Aus den Häusern 14. Juni 2020

„Schreiben Sie uns um!“


Sommerspielplan-Premiere im Küchwald: „Es war die Lerche“ – herrliche Kishon-Komödie lässt Corona vergessen -

„Schreiben Sie uns um“, flehen, gealtert und alltagsgeprügelt, Romeo und gar nicht mehr „seine“ Julia den „Maestro“ an. Den Sonetten-Säusler und Dramen-„Massenmörder“ Shakespeare küsst zwar grad die Muse nicht. Aber den beiden Veroneser Weltliteraturstars, die auferstanden von den Scheintoten lieber inzwischen in Pamplona (Ehe-stier-)kämpften, kann er noch immer auf die neuerlich doppelgemordeten Beine helfen. Corona hätte er nicht umschreiben können. Kishons Komödie hat bei der Premiere am Samstagabend im Küchwald trotzdem gut in die Zeit gepasst wie die sprichwörtliche Faust aufs Auge.

Am Nachmittag noch Gewitter über Chemnitz. Latente Bedrohung. Kommt die abendliche Premiere da heil raus (wie wir hoffentlich aus der C-Krise)? Abends dann der Himmel so „azurro“, wie es zum Auftakt aus den Lautsprechern schallte. Kein (giftiges) Lüftchen. Die Ränge maximal Hygiene-gehorchend ausverkauft besetzt, 300 statt 800. Physical distancing auch auf der Bühne – ein langer Tisch, an dem sich die Gar-nicht-mehr-Liebenden über geschätzte dreifache Corona-Distanz anblaffen statt Liebe auf dem engen Veroneser Balkon zu hauchen. Drei Schauspieler in gehörigem Abstand, die Rosen zum Beifall in vorsichtiger Distanz abgelegt statt dankbarst überreicht. Das streitsüchtige Paar droben (nö: drunten) auf der Bühne hätte sich eh nicht mehr geküsst nach 29 Jahren und acht Monaten (Ehe-)Krisenkampf, das Publikum trug brav vor und nach der Vorstellung den Kusskiller MNBBS (Mundnasenbrillenbeschlagschutz).

Pubertiertochter Lucretia stammt möglicherweise gar nicht von Romeo und wurde vielleicht sogar der Mutter untergeschoben, obwohl die das ja besser wissen müsste. Aber was heißt das schon. Auch Shakespeare soll es ja nicht gegeben haben, obwohl er dank Schlegel und Tieck romantisch Jahrhunderte in Wälzern und auf Weltbrettern überwintert hat und er jetzt auf der Küchwaldbühne leibt und lebt. Und wuselt, und in der leibhaftigen Umwandlung als Alexander Ganz auch fröhlich schöne Choreografien entworfen hat, nicht so ein Gavottetrottzeug, wie es jahrhundert- und länderverrutscht Dutzende von Shakespeareaufführungen Renaissance-faket. Da wandelt der Insel-Dichterfürst lieber auf seriösen Info-Spuren und sucht sich die Plots für seine aktuellen Mörder- und Machtmachwerke (er ist ja Meister des „am schönsten Geschriebensten“), die er im rum-rum-rum-Drehen im Grab sinniert, aus der Lektüre der „Freien Presse“, die auch auf dem Frühstückstisch von Romeo liegt. Zum Lesen kommt der allerdings nicht. Weil Julia zu blöde ist, Kaffee warm auf den Tisch zu bringen. Von einem ordentlichen Rettich (oder gar Radieschen) für das „Häschen“ Romeo (fast) ganz zu schweigen.

Ephraim Kishon, israelischer Satiriker mit Wurzeln aus Ungarn (geboren 1924 in Budapest) und gelernter Sturkopf aus dem Schweizer Hochgebirge (gestorben 2005 in Appenzell), kennt alle menschlichen Schwächen. (Am Rande: er war auch dreimal verheiratet. Seine Tochter heißt nicht Lucretia, sondern Renana, die auch schon mal ein Buch ihrer Vaters („Ein Schnuller mit dem Namen Zezi“) illustriert hat.) Kishons Humor ist bisweilen nicht nur umwerfend, sondern geradezu umhauend. Aber er beherrscht auch Florett, nicht nur Degen. Er kann „dichten“ (reim Dich, oder ich fress‘ Dich), Sätze wie: „Es ist die Tragik unseres Lebens/Es ruft das Fleisch, der Geist wehrt sich vergebens“, wenn der Pater wie Lorenzo ein Schwerenöter ist. Es ist ihm auch egal, weil sein Shakespeare sich eh nicht mehr erinnert, ob es die Nachtigall oder die Lerche war, hauptsächlich zwergige „Zwerche“ reimen sich drauf. Und wenn er mal nicht gerade auf ein Opfer verzichten muss, kalauert er auch munter vor sich hin, selbst wenn’s um des abgehalterten Tanzlehrers Romeo neue Geliebte, die Gummi-Bettflasche geht. Die ist nicht rot, wie jenes Gummiboot, sondern Rosa. Und hört auf den schönen Namen „Rosalinde“. Und pardauz, wie heißt deren Mutter? Richtig: Rosamunde.

Kishon kennt aber auch seinen Shakespeare. Offenbar in– und auswendig. Und nicht nur die schließlich ersaufende Ophelia, sondern auch den schwarzgekleideten Fastgatten mit dem Totenschädel. Er zitiert die Macbeth-Hexen und sonst noch so einiges, was Julia erliest, ehe sie über ihrem Literaturvater Shakespeare einschläft und ihr das Reclambändchen aus der Hand fällt.

Da sind wir dann aber endlich auch bei Kathrin Brune. Sie hat die Komödie wunderbar feinfühlig mit leichter Hand inszeniert (Katrin Brune hat offenbar ein Händchen für Lebensumschreibstücke, siehe ihre Inszenierung von Frischs "Biografie", die wir im Schauspielhaus gesehen haben) inszeniert, durchdacht bis in kleinste Kleinigkeiten. Was, nur als Beispiel, für eine fabelhafte Idee, Pater Lorenzo mit dem Rollator „to go“ zur Beichte zu bestellen, wenn’s jetzt auch alles andere Togo gibt. Oder die Splapstick-Erinnerung an die Hochzeitsnacht mit jäh gestopptem, weil grad keine Lust-Anlauf vor dem Küchentisch, unter dem sie schließlich liegen, pseudogiftbesoffen die Hände vergeblich nach dem Partner krabbelnd. Der absolut nicht mehr scharfe, nudelig kippende Phallus-Rettich, die Krönung der Alltagstrottrache im Ausschütten des Rosalinde-Wassers über die vorher pflichtgemäß gießkannenbewässerten Kleinbürger-Geranien…

Was aber insgesamt so stimmig wirkt, ist Brunes klares Bekenntnis, dass das alles nur ein Spiel, ein Schauspiel, ist. Da wird nicht versucht, billige Millowitsch-Kleinbürgerlichkeit am wachstischtuchgedeckten Küchentisch für Lacher zu demonstrieren. Bei Kishons Sprache und Spitzfindigkeiten darf das nicht eine Komödie zum Schenkelklopfen sein, sondern eine zum verstehend freudig Schmunzeln. Das hat Kathrin Brune geschafft.

Mit ihren großartigen Schauspielern. Sie haben textlich sauschwere Rollen, die superleicht daherkommen sollen. Was ist das für ein Monolog, den Shakespeare-Kishon-Alexander Ganz mit der aristotelischen Poetik den Literaturkritikastern aller Jahrhunderte um die Ohren haut! Zu Recht Beifall auf offener Szene für den schauspielernden (kann er – im Gegensatz zu Text – mindestens so gut wie das Schreiben) Shakespeare mit dem goldenen „Knackarsch“ (Bühne und Kostüme Pia Wessels). Die Wandlungsfähigkeit von Ulrike Euen unter den verschiedenen Perücken, dem weißen Ammenpanzer, dem roten Lucretia-Hudel und den halben Wellenpuffärmel, ihre Stimmmodulation, ihre typentsprechenden und doch so natürlichen Bewegungen – toll. Und dann noch dieser Andras Manz-Kozár, von dem man nicht weiß, ob er uns als Romeo lieber ist oder als Pater Lorenzo oder als Mischung beider Frustrierter, wie Kishon die Figuren auch im Innern angelegt hat.

Viel Beifall. Rundum fröhliche Gesichter. Das sturm- und gewitterfreie Wetter hielt. Hoffentlich ist auch Corona egal, ob’s die Nachtigall oder die Lerche war. Und alle bleiben gesund. Unter Einhaltung der gar nicht komischen Regeln. Brav gehen erst die Reihen 5 – 8, dann die unteren. Und draußen spazieren alle, ohne MNBBS in den angenehmen Abend über die grüne Küchwaldwiese.  

Die nächsten Vorstellungen: 20. und 21. Juni, 7. und 21. Juli

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