Aus den Häusern 06. März 2020

Der Commander am Cello


7. Sinfoniekonzert  (Donnerstag): Warum das für Chemnitz und die Robert-Schumann-Philharmonieein ganz besonderes Konzert war -

Das kommt nicht aller Tage vor. Der Solist verstaut in der Pause sein teures Stradivari-Cello („Marquis de Corberon“ von 1726), schlüpft in seine Jeans und hört sich, mitten im Publikum den zweiten Teil des 7. Sinfoniekonzerts an. Steven Isserlis, Commander of the British Empire, will genießen, wie dieses wunderbare Orchester, das ihn vorhin so toll begleitet hat, unter der Leitung des kurzfristig eingesprungenen Chinesen Lan Shui (der vorgesehene Karel Mark Chichon war krank geworden) die beiden Tondichtungen „Don Juan“ (uraufgeführt in Weimar) und „Tod und Verklärung“ (UA in Eisenach) zelebrieren wird. Dabei wissen wohl weder der britische Commander noch der chinesische Chef, welch enge Beziehungen Richard Strauss ausgerechnet zu Chemnitz hatte – und zum Orchester der sächsischen Stadt.

Strauss war oft in Chemnitz, hat hier auch seinen „Rosenkavalier“ dirigiert (1925). Und er hatte sogar eine feste Bleibe hier. Der Fabrikant Oscar Freiherr von Kohorn zu Kornegg hatte ihm ständig ein Zimmer in seiner Villa (gegenüber der Villa Esche) reserviert. Strauss war happy und komponierte, so im Vorbeigehen, den „Rosenkavalier“ musste er ja nicht verinnerlichen, eine Lobes-„Hymne für das Haus Kohorn“. Ein gewisser Alexander Ritter hatte Strauss wohl mit Chemnitz in Verbindung gebracht. Der Mann war Komponist und Poet dazu. Und von ihm stammen die Verse, die Strauss „Tod und Verklärung“ vorangesetzt hat.

Über die Geschichte haben wir schon einmal berichtet. Können Sie hier nachlesen. Wichtiger: Strauss – wie viele andere Große der Musik (darunter Bruno Walter, Schönberg, Reger, Hindemith – war begeistert von dem Vorläufer der Robert-Schumann-Philharmonie, dem schon 1833 (vor den Wienern und den Berlinern!) von Wilhelm August Mejo gegründeten Städtischen Orchester der Industriestadt. Der „vorzüglichen Städtischen Kapelle zu Chemnitz“ dankte der Komponist „aufs wärmste für ihre Hingabe an das Werk und die Erfüllung meiner Intention“ (Eintrag ins Gästebuch des Orchesters, 1916).

Ich bin sicher, am Donnerstag hätte Stauss noch ein anerkennendes Ausrufezeichen dahinter gesetzt, wenn nicht zwei oder drei. Und der KompPoet-Ritter hätte sich noch mehr gewünscht, dass er bei diesem Orchester zum Zug gekommen wäre, damals vor mehr als 100 Jahren.

Strauss spielen, ist dankbar für die Musiker. Aber auch sauschwer. Und bisweilen nah am Horror. Die Anfangstakte von „Don Juan“ sind aus dem Kalten teuflisch. Aber wenn sie daneben gehen, geht der forsche Herzensbrecher von Anfang an am Krückstock.

A propos Stock oder Stab: Hier ist ein Wort zum Dirigenten vonnöten. Lan Shui, einst Schüler von Bernstein und Masur, dirigiert die Millionen-Noten-Dichtungen des jungen, überschwänglichen Strauss auswendig! Und keine Stimmgruppe muss sich um den kleinsten Einsatz oder die ausholende Melodiekraft sorgen. Lan Shui ist höchste Präzision als Person und musikalischer Motivator in einem. Er spornt die Instrumentengruppen zu Höchstleistungen an (bei den beiden Strauss-Kompositionen geht’s mitunter recht martialisch-deftig zu), und er legt sie mit kaum wahrnehmbaren Bewegungen in staunenswerte Pianissimo-Ruhe und -Gelassenheit. Dabei bettet er die zahlreichen Solisten so wohlig in die Orchesterdaunen, dass sie unbeschwert vor sich hinträumen und schwärmen können: Heidrun Sandmann (Violine), der zum Niederknien schön blasende Oboist Peter Wenzel, auch die Hörner (Ehre wem Ehre gebührt!). Und, wenn auch eher aufschreckend, den höchst präzise donnernden Weckruf-Pauker Jens Gagelmann. Kompliment auch an alle andren für deren kleinere solistische Aufgaben. Großartig.

Eine Mammutaufgabe als Solist hat der Cellist im Schumann-Konzert. Nicht nur, weil Schumann für den ersten Satz (besser: den ersten Teil der in sich verwobenen drei Sätze) mit einer höllisch schnellen Metronomangabe gefordert hat. (Hält sich fast keiner dran…) Steven Isserlis, der unvergessbare Lockenkopf, macht mit seinem Millionen-Cello, was er will. Der Commander kommandiert Noten und Publikum. Er beherrscht das Stradivari, ob er es streichelt, schnelle Sechzehntel-Passagen knallt, die Saiten mit links und rechts zupft (zwei Zugaben!) oder mit den Orchesterstimmgruppen (auch in körperlicher Hinwendung) Frage und Antwort oder schelmisch Katz und Maus zu spielen. Der internationale Star weiß, wie man das Orchester für sich gewinnt (die bogenbeifallenden Musiker sorgten bei schon abebbendem Zuhörer-Beifall für ein neues Brausen und eine zweite Zugabe), wie man dem Publikum nicht nur seidige Klänge in die Ohren, sondern auch Schmunzeln auf die Lippen zwingt. Ein perfekter Musiker, und ein begeisternder Showman. Herrlich. Hoffentlich sehen und hören wir ihn wieder einmal.

Begonnen hatte das Konzert mit Ērik Ešenvalds‘ „Fanfare“. Der Lette ist ein Instrumentierungskünstler, ein Mitreißer und, wenn’s zum Wachwerden nötig ist, ein schrägtöniger Vogel (Anfang). Der ursprünglich vorgesehene, kurz vor dem Konzert erkrankte Dirigent Karel Mark Chichon, hatte dieses geballte Tönegebirge mit ruhigen Tälern 2010 uraufgeführt. Wäre interessant gewesen, ihn dabei hier zu erleben. Lan Shui, der sich vor nichts, aber gar nichts aus der zeitgenössischen Musik fürchtet, sprang in dieses Werk, das er wohl neu einstudieren musste, mit sichtbarer Begeisterung. Er zeigte schon damit sein Ausnahmetalent.

Ach übrigens: Steven Isserlis hat keine Sekunde bereut, den zweiten Teil miterlebt zu haben. So gestenreich, wie er einem Bekannten das Erlebte beim Rausgehen nacherleben ließ, hätte er die Strauss’sche Bemerkung zur „vorzüglichen Städtischen Kapelle zu Chemnitz“  wohl blind unterschrieben. Die Zuschauer sowieso. Damals, vor sieben Jahren, bei „Tod und Verklärung“, kämpften sie zusammen mit dem Theaterförderverein um den Erhalt der Robert-Schumann-Philharmonie als A-Orchester. Am Donnerstag wurden sie wieder bestätigt, wie recht sie damals hatten. Und wie gut es ist, dass sie erfolgreich waren.

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