Aus den Häusern 02. März 2020

Der kleine Krieg


Repertoire (Sonntag): Alle Verlierer? – Nina Mattenklotz bringt Tennessee Williams „Glasmenagerie“ als packende Parabel für unsere Welt auf die Drehbühne des Chemnitzer Schauspielhauses--

Tennessee Williams schrieb seine „Glasmenagerie“ mitten im Zweiten Weltkrieg. Aber das Stück handelt  nicht vom Irrsinn des Völkermords, vom Tod Tausender US-Soldaten oder der Trauer der Mütter. Es beleuchtet einen ganz anderen Krieg: den alltäglichen kleinen, den in der Familie, in der jeden Tag gekämpft wird, es sich aber immer um dasselbe dreht, es nur Verlierer gibt und keine Hoffnung, weil kein Ich das Du versteht. Da kann es keinen Frieden geben. Die „Glasmenagerie“ ebnete Williams den Weg zum Weltautor, der Gültiges zu sagen hat. Gute Wahl, das Stück im Zeitalter der Kommunikationsverweigerung und der Spaltung der Gesellschaft jetzt auf die Bühne zu bringen. Nina Mattenklotz erzählt in Chemnitz  eine bedrückend moderne Parabel enttäuschter Erwartungen. Nach der ausverkauften Premiere am Freitag war auch die zweite Vorstellung am Sonntag gut besucht. Die betroffenen Zuschauer dankten den Schauspielern mit langem Beifall.

Nina Mattenklotz hat mehrfach in Chemnitz inszeniert. Ganz unterschiedliche Stücke – aber irgendwie miteinander verwandt. Schon in Uta Bierbaums „Die Zärtlichkeit der Hunde“ (2016) suchten vier eng verbundene Menschen (vergeblich) Liebe, Nähe, Zärtlichkeit. „Wenn jeder Freiheit für sich fordert, spielt es auch kaum noch eine Rolle, wie er sie für sich durchsetzen will“, schrieben wir nach ihren Schillerschen „Räubern“ (2017). Bei Hauptmann versuchen die Protagonisten den Ausbruch aus dem Alltagstrott. Aber sie bleiben „Einsame Menschen“ (2019). So wie die drei Wingfields in Williams‘ „Glasmenagerie“.

Da ist die Mutter Amanda (Ulrike Euen), ein quirliges Bündel enttäuschter Erwartungen. Schnaps und Kippen vergolden zwar den goldenen Erinnerungsahmen eines Was-hätte-wäre-wenn-Daseins, aber außer, dass sie nicht kochen kann (selbst dem erträumten Schwiegersohn serviert sie zum Begrüßungsessen nur Sandwiches - und die noch, sie bringt’s halt nicht -  unamerikanisch mit dunklem Brot), war, ist sie und wird sie sein weitab von jeder Realität. Tochter Laura (Lauretta van de Merwe) ist der leicht  behinderte, in sich gebrochene, liebe Hoffnungsstrahl, die mit ihrer Glasmenagerie von durchsichtigen Tierfiguren eine sehnsüchtige Innenwelt träumt. Ihr Bruder Tom (Alexander Ganz), der Shakespeare im Schuhkartonlager, der schon mal Realität atmet – wenn auch nur auf der Terrasse oder im Kino, darf abhauen, wie dermaleinst der Vater, würde Amanda in einem Schwiegersohn den neuen Versorger gefunden haben. Sein Kollege Jim (Konstantin Weber) könnte das sein. Doch ein schüchterner Kuss zerbricht nicht nur die Fantasiewelt und das Ein-Horn ab, ganz real ist Jim schon vergeben. In der Wingfields-Traumwelt gibt es kein Märchen-Happyend. Nur ein schweigendes Schwelgen in geschönten Erinnerungen. Oder die Flucht. Auch Tom haut ab, wie einst der Vater. „ Der Mann denkt! – und die Frau lenkt ein!“, sagt Amanda einmal in einem Anflug von Selbsterkenntnis…

Ich habe das „ein“ aus dem Originaltext zwar nicht gehört. Falls es gestrichen wurde, auch kein Fehler – das wäre nur ein weiterer Akzent für die permanente Selbstüberschätzung der Mutter. Die – trotz Mikroports – schwierige Akustik ist das einzige leichte Manko dieses faszinierenden Abends. Die Zuschauer (und die gerade nicht beteiligten Schauspieler – schafft noch mehr Nähe) sitzen rund um die Drehbühne herum, wie in der Proszeniumsloge einer Zirkusmanege, ganz nah und getroffen von dem, was sich da an sprachgewaltiger Sprachlosigkeit (Amanda), stereotypischen Ausbruchsversuchen (Tom), Ich-will-Ich-nicht-Prinzessin-sein Laura) abspielt. Jeder kennt das aus dem Freundes- und Bekanntenkreis, spricht auch gern drüber. Und zuckt getroffen und schweigt, wenn er – schnell verdrängt – an sich selbst denkt.

Nina Mattenkotz und Johanna Pfau (Bühne und Kostüme)  brauchen keinen großen Aufwand, um ihre Botschaft zu illustrieren. Bei „Einsame Menschen“ war es der leere Swimmingpool, hier ist es die alltagstretmühlig ständig bewegte Drehbühne. Tom, mit einem roten Clownsball auf der Nase, führt in bester (epischtheatralischer) Brechtmanier in die zirzensische Fantasieerinnungswelt ein, in die er dann als Mitspieler hineinspringt. Ein paar aufgeklebte Flitter auf den Gesichtern oder ein selbstgemachter Goldwunschregen reichen, um falsche Träume platzen zu lassen. Ausbruchsversuche – der brave Brötchenverdiener Tom schmeißt sich zum ekstatischen Tanz  in ein  langes Abendkleid, die Ich-möchte-nicht-Prinzessin-sein Laura dagegen reißt sich ihr Kleidchen runter, nur um sich in ihrer Bodynatürlichkeit nackt zu fühlen – scheitern -  fantastische Bilder ohne Worte in einer Miteinander nur vortäuschenden Welt.

Überlegte Regie, schlicht eindrucksvolle Bühne (glänzende Idee das Glasmenagerie-Mobile im Fantasiehimmel), kluge Dramaturgie (Kathrin Brune - allein der Kafka-Essay zur Familie im Programmheft!), exzellente Lichtführung, gekonnt eingesetzte Musik (Tobias Brunn), atmosphärisch verdichtende Videos (Chemnitzer Filmwerkstatt) und ein hautnah erlebtes, bemerkenswertes SchauspielerInnen-Quartett – wieder ein Tennessee Williams auf der Hinterbühne des Chemnitzer Schauspielhauses, der Spuren hinterlässt wie damals (2015) Williams‘ „Camino real“.

Die nächsten Aufführungen: 13., 25. März, 8. April 2020

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