) – Meisterleistung der Werkstätten. (Wie einfach war da die Arbeit etwa an den „Zwölf Geschworenen“…)

Ein großer Abend des gesamten Schauspielhauses, um vielen hundert Chemnitzern in der Weihnachtszeit Freude zu machen. Habt Ihr geschafft. Danke!. Zurecht die Anerkennung noch am Samstagabend auf Facebook von ganz oben.  Ralph Burghart, nicht nur Kulturbürgermeister, sondern auch Aufsichtsratsvorsitzender der Theater Chemnitz, postete begeistert: „Eine tolle Premiere! Für Groß und Klein!“

Die Vorstellung heute Nachmittag ist ausverkauft. Für welche Vorstellungen es noch Karten gibt, erfahren Sie hier.

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