Rund ums Theater 03. Februar 2020

Vogtland. Leninorden. Franzosennamen

Spielzeit im Kraftwerk: Schon wieder eine Überraschung--

Der Vater stammte aus Untersachsenberg im Vogtland. Er selbst wurde auf der Krim geboren und bekam später den Leninorden. Und wurde einer der großen Komponisten der Stalinzeit. Aus Herrn Glier wurde der Prokofjew-Lehrer Glière. Französisch klingt halt globaler. Sagt, was Ihr wollt. Aber die Spielzeit im Kraftwerk, die Jakub Tylman, Solo-Cellist der Robert-Schumann-Philharmonie, einst aus der Taufe hob, ist mittlerweile nicht nur Kult, sondern immer auch für Überraschungen gut. Heute Abend, im gut besetzten Chemnitzer Kraftwerk, war es wieder mal so weit.

Julia Flögel und Rolf Müller, Cello-Kollegen von Jakub Tylman, spielten Glière. Dessen Duos für zwei Celli op. 53. Außer vielleicht den Philharmoniker-Kollegen, die sich diese Show nicht entgehen lassen wollten, hatte diese Duos wohl keiner der Zuschauer je gehört. Wetten?

Überraschende Musik. Als „Romantik“ angekündigt. Aber weit in die Moderne reichend. Jetzt wissen wir, woher Prokofjew die eine oder andere musikalische Verrücktheit gelernt hat. Halbton-Reibungen, rhythmische Antagonismen. Was aber noch mehr faszinierte: Glière weiß, wie man mit Streich-Instrumenten umgeht. Er selbst hat bei Ševčík gelernt, jenem Etüden-Quäler aller (nicht nur großen) Geiger.

Julia Flögel und Rolf Müller können miteinander. Kleines Kopfnicken, und schon stürzen sie sich perfekt identisch in absurde Sechzehntelläufe, sie wusseln in der Tiefe, während Partner*in (Genderismus sei verziehen) oben die Melodie singt – ganz oben, wo das Griffbrett schon fast in die Tiefe stürzt. Ihre Glissandi und Portamenti (für Nichtfachleute: da rutschen die Töne von einem zu anderen) stimmen perfekt. Großartig.

Vorher Jakob Kleins Suite I. Der Niederländer Klein, viel früher, Wende 16./17. Jahrhundert, war Tanzmeister, Kaufmann und Gummihändler. Und Musiker. Und was für einer. Er hat das Instrumentenstreichen quasi neu erfunden. Schrieb Fingersätze wie keiner vor ihm. Und Doppelgriffe, dass man ein halbes Orchester ahnt. Flögel und Müller bewiesen, dass mit Klein Barock ganz groß sein kann. Auch das eine tolle Überraschung.

Und noch eine Überraschung: Ex-Kraftwerk-Powerfrau Ute Kiehn-Dziuballa war diesmal nicht da. Sie überließ die Dankesworte ihrer Nachfolgerin Cynthia Kempe-Schönfeld. Gut gemacht.

Wieder ein Super-Nova-Abend im Kraftwerk. Das nächste Konzert verspricht wieder eine Überraschung: Am 16. März kommt das Satyr-Quartett. Der Name schon sei „anspielend auf die mutwilligen, ausgelassenen Gesellen des Dionysos und neckischen Freunde der Nymphen aus der Mythologie“, heißt es. Das kann ja heiter werden…

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